Heimatforscher Heinrich Bodenhausen berichtet bei Kommersabend über die Not der ersten Neudorfer

Einblick in das Leben der  Vorfahren

- Neudorf im Wandel der Zeiten, beim Kommersabend brachte der Heimatforscher Heinrich Bodenhausen Licht ins Dunkel der 475-jährigen Geschichte.Die schönsten Fotos von der Jubiläumsfeier finden Sie in dieser Bildergalerie.

Diemelstadt-Neudorf (-ah-). Wie lebten die Vorfahren der Menschen im „Nyggendorp am Urhanenberge“? Und wie steht das Dorf im Roten Land heute da, und wie wird es sich weiterentwickeln? Die Feierstunde zur urkundlichen Ersterwähnung im gräflich waldeckischen Landregister vor 475 Jahren bot Anlass, diese Fragen zu beleuchten. Schwieriger Anfang Heinrich Bodenhausen, dessen Wurzeln in Neudorf sind und dessen Familiengeschichte ein gutes Stück Heimatgeschichte im Roten Land widerspiegelt, war aufgrund seiner langjährigen Forschungen in der Lokalgeschichte berufen, die Zuhörerer in die Zeiten zurückzuversetzen, in denen die Vorhaben das Dorf zum Blühen brachten. Dabei war aller Anfang schwer: Der Wald musste gerodet werden, um die Saat für das Getreide auszubringen, und Straßen gab es noch keine, als die ersten Siedler auf den ihnen zugeteilten 400 Morgen einen neuen Start wagten. Der war inmitten von verlassenen und verfallenen Siedlungen auch notwendig und wurde durch die Zeitläufe, Kriege, Seuchen und wirtschaftliche Not, immer wieder behindert. Wüstungen „Die Ersten arbeiten sich tot, die nächsten leiden Not, und die Dritten bekommen endlich Brot“, brachte es Bodenhausen mit einem Sprichwort auf den Punkt. Im Salbuch des Wal­decker Grafen Philipp III. findet Neudorf im Landregister erstmals Erwähnung, gleichwohl müssen in der stark durch die Eisenverhüttungen und die Holzkohleproduktion in den Wäldern geprägten Region schon einige Siedlungen gewesen sein, die nur noch als historische Bezeichnungen für Wüstungen existieren. Der Waldecker Graf hatte sich zu Beginn der Reformation der evangelischen Konfession zugewandt, und das wurde auch von den „Landeskindern“ erwartet. In dieser Zeit wird ein Förster Justus Tepel erwähnt, es war einer der Vorfahren Bodenhausens in dieser von Kriegen und Seuchen bestimmten Zeit. Der 30-jährige Krieg brachte Elend und Gewalt auch ins Rote Land. Die Gräfin Eva wich von Rhoden zur Burg Brobeck bei Neudorf, um vor den Seuchen und kriegerischen Auseinandersetzungen sicher zu sein. Doch die Pest raffte sie dahin. An die Burg erinnert nur noch ein überwachsener Hügel, an die Gräfin ein Gedicht von Christian Fleischhauer, das Ruth Gröticke beim Kommersabend vortrug. Die ersten Siedler mussten das Land vom Grafen und später vom Fürsten pachten, immerhin gehörten die Häuser ihnen, wie Bodenhausen weiter berichtete. Doch mussten sie Teile ihrer Ernte an den Landesherren abgeben und waren sie ihm neben der schweren Arbeit im Wald und auf den Feldern noch dienstpflichtig: Ob Heuernte oder andere handwerkliche Dienste, sie hatten neben dem Durchbringen der eigenen Familie auch für den Fürsten zu arbeiten. Getreide, Flachsanbau, Schafhaltung, hier und da mal ein Schwein oder eine Milchkuh, die Landwirtschaft trug mehr schlecht als recht zum Lebensunterhalt bei. So konnten die Menschen damals froh sein, wenn sie etwas Milch hatten, um sich mit Käse versorgen zu können und den kargen Speisenplan etwas ergänzen konnten: Breie, Biersuppe und Speck gehörten nach der Schilderung von Bodenhausen zu den Standardmahlzeiten. Als die Eisenhämmer eingingen, setzte im 19. Jahrhundert eine Auswanderungswelle ein. Viele Waldecker drängte es in die Vereinigten Staaten von Amerika, von wo her die Kunde schier unbegrenzter Möglichkeiten drang. Die Not trieb auch einen Urgroßvater Bodenhausens in die USA. Insgesamt 90 Neudorfer wanderten in die USA aus. Mit einem Zeitensprung erinnerte Bodenhausen, beruflich viele Jahre als Architekt tätig, an ein weniger bekanntes Kapitel innerhalb der Naziherrschaft. 1940 wurden in einer geheimen Gemeinderatssitzung Pläne für eine komplette Neugestaltung Neudorfs ausgebreitet, die vom Größenwahn und den Blut- und Bodenideen der Nationalsozialisten geprägt waren. Vorgesehen war ein Rundling mit einem Sportplatz sowie einem Verwaltungs- und Parteigebäude in der Mitte, eine Kirche war nicht mehr vorgesehen. Für das Musterdorf hätten die bestehenden Häuser abgebrochen werden müssen. Mit dem Naziregime verschwanden auch die Pläne. Die Dorferneuerung, die in diesem Jahr beendet wird, machte jedoch aus Neudorf ein „Musterdorf“, wie Bodenhausen anerkennend feststellte. Als Jubiläumsgeschenk hat der Heimatforscher aus Sandstein einen Auerhahn mit halbem Waldecker Stern für die Dorfhalle gehauen. Dorferneuerung Mit einem Gesamtvolumen von 2,2 Millionen Euro für sechs öffentliche und 37 private Baumaßnahmen habe die Dorferneuerung den Ort vorangebracht, zog der frühere Ortsvorsteher Hermann Böhne Bilanz aus den vergangenen zehn Jahren. Zwar seien leider die Ortsstraßen aus dem Förderprogramm herausgenommen worden, doch sei der Ort schöner geworden und es sei viel für eine Verbesserung der Lebensqualität getan worden. Er hoffe nun, dass junge Menschen, insbesondere junge Familien im Dorf gehalten werden könnten und der Trend zur Abwanderung gestoppt werden könne. Allein in den vergangenen zehn Jahren verlor der Stadtteil zehn Prozent der Bevölkerung. Im Festgottesdienst am Sonntag griff Pfarrerin Silke Kohlwes diesen Wunsch auf und zitierte die laut Bibel göttliche Aufforderung: „Seid fruchtbar und mehret euch.“ Bürgermeister Elmar Schröder würdigte die Anstrengungen im Zuge der Dorferneuerung und erinnerte daran, dass bereits 1998 die Dorfhalle durch erhebliche Eigenleistungen errichtet wurde. Die Kosten dafür seien um 200 000 Euro unterschritten worden, resümierte Hermann Böhne im Anschluss an einen Ortsbegang in der Dorfhalle. Prinzip Hoffnung „Immer wieder haben die Menschen es geschafft, den Kopf aufzurichten und ihr Leben neu zu gestalten“, stellte Landrat Dr. Reinhard Kubat fest. Ihr Vermächtnis für die nachfolgenden Generationen sei die Aufforderung, nie die Hoffnung zu verlieren: „Wir reden von einer Krise, dabei geht es uns so gut wie zuvor niemandem. Die Vorfahren hatten viel schwierigere Zeiten durchlitten.“

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