Volkhardinghäuser Synode berät vor fast 460 Jahren für protestantische Kirche

Kleines Dorf Keimzelle der Kirche

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Pfarrer Christian Rehkate vor einer historischen Stätte in Volkardinghausen.

Bad Arolsen-Volkhardinghausen. - Das kleine Dorf Volkhardinghausen stand vor 460 Jahren bei einer bedeutenden Synode im Blickpunkt der Reformatoren. Der Ortsbeirat bekam von dem Pfarrer des Kirchspiels Landau, Christian Rehkate, Informationen und Gedankenanstöße zu diesem Thema.

Die Gelehrten hatten an jenem 19. Februar 1556 zu Beginn der Volkhardinghäuser Synode eine verhältnismäßig lange Anreise hinter sich: Ein Reformator aus Lemgo und ein gräflicher Hofprediger aus Detmold sind als „Kompetenzteam“ jener Zeit angereist, um die unter dem Waldecker Grafen Wolrad III. vorangetriebene Umsetzung der Reformation in eine kirchlich verfasste Struktur zu bringen: Wie sollen die Gottesdienste gestaltet werden? Was ist der richtige, was ist Aberglaube? Fragen, die durch den Wildwuchs von protestantischen Liturgieansätzen hervorgerufen wurden. „Wir sollten das geschichtliche Bewusstsein um die Bedeutung der Volkhardinghäuser Synode von 1576 in der Kirchengeschichte bewahren“, sagt Pfarrer Rehkate, der sich schon länger mit hessischer Kirchengeschichte befasst.

Reformation umsetzen

Mit dem Augsburger Religionsfrieden ein Jahr vor der denkwürdigen Synode kehrte nach kriegerischen Auseinandersetzungen, die Europa erschütterten, auch Rechtssicherheit in das kirchliche Leben ein. Graf Wolrad III. ergriff als einer der ersten Landesherren die Initiative für eine verbindliche Kirchenordnung, für den Einsatz von Pfarrern und die Gliederung der Kirche. Der Waldecker Reformator Johannes Hefenträger hatte sich bereits Gedanken gemacht über Strukturen und liturgische Agenden, doch sein Tod verhinderte den Abschluss dieser Bemühungen.

Graf Wolrad war als Landesvater ein gewiefter Politiker, der sich auch für die religiöse Versorgung der Untertanen verantwortlich wusste. Er müsse, so seine Überzeugung, dafür sorgen, dass die Landeskinder zum ewigen Leben in Gottes Gnade gelangen. Doch wie lässt sich das realisieren, wenn die Menschen nicht rechtgläubig sind oder dem Aberglauben anhängen?

Wolrad hat die protestantischen Reichsstände bereits 1548 zum Augsburger Reichstag begleitet, bei dem es um die Zukunft der von Dr. Martin Luther begründeten evangelischen Kirche gehen sollte. Ein Tagebuch des Waldecker Grafen zeugt von den Ereignissen in Augsburg.

Waldecker Kyrie eleison

Acht Jahre später wurde die Volkhardinghäuser Synode einberufen. Sie beriet über die lutherische Ausrichtung der Kirche in den waldeckischen Gemeinden. Aus der bedeutenden Zusammenkunft resultiert eine waldeckische Besonderheit der Liturgie, die sich bis in die Gegenwart erhalten hat. Das Kyrie eleison („Herr erbarme Dich“) wird vom Pfarrer im Wechsel mit der Gemeinde angestimmt, im Kurhessischen jedoch singen Pfarrer und Gemeinde das Kyrie gemeinsam. Die Agende für die Landeskirche lässt beide Variationen aber zu.

Pfarrer Rehkate ist die Wal-decker Variante sympathisch, kennt er sie doch von der ihm vertrauten Osnabrücker Kirche her. Die Volkhardinghäuser Synode ist Rehkate nicht erst seit seiner Amtszeit in Landau geläufig, sondern beschäftigte ihn schon lange bevor er nur daran dachte, ins Waldecker Land zu gehen.

Die in den Mauern des Noch-Klosters zu Volkhardinghausen vorbereitete Ordnung lutherischer Prägung umfassen die wahrhaftige Lehre, die Amtshandlungen, die Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen und die Kasualien. Dazu gehören die feierlichen Amtshandlungen von der Taufe über die Konfirmation und die Trauung bis zur Beerdigung - und die Exkommunikation. Dieses scharfe Instrument der Trennung von einem Gemeindeglied gibt es in der evangelischen Kirche nicht mehr. Dass die Beschlüsse erst eineinhalb Jahre später, bei einer Synode am 16. November 1557 in Korbach gefasst wurden, schmälert die Bedeutung der Volkhardinghäuser Synode nicht. Sie ist es, die als herausragendes Ereignis der protestantischen Kirche in der großen Theologischen Realenzyklopädie verzeichnet wird. Der erste Superintendent (vergleichbar mit dem heutigen Dekan bzw. der Dekanin) war übrigens in Landau Nikolaus Rafflenboel. Das waldeckische Bergstädtchen hatte neben dem Grafensitz auch in kirchlicher Hinsicht eine bedeutende Funktion zu bieten.

Kunstschätze

Das Volkhardinghäuser Kloster war mit 20 Chorherren und 70 Laienbrüdern um 1500 recht groß. Es wurde von einer eigenen Ziegelei mit Baustoffen beliefert, betrieb ein Sägewerk und wurde aus dem benachbarten Klosterteich, der derzeit saniert wird, mit Fischen versorgt. Entsprechend groß war die Versammlung im Februar 1556.

Der Waldecker Graf hatte auch nach der Reformation den Erhalt des Klosters ermöglicht - freilich nur bis die letzten Ordensbrüder gegangen oder gestorben waren. Später wurde eine Meierei eingerichtet, 1624 brannte der Klosterbereich ab, übriggeblieben ist die alte Kirche, heute Eigentum der Waldeckischen Domanialverwaltung. Alle diese Daten sind gut dokumentiert. „Schade, dass es keine Abbildungen gibt, die das alte Kloster zeigen“, bedauert Pfarrer Rehkate.

Zwei Kunstschätze sind erhalten geblieben und zeugen von der Bedeutung des einstigen Klosters. Der Glanz der aus der Meitersdorfer Werkstatt stammenden Strahlen-Madonna kann inzwischen im Westfälischen Landesmuseum Münster bewundert werden. Neben dem Kreuz muss es noch die Kreuzigungsgruppe mit Jesu Mutter Maria und dem Jünger Johannes gegeben haben. In der alten Klosterkirche finden Gottesdienste an hohen Feiertagen statt. Neben dem Chorraum umfasst die übriggebliebene Klosterkirche das Wohnhaus.

In welcher Form im kommenden Februar an die 460. Wiederkehr der Volkhardinghäuser Synode erinnert wird, ist nicht klar. Wie denkwürdig sie ist, hat Pfarrer Rehkate in der jüngsten Ortsbeiratssitzung erläutert. Wünschenswert wäre eine Ergänzung der Erinnerungstafel an der Klosterkirche. Auch der Eintrag bei Wikipedia mit einem Zahlendreher sei empfehlenswert, rät Pfarrer Rehkate. Die Synode selbst sei gut belegt in der einschlägigen Literatur. Ein Jahr vor dem großen Luther-Gedenk-Marathon 1517 könnte das Synoden-Jubiläum zur Einstimmung dienen.

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