Hermann Krumey wurde als NS-Täter zu lebenslanger Haft verurteilt · WLZ-FZ-Serie über den ITS (Folge 19)

Eichmanns Helfershelfer in Ungarn Umstrittener Judenretter

- Der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen dient Opfern der Nazi-
Verfolgung, indem er ihr Schicksal mit Hilfe seiner Archive dokumentiert. Folgerichtig finden sich dort auch Hinweise auf hochrangige NS-Täter – wie Hermann Krumey, 
der nach dem Krieg in Korbach lebte.

Von Thomas Kobbe

Korbach. Am 1. April 1957 nehmen Polizeibeamte in der Korbacher Bahnhofstraße einen Waldecker Kreistagsabgeordneten fest. Hermann Krumey wird Beihilfe zum Massenmord vorgeworfen. Er soll als SS-Obersturmbannführer 1944 in Budapest die Deportation von 440 000 ungarischen Juden in die Vernichtungslager mit organisiert haben. „Ferner wirft ihm die Anklage räuberische Erpressung vor, weil er im Einvernehmen mit dem Leiter des Juden-Vernichtungskommandos, dem bisher nicht aufgefundenen 
SS-Führer Adolf Eichmann, für die Freilassung von Juden sehr hohe Geldbeträge verlangt und in Empfang genommen haben soll“, berichtete die WLZ am 4. April 1957 von der Verhaftung. Der gelernte Drogist Krumey, der in Ungarn zum engsten Mitarbeiterstab Eichmanns gehörte, verkaufte in Korbach Rasierseife und Badezusätze.

Geboren am 18. April 1905 in Mährisch Schönberg kam Krumey 1948 als entlassener Kriegsgefangener, der von den Alliierten zunächst nur als Mitläufer eingestuft worden war, ins Waldecker Land, machte sich mit einem Zelt- und Planenverleih und später mit einer 
Drogerie in der Bahnhofstraße selbstständig.

Politisch hatte sich Krumey im Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) enga-
giert. Die Partei wurde 1951 auf Bundesebene mit dem Ziel 
gegründet, die Interessen der Kriegsgeschädigten und Vertriebenen zu vertreten. Der BHE zählte 1950/51 etwa 200 000 Mitglieder, war in ideologischer Hinsicht stark völkisch geprägt und hatte unter seinen Funktionären einen größeren Anteil an früheren Nationalsozialisten als alle anderen Parteien. Nach der Kreistagswahl am 28. Oktober 1956 stellte der BHE fünf Kreistagsabgeordnete in Waldeck.

Krumey war bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, Anfang 1935, der Sudetendeutschen Heimatfront beigetreten. Die kurze Zeit später in Sudetendeutsche Partei (SdP) umfirmierte Gruppierung war von Konrad Henlein gegründet und geführt worden. Nachdem im Oktober 1938 in Folge des Münchner Abkommens das 
Sudetenland dem Deutschen Reich zugefallen war, wurden 
die SdP-Mitglieder in die NSDAP übernommen. Einen Monat später trat Krumey der SS bei.

Im Dokumentenbestand des ITS taucht der Name Krumey zunächst unter dem Protokoll einer Besprechung auf, die 
am 4. Januar 1940 in Berlin stattfand. Thema: „Juden- und Polenevakuierung in den Ostgebieten in allernächster Zukunft.“ Ein weiteres Dokument mit dem Vermerk „Geheim“ hat Krumey am 21. November 1942 als Leiter der Umwandererzentrale Litzmannstadt unter-zeichnet. Die „Arbeitsanweisung für das Polensammellager Zamosc“ umfasst drei Seiten. Aufgeführt werden darin etwa die Gesichtspunkte, nach denen die „Verteilung der Polen“ erfolgen soll. Die vom „Rasse- und Siedlungshauptamt der SS“ 
bereits eingeführte Einstufung in „Wertungsgruppen“ diente 
dabei als Grundlage. So wies Krumey an, die im national-
sozialistischen Sinne „wertvollen“ Polen ins Altreich zu vermitteln. Für Familien und Personen der untersten Wertungsgruppe lautete die Anweisung: „werden als Arbeitskräfte nach ,Birkenau‘ überstellt“.

„Unnachsichtige Härte“

Im Abschlussbericht über 
die Arbeit der Umwandererzentralstelle, datiert vom 31. Dezember 1942, schreibt Krumey, wie mit schwangeren Frauen 
zu verfahren ist, die nach ihrem Arbeitseinsatz im Altreich in ihre frühere Heimat zurückkehren. „Es wäre zu erwägen, ob nicht diese Kinder den Müttern unter gewissen Voraussetzungen nach einer bestimmten Zeit abgenommen werden sollten. Die Kinder guten Blutes könnten in Heime untergebracht werden, während die anderen einer Sonderbehandlung zugeführt werden müssten.“

Krumey legt in dem Bericht Rechenschaft über den „Verbleib der ausgesiedelten bzw. verdrängten Polen“ ab, schildert die „Probeerfassung des 
gesamten Polentums“ in mehreren Kreisen und Bezirken und verdeutlicht seine Weltanschauung: „Die planmäßige Lösung der Fremdvolkfrage im Großdeutschen Raum wird wohl die nächste Zukunft und darüber hinaus noch Generationen beschäftigen. Der Grundstein für die Richtung, nach welcher 
ohne Kompromiss vorgegangen werden muss, kann aber nur von der jetzt lebenden Generation gelegt werden, denn den nachkommenden Geschlechtern fehlt später das persönliche Erlebnis, das notwendig ist, um den Weg mit unnachsichtlicher Härte zu gehen.“

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 19. März 1944 kommt der damals 38-Jährige im Gefolge von Adolf Eichmann, dem Leiter des Referats IV B 4 („Auswanderung 
und Räumung“) des Reichssicherheitshauptamts, nach 
Ungarn. Krumeys Aufgabe: Als enger Mitarbeiter soll er in Budapest Judenräte einsetzen, um den Austausch von ungarischen Juden gegen Lösegeld und kriegswichtige Güter zu organisieren. Als „Verhandlungspartner“ kommen Mitglieder des jüdischen Hilfs- und Flüchtlingskomitees „Waada Ezra we Hazalah“ in Betracht, die über Verbindungen in die neutrale Türkei oder zur Jewish Agency in Palästina verfügen.

„Geschäfte mit dem Teufel“ nennt Ladislaus Löb dieses Vorhaben. Löb gehörte zu einer Gruppe jüdischer Männer, Frauen und Kinder, die 1944 durch den ungarischen Juden Rezsõ Kasztner aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen freigekauft wurden. Das erst kürzlich erschienene Buch des emeritierten Professors für 
Deutsche Sprache und Literatur an der britischen Universität Sussex schildert „die Tragödie des Judenretters Rezsõ Kasztner“ aus der persönlichen Sicht eines Geretteten. Es basiert in erster Linie auf den Berichten Kasztners und weiterer Augenzeugen, ergänzt durch Zeugnisse Überlebender. Und es 
beleuchtet die Rolle des späteren Wahl-Korbachers bei diesem widerlichen Handel.

Zurück zum 19. März 1944. Nur wenige Stunden nach dem Einmarsch der Deutschen tauchen Krumey und Hauptsturmführer Dieter Wisliceny, ebenfalls ein enger Mitarbeiter Eichmanns, im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinschaft auf und laden die Leiter aller jüdischen Organisationen in Budapest zu einem Treffen am nächsten Tag vor. Mit aufrichtiger Miene versichert ihnen Wisliceny dabei, „dass keinerlei Grund zur Unruhe bestehe, weil die Juden ihr Leben unter der SS ungestört weiterführen könnten“. Krumey erklärt ebenso höflich, dass es keine Verhaftungen, keine Rechtsverletzungen und keine Deportation geben werde. Eine glatte Lüge.

Kasztner und Joel Brand, ein weiterer Waada-Unterhändler, treffen am 9. April mit Krumey und Otto Hunsche, einem anderen Mitglied des Eichmann-Stabes, zusammen, um den ersten Teil des Lösegeldes abzuliefern. Insgesamt sollten zwei Millionen Dollar (der heutige Wert entspricht etwa dem Zwölffachen dieser Summe) gegen 100 000 Ausreisebewilligungen gezahlt werden. Als Ergebnis weiterer „Verhandlungen“ werden Ende Juni 1944 etwa 1700 ungarische Juden in 31 Viehwaggons in das Konzentrationslager Bergen-Belsen transportiert. Unter 
ihnen der elfjährige Ladislaus Löb zusammen mit seinem 
Vater und die Familie Kaszt-ners. Am 9. Juli 1944 trifft der Zug in Bergen-Belsen ein.

Hermann Krumey taucht mehr als einmal in dem KZ in der Lüneburger Heide auf. Am 16. August 1944, erinnert sich Löb, wählt er „mit einer Liste in der Hand“ rund 300 „Glückspilze“ aus, die in die Schweiz fahren sollten. „Ein Tumult von Freude und Zorn folgte der 
Ansage. Krumey wurde von Hunderten belagert, die ihn in allen Tönen beschworen, sie zur Liste hinzuzufügen. Laszlo 
Devecseri und dessen Frau 
Boris flehten ihn an, ihre Familie gehen zu lassen, weil ihr kleiner Sohn Tamas schwer an der Ruhr erkrankt war. Krumey 
stimmte zu, aber die Groß-
eltern mussten zurückbleiben. William Sterns Vater bat Krumey um das Gleiche, aber als er 30 Familienmitglieder nannte, verpasste ihm Krumey eine Ohrfeige und schickte ihn weg. Da die Deutschen es mit der Identifikation nicht zu genau nahmen, konnten mehrere Leute auf der Liste durch andere ersetzt werden. (...) Schließlich wurden aus den ursprünglichen 300 mit Krumeys Einverständnis 318.“

Löb musste noch mehr als drei Monate auf die Fahrt in die Freiheit warten. „Am Morgen des 
4. Dezember erschien Krumey“ im Lager. „Dann wurde der Plan für unsere Abfahrt bekannt gegeben.“ Drei Tage später überquerte der Zug die schweizerische Grenze. 17 „Unglückliche“ mussten in Bergen-Belsen zurückbleiben, schreibt Löb.

„Beihilfe zum Mord“

Ein Jahr später, im Dezember 1945, bittet Krumeys Ehefrau den umstrittenen Judenretter (siehe Hintergrund) um Hilfe. Hermann Krumey befand sich zu diesem Zeitpunkt in 
britischer Kriegsgefangenschaft. Kasztner lehnt zunächst ab, versichert ihr aber in einem Brief: „Selbstverständlich bin ich, wann immer bereit, schriftlich festzulegen, in welchem Maße Ihr Mann uns in unserem Rettungswerk, manchmal auch mit beträchtlichem persönlichen Risiko, behilflich war.“ An den einstigen Stellvertreter Adolf Eichmanns in Ungarn schreibt Kasztner am 5. Februar 1947: „Ich vergesse nicht leicht an [sic] diejenigen, die für uns in manchen Momenten Verständnis aufgebracht haben.“ In einer eidesstattlichen Erklärung, die Kasztner im Mai 1948 ablegte, „bescheinigt er, dass Krumey in Bratislava 29 Juden gerettet und in Theresienstadt sich ,Befehlen, die die Vernichtung von ungefähr 30 000 Häftlingen 
bezweckten‘, widersetzt habe.“

Nach seiner Festnahme am 
1. April wird Krumey im Juni 
1957 mangels Fluchtverdacht wieder auf freien Fuß gesetzt. Nach Aussagen Eichmanns im Prozess in Jerusalem wird Krumey im Mai 1960 erneut festgenommen und bleibt bis zu seiner ersten Verurteilung 1965 in Untersuchungshaft. Nach neunmonatiger Verhandlung verurteilt ihn das Landgericht Frankfurt am Main im Februar 1965 wegen Beihilfe zum Mord an den ungarischen Juden zu fünf Jahren Zuchthaus. Durch Verrechnung der Haftstrafe mit seiner bereits in 
Untersuchungshaft verbrachten Zeit kommt Krumey frei. „Den Lieferanten der Hölle hilft die verlorene Zeit“: So fasste Spiegel-Prozessbeoachter Gerhard Mauz im Februar 1965 das Urteil im Prozess gegen Hermann Krumey und Otto Hunsche zusammen. Sowohl Staatsanwaltschaft und Verteidigung gingen in Revision, die der BGH durch Aufhebung des Urteils entschied. Das Verfahren wurde an das Landgericht mit der Empfehlung zurückverwiesen, das Strafmaß für Krumey zu erhöhen. Aufgrund der Beweisaufnahme in der neuen Hauptverhandlung wurde Krumey zu lebenslanger Haft verurteilt. Aus Krankheitsgründen vorzeitig aus der Haft entlassen, stirbt er am 
27. November 1981 in Erftstadt.

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