Beim Vortrag des Bischofs war es mucksmäuschenstill im CRS-Filmsaal

Gedanken über Leben und Tod

Der Bischof der evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Martin Hein, war auf Einladung der Bad Arosler Religionslehrerin und Landessynodalen Ulrike Combe-von Nathusius zu Gast in der Christian-Rauch-Schule, um vor Schülern der Jahrgangsstufe Q2 zuz sprechen. Foto: Elmar Schulten

Bad Arolsen. - Begriffe wie Ethik und Würde des Menschen gehören nicht nur in den Religionsunterricht, sondern sind Kern des menschlichen Lebens und manchmal sogar - viel zu selten - Thema der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Landesbischof Prof. Dr. Martin Hein diskutierte gestern mit 100 Oberstufenschülern der Christian-Rauch-Schule über die vielfältigen Aspekte der Sterbehilfe.

Das brisante Thema wurde von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) auf die politische Tagesordnung gehoben. Sein Ziel ist es, noch in dieser Legislaturperiode die organisierte Sterbehilfe gesetzlich verbieten zu lassen.

Gröhe, über lange Jahre Mitglied der Synode und des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) handelt aus christlicher Überzeugung. Er befürchtet eine Bewusstseinsverschiebung innerhalb der Gesellschaft über den Wert des menschlichen Lebens.

Aus theologischer Sicht, das machte Landesbischof Prof. Dr. Hein deutlich, ist das menschliche Leben ein Geschenk Gottes, das man nicht einfach zurückgeben kann.

Dennoch verurteile die evangelische Kirche nicht mehr - wie noch vor Jahrzehnten - Menschen, die aus freien Stücken aus dem leben Scheiden.

Auch juristisch sei Selbsttötung und Beihilfe zur Selbsttötung straffrei. Das setze jedoch voraus, das die Tatherrschaft allein beim Todeswilligen liege. Der, wenn auch ausdrücklich erwünschte, Stoß von der Brücke sei sehr wohl strafbar.

In der politischen Diskussion gehe es allein um die organisierte Sterbehilfe, wie sie etwa in der Schweiz gängige Praxis sei. Dort könnten unheilbar kranke Schmerzpatienten in kommerziellen Sterbehäusern gegen Bezahlung einen Giftcocktail kaufen, den sie dann aber ohne fremde Hilfe einnehmen müssten.

Allein um diese Art der Sterbehilfe gehe es in dem aktuellen Gesetzentwurf. Dennoch habe sich in den vergangenen Monaten die öffentliche Diskussion dahin gehend verselbständigt, dass jede Art der aktiven und passiven Sterbehilfe diskutiert werde. Tötung auf Verlangen sei eine juristische und ethische Grauzone.

Ausdrücklich begrüßte der Bischof die Diskussion und rief die Jugendlichen dazu auf, sich inhaltlich mit diesem schwierigen und aufwühlenden Thema auseinanderzusetzen.

Die evangelische Kirche schreibe keine Normen vor, habe kein Strafgesetzbuch. Die evangelische Ethik bemühe sich vielmehr, den Menschen eine gewissenhafte Entscheidung zu ermöglichen. Prof. Hein: „Sie sollen sich selbst ein Urteil bilden. Es geht nicht um ein moralisches Urteil der Kirche.“ - Tatsache sei, dass niemand gefragt wurde, ob er geboren werden wolle. Menschliches Leben entstehe nicht aus sich selbst.

Hier beginne die religiöse Dimension. Prof. Hein: „Ich glaube, dass Leben immer ein Geschenk ist. Gott bestimmt Anfang und Ende, auch wenn das Ende manchmal qualvoll werden kann. - Niemand lebt für sich allein. Deshalb darf niemand über sein Leben alleine entscheiden. Es sind immer auch die anderen betroffen.“

In der anschließenden, engagierten Diskussion mit den Oberstufenschülern ging es um medizinische und ethische Fragen, etwa um die Möglichkeit, Leben künstlich zu verlängern. - „Das kann doch auch nicht von Gott gewollt sein“, lautete ein kritischer Einwurf.

„Das stimmt“, kommentierte der Bischof die moderne Apparatemedizin.„Wir müssen lernen, sterben zu lassen.“

Ausdrücklich warnte der Bischof davor, wirtschaftliche Aspekte über das Ende des Lebens entscheiden zu lassen, nach dem Motto: „Die Pflege ist zu teuer.“ Prof. Hein: „Das klingt zynisch, aber unsere Gesellschaft ist zynischer, als man oft denkt.“

Als Alternative zur Tötung auf Verlangen nannte der Bischof die Möglichkeiten der Palliativmedizin. Damit ließen sich 80 bis 90 Prozent aller Schmerzen betäuben. Für den Kranken und seine Angehörigen könne so oft noch ein menschenwürdiges Leben geführt werden. Überhaupt könne menschliche Zuwendung helfen, Schmerzen zu ertragen und bis zuletzt in Würde zu leben.

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