CRS-Abiturientin überrascht mit spannenden Forschungsergebnissen

Geige erzählt von Schicksalen

CRS-Abiturientin Laura Sophia Franke vor ihrer Präsentationsprüfung zum Thema „Die Geige aus Theresienstadt“ in den Räumen des Museums „Historicum 20“. Foto: Elmar Schulten

Bad Arolsen - Binomische Formeln, die Mendel‘schen Vererbungsregeln, elektromagnetische Felder - all das sind Standardthemen, die man in einer Abiturprüfung erwartet. Das Instrument der „besonderen Lernleistung“ lässt aber auch andere, viel spannendere Projekte zu.

Wie kommt eine Geige von Arolsen ins Konzentrationslager Theresienstadt? Wem gehörte das Instrument? Was soll jetzt mit der Geige geschehen? - All diesen Fragen ist die aus Gembeck stammende CRS-Abiturientin Laura Sophia Franke in den vergangenen Monaten in ihrer historischen Recherchearbeit nachgegangen. Den Anstoß gab der frühere CRS-Lehrer Dr. Bernd Joachim Zimmer, dem heutigen Leiter des Museums „Historicum 20“, nachdem ihm die rätselhafte Geige zugegangen war.

Stempel der Waffen-SS

Das mit einer Nummer versehene Instrument befand sich wohlbehalten in einem Geigenkoffer, der einen Zettel mit der gleichen Nummer, der Aufschrift „Theresienstadt, 1.5.1943“ und dem Stempelabdruck „Waffen-SS“ trägt. Der Stempel mit Hakenkreuz-Adler überdeckt einen nur bruchstückhaft lesbaren Namen. Der Instrumentenkoffer mit dem abgerissenen Ledergriff trägt die handschriftlich in Druckbuchstaben geschriebene Aufschrift „R. Schönstädt, Arolsen“.

Unzählige Briefe und E-Mails musste Laura schreiben, Telefonate führen, Fakten zusammentragen und kompetente Ansprechpartner finden, um wenigstens einen Teil der Rätsel hinter diesem Geigenkoffer zu lösen. Die CRS-Abiturientin profitierte dabei von dem Kooperationsvertrag, den ihre Schule mit dem Internationalen Suchdienst abgeschlossen hat.

Listen verglichen

Hier konnte Laura unter anderem in den Original-Transportlisten des Konzentrationslagers Auschwitz suchen und mit den Namen jüdischer Einwohner von Arolsen im Jahr 1940 vergleichen. Als Standardwerk gilt hier das Buch von CRS-Lehrer Michael Winkelmann „Auf einmal sind sie weggemacht“. Der Vergleich beider Listen ergab, dass mit R. Schönstädt eigentlich nur Richard oder Recha Schönstädt gemeint sein können. Beide wurden von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert. Richard starb am 1. August 1943 in Theresienstadt. Recha kam im Oktober 1944 nach Auschwitz und starb vermutlich dort. Über ihr weiteres Schicksal gibt es keine gesicherten Daten.

Vorzeige-Ghetto

Die CRS-Abiturientin nahm Kontakt mit der Gedenkstätte in Theresienstadt auf und fand ihre Erkenntnisse bestätigt. Bei der Deutschen Dienststelle, die die Daten der Täter aufbewahrt, versuchte Laura herauszufinden, wer das Dienstsiegel auf den Zettel im Geigenkasten setzte. Das Ergebnis ist nicht eindeutig.

Ebenso wenig ist gesichert, dass die Geige einem der beiden Arolser gehörte und wie die Geige nach Theresienstadt kam. Am 1. Mai 1943 gab es jedenfalls keine Gefangenentransporte.

Möglich ist aber, dass die Geige an diesem Tag als neues Inventar im Vorzeige-Konzentrationslager registriert wurde. Im Internetlexikon Wikipedia heißt es dazu: „Zeitweilig diente Theresienstadt der NS-Propaganda als „Vorzeige-Ghetto“, um die internationale Öffentlichkeit über die mit der „Endlösung der Judenfrage“ verbundenen Ziele zu täuschen.“

Es ist belegt, dass sich hier auch eine Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz von den Nationalsozialisten blenden ließ.

In dieser Zeit war den jüdischen Häftlingen erlaubt, Musik zu machen, zu komponieren und in Konzerten aufzuführen. Unter anderem wurde hier die Kinderoper Brundibar aufgeführt und in einem Propagandafilm verwendet. Es ist also gut denkbar, dass die Arolser Geige tatsächlich in Theresienstadt gespielt wurde.

Ebenso rätselhaft wie die Frage, wie die Geige von Arolsen nach Theresienstadt kam, ist auch die umgekehrte Frage, wie sie wieder zurück nach Arolsen kam. Derjenige, der Dr. Zimmer das Instrument für das Arolser Museum überreichte, nahm ihm sogleich das Versprechen ab, über seine eigene Identität zu schweigen.

So bleibt für die historische Forschung noch eine Menge Arbeit. Die CRS-Abiturientin hat zwar mit ihrer besonderen Lernleistung schon viele Fragen klären können, zugleich aber auch viele Fragen neu aufgeworfen. Unter anderem ist Laura auf eine Erbin der Familie Schönstädt gestoßen. Sie interessiert sich brennend für die Geige, die Forschungsergebnisse und die Präsentation des Erinnerungsstücks im Museum.

Auch dazu hat sich Laura schon Gedanken gemacht: Im Museum „Historicum 20“, dem ehemaligen Stabsgebäude der früheren SS-Kaserne im Herzen von Arolsen, gibt es einen Zellenraum, in dem nicht nur die vergrößerten Fotos von drei Häftlingen des KZ-Außenlagers gezeigt werden, sondern auch Gedenksteine mit den Namen der ehemaligen jüdischen Mitbürger, die von Arolsen in die Vernichtungslager der Nazis deportiert wurden.

Prima Note

Dies wäre auch ein geeigneter Ort, um die Geige zu präsentieren. Allerdings müsste geklärt werden, ob auch die Erben der Familie damit einverstanden wären, schließlich handelt es sich bei der Geige letztlich um Raubgut der Nazis. - Lauter offene Fragen also.

Eindeutig war am Ende nur das Votum der Prüfungskommission: Laura darf sich über 13 Punkte im fünften Prüfungsfach freuen. 13 Punkte, das war früher eine 1 (minus). Der Reporter auf der Zuschauerbank urteilt so: Tolle Rechercheleistung, souveräner Vortrag, weiter so! - Vielleicht mit einem Geschichtsstudium?

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