450 000 Kindersuchakten klären Schicksale · WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 17)

Gegen das Gefühl, nicht zu existieren Das Kindersucharchiv

- Sie gehören zu den aufwühlendsten Dokumenten, die beim ITS in Bad Arolsen lagern: die Kindersuchakten. Seit 40 Jahren hilft Suchdienstleiterin Margret Schlenke dabei, die Schicksale von Adoptivkindern und Zwangsarbeiternachfahren zu klären.

Von Dennis Schmidt

Bad Arolsen. Etwas zurückhaltend sitzt Margret Schlenke in einem kargen Büro, vor ihr liegen Akten, Notizzettel und Kopien. Man könnte auch sagen: Schicksale. Schicksale, die der Suchdienst aufklärt. Unbekannte Väter, fortgerissene Kinder, reumütige Mütter, die ihren Nachwuchs jenseits der 80 noch einmal in die Arme schließen wollen – all das ist der Büroalltag der 58-Jährigen.

150 Anfragen landeten in diesem Jahr bereits auf dem Tisch der Suchdienstleiterin und ihrer zwölf Mitarbeiter (zwei Übersetzer, zehn Sachbearbeiter). Drei aktuelle Fälle hat sie vor sich ausgebreitet. Mal zentimeterdick, mal nur wenige Blättchen umfassend. Zwei, drei Jahre können ins Land gehen, bis eine Anfrage zufriedenstellend beantwortet ist und zu den Akten gelegt werden kann, berichtet die Mitarbeiterin beim Internationalen Suchdienst.

Wenn beim ITS die Hilferufe aus der ganzen Welt, vornehmlich aber aus Osteuropa eingehen, läuft eine Maschine an, die Kontakte zum Amerikanischen Roten Kreuz genauso herstellen kann wie zum Standesamt in Wien. Doch das dauert eben. Margret Schlenke hat sich in all diesen vielen Jahren daran gewöhnt. „Bei manchen Fällen sind wir aber sehr gespannt“, leugnet sie nicht, dass die Antworten unter Umständen sehr lange auf sich warten lassen können.

66 Jahre später...

Der Lohn der Mühe sind die teils emotionalen Dankesbriefe der Beteiligten. „Sie enthalten Sätze, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen“, findet Margret Schlenke und erinnert sich an einen aktuellen Fall, dessen Wurzeln mehr als 66 Jahre zurückliegen.

Klawdija und Wassili Sazeischtschikowa waren im Dritten Reich als Zwangsarbeiter eingesetzt worden. Die beiden Russen hatten im September 1944 in Dambach Nachwuchs bekommen, die „Ostarbeiterin“ war da bereits auf einem Bauernhof beschäftigt. Mehr als ein halbes Jahrhundert später stellte das ITS Kontakt zu den deutschen Nachfahren in Dambach her, die sich mit Briefen und einem Foto an die ehemaligen Zwangsarbeiter wandten.

Das andere Beispiel ist die Deutsche, die nach ihrem französischen Vater sucht – und ihn dank des ITS samt Foto findet. „Dieses Bild drücke ich mehrmals am Tag an mein Herz“, ließ die die Antragstellerin daraufhin das ITS wissen. „Diese Briefe reichen wir dann selbstverständlich bei den Kollegen rum“, strahlt Margret Schlenke.

Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die Alliierten damit begonnen, elternlose Kinder zu registrieren. „Bei ihnen war es besonders drängend“, weiß die erfahrene Abteilungsleiterin. 1949 folgte die bis dato größte Aktion, die Adoptiveltern genauso wie Pflegeheime einbezog. 300 000 Kinder gehörten demnach der Gruppe an, über die das ITS heute Tonnen von Unterlagen hat. „Das waren aber längst nicht alle, schließlich wurde nicht jedes Kind gemeldet“, erklärt die Expertin.

Die Anzahl der Anfragen bleibt über all die Jahre gleich. Nur die Arten der Gesuche haben sich geändert. In den 70er-Jahren suchten vor allem die Lebensbornkinder nach ihrer Vergangenheit, um die finanzielle Entschädigung fordern zu können. Das hat sich geändert. Zwar gibt es immer noch die Personen, die Geburtsurkunden anfordern, um Wiedergutmachung zu bekommen – den meisten Briefeschreibern geht es aber um den persönlichen Kontakt zu ihren Verwandten.

Unterlagen für die Herkunft

Heute suchen auch entfernte Verwandte nach bisher unbekannten Brüdern, Schwestern oder Cousinen. Dass das Schicksal vieler Kriegskinder erst heute geklärt wird, hängt für Margret Schlenke mit den Eltern zusammen. Diese offenbarten erst heute ihre Geschichte. „Oft finden die Kinder von Adoptiveltern auch Unterlagen, die darauf hindeuten, dass sie eine andere Herkunft haben.“

Mit dem zeitlichen Verzug von zwei Generationen kommt dann das ITS ins Spiel. „Manchmal haben wir auch nur einen Vornamen. Dann sind die Chancen wirklich sehr gering“, gibt sie zu bedenken. Aber da gibt es auch die anderen Fälle, bei denen das ITS bereits Nachforschungen betrieben hat. „Manchmal kommt eine Anfrage von einer anderen verwandtschaftlichen Seite“, lächelt Margret Schlenke.

„Wir freuen uns“

Ganz von vorne muss sie allerdings bei einer Anfrage einer 80-jährigen Weißrussin beginnen. Sie hatte ihr Kind 1951 zur Adoption freigegeben. Doch die Unterschrift unter die Urkunde, die beim ITS lagert, setzte keinen emotionalen Strich. Im hohen Alter versucht die Mutter nun, Frieden mit ihrem Kind zu finden. „Wir haben in Amerika Ermittlungen eingeleitet“, erklärt Margret Schlinke. „Nun sind wir sehr gespannt auf die Reaktion.“

Ab und zu war die detektivische Spürarbeit umsonst. Dann verweigern die Nachfahren den Kontakt zu ihrer Familie, berichtet Margret Schlenke. „Viele fürchten, dass die Verwandten an ihr Erbe wollen. Doch den meisten geht es darum, ihre Herkunft zu klären.“

Adoptionsverträge, Behördenschreiben und Geburtsurkunden: Die Akten sind mehr als bloßes Papier, sowohl für die Betroffenen als auch für die Mitarbeiter des Suchdienstes. Sie stopfen Löcher in der eigenen Identität und sorgen für ein Stück Normalität.

„Ich hatte bisher das Gefühl, gar nicht zu existieren“, steht in einem Dankesbrief, den Margret Schlenke nicht vergessen wird. Sie lächelt: „Wir freuen uns, diese Arbeit machen zu dürfen.“

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