Bad Arolsen / Korbach

Gewaltexzess nach Trinkgelage – Angeklagte aus Twistetal und Diemelsee

- Bad Arolsen/Korbach (tk). Zwei Jugendliche haben im Oktober letzten Jahres einen 35-jährigen Mann in der Bahnhofstraße brutal verprügelt und ihn danach bestohlen. Am Donnerstag wurden sie zu mehrjährigen Jugendstrafen verurteilt.

Der 11. Oktober 2008 war ein Samstag. Zusammen mit drei befreundeten Mädchen hatten die beiden Jugendlichen am Abend zu trinken begonnen. Einen Elfer-Träger Bier und eine Flasche Wodka, wie sie bei der fast zwölfstündigen Verhandlung vor dem Korbacher Jugendschöffengericht angaben. Später zogen der 18-Jährige aus Twistetal und sein drei Jahre älterer Freund aus Diemelsee allein weiter. Kurz vor Mitternacht begegneten sie auf der Bahnhofstraße zufällig einem 35-jährigen Kneipengast, der nach Hause wollte. „Wir haben ihn angesprochen und wollten Zigaretten haben“, so die Angeklagten vor Gericht. Die Erinnerung des Opfers ist eine andere. Von vornherein hätten sie es auf sein Portemonnaie abgesehen, so der Mann, der im Prozess als Nebenkläger auftrat. Mit einer Ohrfeige quittierten die betrunkenen Jugendlichen, dass der 35-Jährige ihrer angeblichen Bitte nicht nachkam. So zettelten sie einen ungleichen Kampf an. Nachdem sie den Mann mehrfach mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen und ihn dann mit Fußtritten weiter malträtiert hatten, nahm einer der beiden Jugendlichen dem blutüberströmten, am Boden liegenden Opfer sieben Euro Bargeld, ein Handy und ein paar Zigaretten ab. Mit einem Nasenbein- und Kiefernbruch, einem gebrochenen Schlüsselbein, einer Gehirnerschütterung und einer Platzwunde an der Stirn wurde der schwer verletzte Mann noch in der Nacht in die Städtischen Kliniken nach Kassel transportiert. Die stationäre Behandlung im Krankenhaus dauerte zwei Wochen. Er war drei Monate arbeitsunfähig und musste insgesamt vier Operationen über sich ergehen lassen. Bis heute ist sein Kiefer noch nicht wieder vollständig belastbar. Der nächste OP-Termin steht bevor. „Als das Opfer blutend am Boden lag, hatten sie nichts besseres zu tun, als ihm Portemonnaie, Handy und Zigaretten aus der Tasche zu ziehen. Und später wurde die Beute auch noch brüderlich geteilt. Das war verdammt kaltschnäuzig und kriminell. Ein derartiges Vorgehen ist nur als schändlich zu bezeichnen“, sagte der Vorsitzende Richter Henrik Ludwig. Trotz intensiver Befragung durch Richter und Staatsanwalt konnten die einschlägig vorbestraften Jugendlichen nicht erklären, wie es zu diesem Gewaltausbruch kommen konnte. Er habe sich provoziert und respektlos behandelt gefühlt, drückte es einer der beiden Täter aus. Mit Bezug auf ihre Lebensumstände versuchte Richter Ludwig Anhaltspunkte zu finden. Die „Lust, sich einmal nicht als Opfer fühlen zu müssen“ oder „Wut und Minderwertigkeitsgefühle“ kämen als Motive in Frage. Zu Gute hielt das Gericht den Angeklagten, dass sie mit Hilfe von Passanten unmittelbar nach der Gewalttat einen Rettungswagen alarmierten. Außerdem räumten sie die Vorwürfe ein und baten das Opfer um Entschuldigung. Nicht sicher habe man feststellen können, ob die Angeklagten nicht von Beginn an vorgehabt hätten, den Mann zu berauben. Weil das Opfer in jener Nacht selbst unter Alkohol- und bei der späteren Vernehmung im Krankenhaus unter Medikamenteneinfluss gestanden habe, ließen sich Erinnerungslücken nicht zweifelsfrei ausschließen, so die Auffassung des Jugendschöffengerichts. Der 21-Jährige Diemelseer wurde als „Bewährungsversager“ zu drei Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe verurteilt, eine bereits teilweise verbüßte Haftstrafe und die mehrmonatige Untersuchungshaft dabei angerechnet. Die zweijährige Jugendstrafe für seinen Komplizen, der im September eine Ausbildung beginnt, ist zur Bewährung ausgesetzt.

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