Die Schicksale dreier Lebensbornkinder · WLZ-FZ-Serie zur Arbeit des Internationalen Suchdienstes (Folge 4)

„Die Seele kann das nicht verarbeiten“

- Nach all diesen Jahren der Ungewissheit und der Lügen scheinen sie endlich am Ziel. Sie haben einen Teil ihrer Identität gefunden. Verloren haben einige von ihnen auf dem Weg dahin ihre Mutter. Drei Erinnerungen von Lebensbornkindern.

Bad Arolsen. Der Schmerz wird niemals verschwinden. Wenn Margret Schlincke morgens aufsteht, sind die Gedanken an ihre Herkunft präsent. Sie ziehen sich durch den ganzen Tag, lassen sich nicht abschütteln. Am Abend nimmt die 69-Jährige die Erinnerungen wieder mit in den Schlaf.

Lebensborn: Worüber andere Dissertationen geschrieben und Filme gedreht haben, das gehört zu ihrer Biografie. Sie ist, wie Astrid Eggers und Elke Sauer, ein Lebensbornkind. Das rassenideologische Programm der Nationalsozialisten (siehe Hintergrund) brach 1945 mit dem Dritten Reich in sich zusammen. Es sollte dazu führen, die Geburtenrate „arischer Kinder“ zu erhöhen. „Zeitgleich wurden andere Mütter und Kinder – Behinderte, Juden, Sinti und Roma – als ‚lebensunwert‘ ausgesondert und massenweise ermordet“, so ITS-Historikerin Dr. Susanne Urban. Über der von Hitler und der SS so stark herbeigesehnten Elite des Dritten Reiches, den Lebensbornkindern, lag lange Zeit ein Mantel des Schweigens. Doch immer mehr von ihnen versuchen, diesen Mantel abzustreifen.

Margret Schlincke ist im Harz geboren. Die Mutter kommt aus einer Unternehmerfamilie, verliebt sich und wird schwanger. „Das Heim war für sie eine Möglichkeit, anonym zu gebären. Alles andere wäre gar nicht geduldet worden“, findet die Tochter eine Erklärung. Damals galt: Wenn die Mutter es nicht wünschte, erfuhr niemand von der Geburt. Es gibt Fälle, in denen adoptiert die wahre Mutter offiziell ihre uneheliche Tochter, damit beide zusammenbleiben können.

Nicht zu dem gestanden zu haben, was geschehen ist – das wirft Margret Schlincke ihrer Mutter und der damaligen Generation auch heute noch vor.

Andere Menschen verfassen ihren Lebenslauf chronologisch: Geburtsdatum und Geburtsort, Eltern, Ausbildung. Margret Schlincke, Astrid Eggers und Elke Sauer fangen von hinten an. Erst nach und nach bringen sie Licht in die Schatten der Vergangenheit.

Jahrzehntelang schwiegen die Eltern und die Gesellschaft. Ein anonymes Leben, „in dem wir ständig belogen wurden“, so Schlincke. Das Verhältnis zur Mutter war keines, gibt sie zu.

Margret Schlincke war lange Zeit auf der Suche nach ihrem wahren Vater. Bei diesen Nachforschungen hörte sie das erste Mal vom „Lebensborn“. Während eines Aufenthalts in Wernigerode, also durch Zufall, ging sie am Brockenweg entlang und stieß auf das ehemalige Lebensbornheim. Vor zwei Jahren schloss sie sich dann dem Verein „Lebensspuren“ an. Der Verein versteht sich als Interessengemeinschaft, die Lebensbornkinder und ihre Familien unterstützen, das Thema aufarbeiten will. Der Aufbau eines Archivs, einer Dauerausstellung und eines Informationszentrums im ehemaligen Lebensbornheim in Wernigerode gehört zu den Zielen des Vereins. „Hier finde ich Gleichgesinnte. Für dieses Martyrium, das ich erlebt habe, habe ich jetzt endlich eine Erklärung. Die Verschwiegenheit meiner Mutter war schwer zu verkraften“, erzählt sie.

Trauma bewältigen

„Ich möchte den Faden jetzt abschneiden und bei der Jugend für viel mehr Aufklärung sorgen. Dieses Kapitel muss beleuchtet und aufgearbeitet werden.“ Der Verein ist wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben. „Wir müssen den Betroffenen, die noch nicht in unserer Familie sind, helfen.“ 8000 Lebensbornkinder gibt es den Unterlagen zufolge, ihr Verein hat 70 Mitglieder. „Das sind einfach zu wenige. Wir müssen die Leute aus der Isolation holen. Diese Art von Trauma kann eine Seele allein nicht bewältigen.“

Vertrauen. Das ist es, was die Opfer der nationalsozialistischen Politik wieder lernen müssen. Der Verein soll dabei helfen. Ausdrücklich lobt sie die Ausstellung, die Jugendliche aus Eberswalde ausgearbeitet haben.

Ein Name, der nicht ihr gehörte. Eine Lebensgeschichte, die nicht ihre war. Und eine Familie, die nie wieder zusammenfinden sollte. Das Schicksal kennt auch Astrid Eggers. 31 Jahre lang lebte sie in der Gewissheit, in Lodz geboren worden zu sein. Doch als sie ihrem heutigen Ehemann das Jawort geben wollte, fiel das Lügengebilde in sich zusammen. Die Ehe konnte nur mithilfe einer eidesstattlichen Erklärung der Mutter geschlossen werden. „Ich begann zu forschen und schrieb überall hin, wo ich eine Adresse fand.“

Die ersten Monate ihres Lebens liegen bis heute völlig im Dunkeln. Es existieren Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass sie ein hoher SS-Offizier in seine Obhut genommen hat. Ob es stimmt? Sie weiß es nicht. „Das hört nicht auf.“

Doch sie schöpft aus diesem Umstand auch neue Kraft: „Wir Lebensbornkinder müssen darüber reden.“ Immer und immer wieder, privat und öffentlich, eindringlich und manchmal auch tränenreich. „Ich habe es auch ein Stück weit als Therapie für mich eingesetzt.“ Ganz geheilt ist Astrid Eggers (geboren im Februar 1943) nicht. „Ich hatte Phasen, in denen ich viel geweint habe. Dann bekam ich hektische Flecken, als mir Leute zuhörten. Ab und zu bleibt mir auch heute noch die Stimme weg“, erzählt sie. „Dann ärgere ich mich, weil ich gedacht habe: ‚Du hast es gepackt.‘ Aber es ist und bleibt eine Wunde.“

„Ob das wohl stimmt, was Mutter erzählt hat? Ich forsche lieber mal nach“, sagte sie sich oft und wiederholt. So setzte sich Stück für Stück das Puzzle zusammen, bei dem heute nur noch einige Stücke fehlen. Doch jeder einzelne Fund kostete Kraft und Energie.

„Ich kann nichts dafür, dass ich im Lebensbornheim geboren bin. Ich hatte nie das Gefühl, mich für das, was meine Mutter gemacht hat, verantwortlich fühlen zu müssen oder mich zu schämen.“

Einmal kam ihre Mutter zur forschen(den) Astrid und warf ihr vor: „Du bist gar nicht mehr du selbst.“ Die Tochter antwortet schlicht: „Gott sei Dank.“ Mit 18 bekommt sie einen Brief. „Mir wurde mitgeteilt, dass ich ab sofort keinen Vormund mehr habe“, berichtet sie und schüttelt den Kopf. Der Name der Person war ihr komplett unbekannt, ist er bis heute. Wahrscheinlich war es ein Vormund durch das zuständige Amt.

Namenlose Wesen

„Unsere Wunden sind bis heute nicht vernarbt“, sind sich die drei unfreiwilligen Zeitzeugen sicher. Teil eines Experiments zu sein und mit einer Lebenslüge aufzuwachsen – das hat stärkere Spuren hinterlassen, als es sich Außenstehende vorstellen können. Und dann diese Ohnmacht im Kampf gegen die eigene Mutter.

Für Astrid Eggers hat sich mit der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte eine neue Welt aufgetan. „Ich hatte vorher ständig das Gefühl, unter einer Glocke zu leben. Ich weiß nicht, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Und wer damals bei mir war“, beschreibt Astrid Eggers ihre Lage. Der Vater ist ein Unbekannter, ob sie seine Stirn, seine Nase oder sein Naturell geerbt hat, weiß sie nicht. Welchen Beruf hatte er? Was waren seine Vorlieben?

„Das Lebensbornheim habe ich als Entbindungsstation wahrgenommen, mir wurde nie etwas anderes gesagt“, so die 68 Jahre alte Elke Sauer. Erst durch die Medien erfuhr sie von den wahren Hintergründen, „so wie jeder andere auch“. Das Prinzip Lebensborn „haute mich um. Namenlose Wesen zu erschaffen und Lügengespinste mutwillig aufzubauen, um die Herkunft der Kinder zu vertuschen“.

Ein Kind ohne Identität – das ist für Elke Sauer im Rückblick das Schlimmste. „Ich habe fünf Jahre gebraucht, bis ich realisiert habe, dass ich nur ein einziges Mal meinen Vater gesehen habe.“ Im Kasseler Raum machen die kleine Elke, ihre Schwester und die Mutter Urlaub. In einer Gaststätte stellt sich ein fremder Mann vor das siebenjährige Mädchen, schaut sie intensiv an, streicht durch ihr Haar. „Du musst immer lieb zu deiner Mutter sein“, sagt der Unbekannte und verschwindet. Diese Szene hat sich ins Gehirn gebrannt. Das Treffen hatte wohl die Mutter arrangiert. „Das war mein Vater“, ist Elke Sauer heute überzeugt.

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