Heinrich Geldmacher weiß viel aus Historie des Dorfes und des Landes zu erzählen

Deutschstunde in alter Dorfschule

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Heinrich Geldmacher in der nachgebauten Spinnstube seines Heimatmuseums neben einer Schaufensterpuppe in Trachtenkleidung.

Volkmarsen-Lütersheim - Eineinhalb Jahrhunderte Dorf- und Weltgeschichte spiegeln sich im Heimatmuseum im Dorfgemeinschaftshaus Lütersheim wider.

Wer mit Heinrich Geldmacher über knarrende Treppenstufen das Obergeschoss der ehemaligen Dorfschule erreicht, tritt in eine andere Welt ein, an die sich gerade mal ältere Menschen erinnern können. Alte Butterfässer, Spinnräder, Röhrenrundfunkgeräte, Schiefertafeln auf einem alten Schultisch, eine Schaufensterpuppe, eingehüllt in eine Tracht, die nur noch auf Heimatfesten oder in Folkloregruppen getragen wird.

Geldmacher, der Museumsmacher, hat auf einer Etage die Bereiche Landwirtschaft, Handwerk, Schule, Vereine und nicht zuletzt Zeitgeschichte versammelt. Der lange Zeit in der Kyffhäuser-Kameradschaft aktiveGeldmacher vermittelt über die üblichen Sammlungen alter Handwerksgegenstände oder Leinendessous hinaus (Welt)geschichte.

Einblick ins Tagebuch

Besucher bekommen Einblick in ein 1826 begonnenes Tagebuch, in dem das Leben einer Familie beschrieben wird, wie der Zehnte an den Fürsten regelmäßig abgegeben wurde und die Entwicklung im Dorf beschrieben wird. Gesellen- und Schulzeugnisse von anno dazumal nehmen sich weitaus prächtiger aus als das heute der Fall ist.

Die Herkunft der Kyffhäuser-Kameradschaft aus den alten Kriegervereinen des 19. Jahrhunderts spiegelt sich auf breiter Front in der Heimatstube wider. An einer Wand wurde eine sogenannte Ehrentafel zur Erinnerung an die Teilnehmer und Gefallenen des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 angebracht, und ebenso pathetisch nimmt sich eine Tafel des Kriegervereins zum Ersten Weltkrieg aus. Darin werden die Namen der „Feldzugteilnehmer“ und der Gefallenen angegeben. Der Verein erweckte seinerzeit in der verzerrenden Darstellung den Eindruck, die Söhne Lütersheims seien für eine gerechte Sache ums Leben gekommen. Unter einer Vitrine mit Briefen, aufgeschlagenen Büchern und alten Fotos wird ein Sattel von Geldmachers Vater aufbewahrt. Den hat der Angehörige eines Dragoner-Regiments zum Kriegsende geschenkt bekommen und von Verdun nach Hause geschleppt.

Die Opfer der Kriege finden sich aus dieser Perspektive schwerpunktmäßig auf der eigenen, der deutschen Seite. Bewegend ist der Brief, den der Kamerad eines gefallenen Lütersheimer Wehrmachtssoldaten an dessen Witwe nach dem Krieg geschickt hat. Er beschreibt darin die letzten Lebensminuten des Familienvaters, der bei der Rettung verwundeter Kameraden im Gefecht mit französischen Soldaten von einer Gewehrkugel erwischt wurde. Der Kamerad konnte den Lütersheimer noch in den Graben ziehen. In dem später verfassten Brief an die Witwe zitiert er auch die letzten Worte des Sterbenden, Grüße an die Familie.

Mit Schmeling auf Kreta

Von der Wand prangt ein Bild von Fritz Michels, der mit dem berühmten Boxer Max Schmeling als Soldat auf Kreta war. Dazu gibt es einen Brief, den der Sohn des Autobauers Benz, Heinrich Benz, an Michels schrieb. Wie in einem Zeitraffer bindet Geldmacher anhand von Fotos und historischen Aufsätzen die lokalen Ereignisse in die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts ein. Weltkriege, Kriegsfolgen, Vertreibung und Wiedervereinigung sind die in dem Museum gesetzten Schwerpunkte. Da findet sich ein Foto, das ein Lütersheimer von dem Diktator Adolf Hitler gemacht hat, steht der Koffer der Vertriebenen-Familie Kircheis aus Rosendorf im Sudetenland oder Fotos von einem Flüchtlingslager in Volkmarsen.

Ein Großteil der Ausstellungsstücke ist der Heimatgeschichte gewidmet: Fotos, Schriftstücke, alte Gemeindebücher oder Literatur aus weit über 100 Jahren. Ziemlich genau wird beschrieben, wie viel Geld für die Aussteuer einer jungen Frau benötigt wird. 280 Mark werden benötigt, um einen eigenen Hausstand einzurichten, weitere 500 Mark, um ihn behaglicher zu bekommen, so die Bilanz einer Liste mit unerlässlichen und wünschenswerten Dingen für die Einrichtung.

Heinrich Geldmacher weiß bei einem Rundgang durch die Bereiche Landwirtschaft und Handwerk anschaulich zu berichten, wie seinerzeit Holzräder hergestellt, Schweine geschlachtet, Kühe gemolken, Schuhe gemacht oder die Bürger des Dorfes mit eigenem Haus in Hand- und Spanndiensten Dorfstraßen und Feldwege anlegten. Zu solchen Eigenleistungen waren Einwohner der Gemeinden früher verpflichtet.

Geldmacher stammt selbst aus einer Landwirtschaft und hat viele Arbeitsabläufe von früher noch gut in Erinnerung. Aus dem eigenen Bauernhof, aber auch von anderen Bürgern und nicht zuletzt von Flohmärkten stammen die Exponate. Der Volkmarser Gottfried Wabra, Fernmeldetechniker und geschichtlich interessierter Sammler, hat Geldmacher einige Stück überlassen. So richtig behaglich ist es in einer Spinnstube, in der auch ein Schaukelstuhl mit Tabakspfeifensammlung und Akkordeon Aufschluss über das Leben der Menschen früher geben.

Besucher willkommen

15 Jahre lang hat Geldmacher die Ausstellungsstücke gesammelt, und vor zwei Jahren wurde das Heimatmuseum eröffnet, für das Geldmacher selbst das Obergeschoss der ehemaligen Dorfschule renoviert hat. Die moderate Miete, die die Stadt erhebt, teilen sich der Ortsbeirat, der Schützen- und Heimatverein und Geldmacher selbst.

Gruppen aus der Region haben bereits das kleine Museum im DGH besucht. Über weitere Besucher, vor allem auch Schüler, würde sich Geldmacher freuen. Sie können sich bei ihm unter der Telefonnummer 05693/74434 anmelden. Der Eintritt ist frei. (ah)

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