Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in Volkmarsen

Gewalt gegen die Nachbarn

Volkmarsen - Die Gedenkveranstaltung des Volkmarser Arbeitskreises „Rückblende – 
Gegen das Vergessen“ zum 75. Jahrestag der 
Pogromnacht erinnerte 
an verschwundene 
Nachbarn, Mitbürger 
jüdischen Glaubens.

Den Besuchern wurde der Ablauf der Ereignisse erklärt, die zur Vernichtung 
einer ganzen Bevölkerungsgruppe führten. Ernst Klein, Gründer und Vorsitzender des Vereins Rückblende und der Geschichtswerkstatt, versammelte die Interessierten auf dem Rathausplatz. Er erläuterte die Geschichte des gegenüber dem Rathaus stehenden Wohn- und Geschäftshauses, in dem die jüdische Familie Hamberg 
 früher mit Textilien handelte. Nachdem Hitler im Jahr 1933 die Macht über Deutschland übernommen hatte, riefen die Nazis zum Boykott 
 gegen jüdische Gewerbetreibende auf. Vor allen Geschäften jüdischer Inhaber wurden 
SA-Posten aufgestellt, um Einkäufe christlicher Kunden 
zu verhindern. Durch zahlreiche Verordnungen und Gesetze wurde den deutschen Juden nach und nach jegliche Existenzmöglichkeit genommen. Die Schüsse auf den deutschen Diplomaten vom Rath 
in Paris durch den verzweifelten jungen Juden Herschel 
Grynszpan am 7. November 1938 nahmen die NS-Machthaber zum Vorwand, überall in Deutschland Synagogen in Brand zu stecken und die Wohnungen und Geschäfte jüdischer Einwohner zu verwüsten. So wurden zum Beispiel am 9. November 1938 auch die Fensterscheiben im Haus der Familie Lichtenstein eingeschlagen, die Möbel zertrümmert und 
die Schneiderwerkstatt zerstört. Was nicht geplündert wurde, fiel der maßlosen Zerstörungswut der Nazischergen zum 
Opfer. Bei der Plünderung beteiligten sich auch Bürger, die bisher nicht wegen brauner Gesinnung auffielen. Andere 
Augenzeugen sagten später, sie seien entsetzt gewesen, jedoch sei ein Aufhalten des rechten Mobs zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen. Gleich um die Ecke, in der Geilingstraße, befindet sich die ehemalige Judenschule. Hier berichtete Klein vom Schulverbot für jüdische Kinder ab 25. November 1938. Nach den Pogromen wurden die jüdischen Bürger Volkmarsens, die noch nicht in Konzentrationslager deportiert waren, gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen und in die Judenschule überzusiedeln. Schließlich führte Klein die Besuchergruppe in den Rathauskeller. In diesen Räumen waren die jüdischen Bürger aus Volkmarsen und Breuna 
während der Pogrome eingesperrt. Sie mussten zuschauen, wie auf dem Rathausplatz sakrale Gegenstände wie 
Thora-Rollen, Gebetsbücher und andere Gegenstände aus dem Besitz der jüdischen Gemeinde verbrannt wurden. Im Rathauskeller betonte Bürgermeister Hartmut Linnekugel bei der Gedenkveranstaltung den hohen Wert der Arbeit der Geschichtswerkstatt des Vereins Rückblende gegen Verdrängung und Vergessen. Ernst Klein 
habe umfangreiche Recherchen zur Geschichte jüdischen Lebens in Volkmarsen und Umgebung unternommen. Linnekugel wies darauf hin, wie wichtig die Aufrechterhaltung der Erinnerung besonders für die jungen Menschen ist, „damit wir uns stets erinnern, wozu Menschen unter bestimmten Umständen fähig sind und wir uns nicht eines Tages in der gleichen Situation wiederfinden.“ Wertvoll sei daher auch die Zusammenarbeit der Geschichtswerk-
statt mit der Kugelsburgschule. Der ebenfalls anwesende 
 Wolfhager Bürgermeister Reinhard Schaake überbrachte die 
Grüße der ehemaligen jüdi-schen Bürger seiner Stadt: Lutz Kann, heute Berlin, und H. Möllerick, jetzt in den USA ansäs-
sig. Beide ließen ausrichten, dass die in der Region stattfindende 
Aufarbeitung der Geschichte
hilfreich für die Versöhnung sei. Und sie erklärten, sie seien stolz, heute Ehrenbürger der 
 Stadt Wolfhagen sein zu dürfen.Ernst Klein führte einen ergreifenden Film über ein Interview zwischen ihm und der Zeitzeugin Ilse Lichtenstein vor. Die Tochter eines jüdischen Schneidermeisters in Volkmarsen war in der Pogromnacht 15 Jahre 
alt. Im Film beschreibt sie detailliert ihre Erinnerungen an die grausamen Ereignisse, die sie während der Hitler-Diktatur erleben musste. Ilse Lichtenstein überlebte, weil sie durch glückliche Umstände gerade noch in die USA entkommen konnte. Ihre Eltern und die kleine Schwester wurden Ende Mai 1942 nach Kassel verschleppt. Von dort wurden sie in das Konzentrationslager Sobibor deportiert, wo sie direkt nach ihrer Ankunft ermordet wurden. (ugy)

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