Komödie um einen Elternabend hält der Leistungsgesellschaft den Spiegel vor

Frau Müller kann doch bleiben

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Zum Auftakt der VBR-Theatersaison überzeugte die schwarze Komödie „Frau Müller muss weg“ mit Claudia Rieschel und Gerit Kling in der Fürstlichen Reitbahn. 

Bad Arolsen. Nein, feuern will man Frau Müller gewiss nicht: sie soll lediglich die Klasse abgeben. – Welch irrwitzige Blüten der Ehrgeiz von Eltern schulpflichtiger Kinder hervorbringt, treibt Lutz Hübners Komödie „Frau Müller muss weg“ auf die Spitze.

 Zum Auftakt der Theatersaison des Volksbildungsrings begeisterte die Aufführung durch das Euro-Studio rund 450 Zuschauer in der Fürstlichen Reitbahn. Zur Zugkraft dürften im Vorfeld auch die Namen Gerit Kling (als Karrieremutter Jessica Höfel) und Claudia Rieschel in der Titelrolle beigetragen haben.

Souverän bis überragend agierte jedoch das gesamte Ensemble, weshalb das Stück nicht nur als herrlich überzeichneter Spaß unterhielt, sondern bisweilen auch mit ernsten Tönen ins Schwarze traf.

Um was es den Mamas und Papas geht, die sich zwischen Schulbänken zum Elternabend der vierten Klasse treffen, verrät der Titel. „Nüchtern betrachtet sägen wir die viel zu spät ab, die dumme Kuh“, bringt Proletenvater Wolf (Wolfgang Seidenberg) das Anliegen der Eltern auf den Punkt. Schließlich haben sich die Noten fast aller Kinder verschlechtert, ausgerechnet jetzt, wo die Versetzung aufs Gymnasium ansteht!

Das können die Eltern nicht hinnehmen. Also überzeugen sie die vollkommen überrumpelte Klassenlehrerin Frau Müller, ihren Hut zu nehmen. Die Eltern sind dabei auch ein Spiegel der Gesellschaft – und nicht zuletzt ihrer eigenen Interessen.

 Vater Wolf lümmelt sich mit Kippe im Mund auf der letzten Bank, während die zynische Jessica ihre Liste mit knallharten Argumenten herunterrattert, eine hilflose Mutter (Katrin Filzen) ihre eigene Unzufriedenheit auf ihr Kind überträgt und der Ehemann (Thomas Martin), um den Schein zu wahren, den verständnisvollen Vermittler gibt.

Nur die Mutter des Klassenbesten (Iris Boss) hält sich aus allem raus, was in der heterogenen Gruppe neue Aggressionen schürt. Die gibt es ohnehin schon im Übermaß, und so kracht es gewaltig, nachdem Frau Müller die Klasse verlassen hat.

Egos und Vorwürfe prallen aufeinander, sogar die Ossi-Wessi-Schublade wird geöffnet, um diverse Vorurteile zu untermauern. Komisch wird es aber auch, nämlich immer dann, wenn sich die ach so verantwortungsvollen Eltern wie die Teenager gebärden und sich etwa um die Handtasche balgen, die Frau Müller in der Aufregung vergessen hat. Welche Überraschung, als die dort gefundene Klassenliste beste Noten offenbart!

 Nun heißt es, alle Register zu ziehen, um Frau Müller zum bleiben zu überreden. „Was soll ich mir mein Kind schönreden?“, bekennt nicht nur Karrierefrau Jessica angesichts der neuen Lage. Auch Frau Müller wird besänftigt. Dumm nur, dass die Liste aus dem vergangenen Schuljahr stammt und die ganze Aufregung am Ende umsonst war.

 Für die Zuschauer allerdings nicht: sie legen sich mit ihrem Applaus kräftig ins Zeug, um das tolle Ensemble noch für eine dritte und vierte Verbeugung auf die Bühne zu holen.

Von Sandra Simshäuser

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