WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 14): Schicksale der NS-Opfer rekonstruiert

„Ein Ort mit unschätzbarem Wert“ Euthanasie-Ausstellung

- Über den Biografien vieler NS-Opfer hängt auch 60 Jahre später noch ein grauer Schleier. Nur wenige Forscher wagen sich an die mühevolle Quellenarbeit. Das ITS in Bad Arolsen leistet dabei wertvolle Hilfe.

Korbach/Bad Arolsen. Ein Totenbuch. Das war alles, mit dem ein Expertenteam vor mehr als drei Jahren startete, um die Geschichte der Euthanasiemorde in den ehemaligen Landkreisen Waldeck und Frankenberg zu beleuchten.

Namen über Namen sind im Totenbuch der Tötungsanstalt Hadamar vermerkt. Anhand der letzten bekannten Wohnorte stellten die Waldeck-Frankenberger eine Liste mit 500 Personen zusammen. 500 Tote, die sich aus verschiedenen Gründen im Bereich Wal-
deck-Frankenberg aufgehalten hatten. Viele waren in die Psychiatrie in Haina eingeliefert worden. Aber es gab auch Einheimische, die an den Folgen des Euthanasie-Erlasses, der von Adolf Hitler auf den 1. September 1939 zurückdatiert wurde, zu leiden hatten. Hinzu kamen Zwangsarbeiter, die in Fabriken und auf Bauernhöfen im heutigen Landkreis ihre Arbeit verrichten mussten.

„Wir wollen die Schicksale aus dem Vergessen und der Anonymität reißen“, hatte Dr. Georg Lilienthal, Leiter der Gedenkstätte in Hadamar (Landkreis Limburg-Weilburg), bei der öffentlichen Bekanntgabe des Projektes als Parole ausgegeben.

Aus 19 Namen der Liste wurde mehr: Sie bekamen eine Biografie, eine Geschichte, ein Gesicht. Was Fanny B., Mathilde K. und Fjokla Sch. unter der Euthanasie im Dritten Reich erleiden mussten, kam erstmals nach 60 Jahren ans Tageslicht. Opfer und Überlebende zeigten die Unmenschlichkeit zu Zeiten des Nationalsozialismus.

Arbeit auf Twister Bauernhof

Beispielsweise Maria K.: Im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen finden sich Akten zu der Zwangsarbeiterin, die Anfang der 40er-Jahre von der Krim ins Deutsche Reich verschleppt worden war. Ein Verzeichnis der Buderuswerke bei Gießen listet ihren Namen am 1. August 1942 auf. Zwei Jahre später wird sie auf einem Bauernhof in Twiste eingesetzt.

Einen gehörigen Anteil an dem Erfolg des Projektes von Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg und Wolfgang-Bonhage-Museum Korbach hat die Arbeit des ITS. „Die dort gelagerten Akten waren eine wichtige Stütze für die zeitliche Einordnung“, findet Marion Möller, die in dem Expertenkreis mitgearbeitet hat. „Es ist ein Ort von unschätzbarem Wert.“

Ein ähnlich hoher Stellenwert ist aus der Forschungsarbeit der 15 Freiwilligen entstanden, die die Ausstellung konzipiert hatten und die Ergebnisse einem großen Publikum zugänglich machten. 7500 Besucher setzten sich mit dem schwierigen Thema auseinander, die Mitarbeiter im Korbacher Wolfgang-Bonhage-Museum gaben fast 100 Führungen für Schulklassen, Vereine und weitere Interessierte (siehe Hintergrund).

Das ITS war durch Suchdienstmitarbeiterin Nicole Dominicus in der ausarbeitenden Gruppe vertreten. Zur ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar bestand durch Dr. Georg Lilienthal Kontakt. Dieses Netzwerk sei bei der Recherche sehr hilfreich gewesen, würdigen ALS-Lehrerin Marion Möller, Museumsleiter Dr. Wilhelm Völcker-Janssen und Lebenshilfe-Chef Dr. Wolfgang Werner. Neben dem ITS nutzten sie auch die Dienste des Hessischen Staatsarchivs in Marburg, des Landeswohlfahrtsverbandes, griffen auch auf private Nachlässe zurück. „Bei einer solchen Suche kann man nicht nur mit einem Archiv arbeiten. Irgendwo gibt es immer eine Lücke“, erklären die drei.

Spur führte in die USA

Die Schreiben der Gesundheitsämter, der Arbeitsämter, Anträge zur Wiedergutmachung und andere Korrespondenz waren Mosaiksteine, die nach zweieinhalb Jahren Forschung das große Ganze ergaben. Mithilfe einer Akte des ITS Bad Arolsen machte zum Beispiel Wilhelm Völcker-Janssen eine Schwester des Opfers Klara L. ausfindig. So wurde der Kontakt zu einer Gemeinde in den USA möglich, wo sie eine neue Heimat gefunden hatte. Die Recherche zeigt aber auch ein Dilemma: Die Nachfahren von Klara L. waren inzwischen verstorben.

Trotz aller Bemühungen: Das Schicksal aller NS-Opfer ist bis heute nicht bekannt. Im Besucherbuch der Ausstellung findet sich beispielsweise ein Hinweis zu dem Opfer Lina Butterweck, das bei den Recherchen nicht aufgefallen war. Das Projekt ist nicht beendet. Die Macher wollen ihre Denkanstöße und die geleistete Aufklärungsarbeit in den Landkreis und darüber hinaus tragen.

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