Wetterburgerin absolviert Freiwilliges Soziales Jahr in Georgien

An großer Aufgabe selber ein Stück wachsen

Außerdem packten die Helferinnen bei der Mais- und Sanddornernte mit.

Bad Arolsen-Wetterburg. - Nach dem Abitur ins Ausland. Möglichst weit weg. Und anderen Menschen helfen. Diesen Traum haben viele junge Leute, aber nur wenige sind so konsequent, ihn auch in die Tat umzusetzen. Die Wetterburgerin Natalie Mähl arbeitet nun schon seit vier Monaten in einem georgischen Behindertenheim.

Aus dem Kaukasus schrieb Natalie vor zwei Wochen an die WLZ-Redaktion: „Heute Morgen hat sich schließlich auch der Winter offiziell vorgestellt, indem er uns alle mit dem ersten Schnee überraschte. Schon lange waren die höchsten Gipfel des Kaukasus eingeschneit, allerdings verbrachte ich die letzten beiden Adventssonntage bei Sonnenschein auf grünem Gras.“

In den vergangenen Monaten habe sich für sie viel entwickelt und verändert. Vor allem habe sie sich in Temi eingelebt, die Menschen kennengelernt und sich auch an die fremde Sprache so gut gewöhnt, dass sie sie jetzt schon lesen, schreiben und sprechen könne.

Lange Zeit habe es gedauert, bis sie ein Verständnis für das Konzept von Temi und die wichtigsten Zusammenhänge entwickelt habe. Temi sei eine Lebensgemeinschaft, in der Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten zusammenleben. Aus diesem Grund gebe es keinen einheitlich strukturierten Arbeitsalltag. Vielmehr gehe jeder seinen individuellen Aufgaben nach.

So habe auch die Wetterburgerin als Freiwillige die Möglichkeit, ihren Arbeitsalltag frei zu gestalten und zu koordinieren. Diese Tatsache war am Anfang sehr ungewohnt und auch gleichzeitig eine ihrer größten Herausforderungen.

Jeder nach seinen Fähigkeiten

„Mein Arbeitsschwerpunkt liegt hier in Temi auf der Gruppe von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung. Diese Gruppe wird von den „Sizas“ betreut, allerdings rein körperlich, sodass meine Mitfreiwillige Laura und ich in der pädagogischen Arbeit mit diesen Menschen tätig sind. Am Morgen wird diese Gruppe in einem festen Rhythmus von den Sizas geweckt, gewaschen und angezogen. Ich helfe früh bei dieser Arbeit und ich trockne die Menschen ab, nachdem sie geduscht wurden, und helfe später beim Anziehen.

Nach dem Frühstück beginne ich meine Einzelarbeit zielorientiert und individuell, je nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Betreuten. Ich versuche ihre Stärken auszubauen und sie angemessen zu beschäftigen. Dazu gehören vor allem die Verbesserung der Fein- und Grobmotorik und das spielerische Lernen.

Uns Freiwilligen liegen professionelle Steckbriefe und Förderpläne vor, die zu jeder Person der Gruppe angelegt wurden.“

Vor dem Mittagessen halten die Freiwilligen gemeinsam sogenannte „Gruppenstunden“ ab. Ziel ist es dabei, dass Kinder und leichter Behinderte so oft wie möglich zusammen- und miteinander arbeiten: „In diesen Stunden malen, spielen und tanzen wir oder basteln an kleinen Projekten.“

Georgische Lieder gelernt

Nach dem Mittagessen geht es, soweit das Wetter es zulässt, oft nach draußen. „Da ich mich hier in Temi um meinen Pflegehund kümmere, gehe ich auch oft mit diesem spazieren, wovon die Kinder immer sehr begeistert sind und von denen ich dann begleitet werde. Jetzt wo Schnee liegt, sind wir natürlich alle fleißig am Schneemänner- und Iglubauen.“

Natalie weiter: „Nach dem Abendessen spielen wir mit den Kindern und machen abendliche Massage- und Entspannungsstunden. Ich habe das klassisch georgische Begleitinstrument Fanduri erlernt (ein Drei-Saiten-Instrument) und singe mit den Kindern georgische Lieder. Um neun Uhr Abends finden wir uns in dem Gebäude zusammen, in dem die Betreuten wohnen. Die Gruppe liegt dann meistens schon in den Betten und alle, die Lust haben, singen dann gemeinsam georgische Volks- und Schlaflieder. Diese Lieder sind wunderschön mehrstimmig und zählen durch ihre einzigartigen Kompositionen zum Weltkulturerbe. So, wie wir uns von der georgischen Kultur und ihren Traditionen bereichern lassen, lassen wir auch immer wieder deutsche Traditionen einfließen.

Die Adventszeit wird hier in Georgien nicht gefeiert. Weihnachten findet am 7. Januar und an Neujahr statt. Trotzdem haben wir gemeinsam mit allen einen Adventskalender gebastelt, bei dem jeden Tag ein anderes Kind ein kleines Geschenk erhält. Darüber freuen sie sich sehr und alle fragen uns täglich sehr gespannt, wer am heutigen Tag dran sein wird.“

Die freiwilligen Helferinnen des Behindertenheims waren im Herbst auch in die Weinlese eingebunden: „Dazu waren wir den ganzen Tag auf dem Weinberg und ernteten die Trauben. Die gepressten Trauben wurden in Kwewris gelagert, das sind große Tongefäße unter der Erde, und die gärenden Säfte mussten täglich dreimal mit den Traubenresten (Maische) vermengt werden.“

Eine Menge erlebt

Bald darauf wurde der selbst produzierte Temi-Wein an einem Stand vor der Gremi-Kirche verkauft. Die Helferinnen aus Deutschland wollen diesen Stand jetzt ausbauen und auch andere selbst produzierte Produkte dort verkaufen. Natalie: „Wir haben angefangen, das Filzen auszubauen, da wir mit den Betreuten die Grundmaterialien herstellen können und wir diese dann anschließend zu Taschen und Schmuck verarbeiten.“

Das erste Drittel von Natalies Freiwilligenjahr war sehr abwechslungsreich und spannend. Eine besonders schöne Erfahrung war der Ausflug zum Schwarzen Meer im August: „Wir sind mit einer Frau aus der Schweiz und mit vielen Betreuten und Kindern an einen kleinen Ort der Schwarzmeerküste gefahren und haben dort zwei Wochen lang gecampt. Meine Mitfreiwillige Laura und ich hatten dort einen sehr guten Einstieg in die Sprache und haben die ersten Kontakte geknüpft. An diese Zeit denke ich gerne zurück, freue mich aber auch schon sehr gespannt auf die noch folgenden acht Monate.“

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