Vor einem Jahr hat Landrat Entlastungsstraße versprochen · Bürger fragen nach

Kreisstraße war Teil des Kompromisses

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Volkmarsen - Landverbrauch, Kosten und Nutzen für die Stadt und Belastungen für die Bürger. Landwirte in Volkmarsen und Külte sorgen sich vor allem um den enormen Landverbrauch für Straße und Logistikhallen.

Kathrin Harder fragte nach der Kosten-Nutzen-Analyse für die Stadt. Es könne schließlich nicht sein, dass die Stadt Kosten für die Gewerbeansiedlung übernehme und am Ende im Zuge des Kommunalen Rettungsschirms Steuern und Gebühren erhöhe.

Dazu erklärte Bürgermeister Hartmut Linnekugel, dass Volkmarsen auf vielfältige Weise vom Logistikzentrum profitiere. Von den 22 Millionen Euro Baukosten seien alleine zwei Millionen Euro von heimischen Unternehmen verbaut worden. Nach Fertigstellung wurden drei heimische Betriebe mit Hausmeisterverträgen beauftragt. Die Grundsteuer B fließe fünfstellig.

Das 350 000 Euro teure Regen­rückhaltebecken sei über die Regenwassergebühr nach zehn Jahren bezahlt. Mit der benachbarten Biogasanlage sei ein Wärmelieferungsvertrag abgeschlossen worden. Schließlich seien da noch die 15 neuen Arbeitsplätze, von denen 14 von der Agentur für Arbeit mit Langzeitarbeitslosen besetzt worden.

Nur 15 statt 150 Stellen

Doch genau die Frage nach den Arbeitsplätzen sorgte für weitere Diskussionen. Ursprünglich hatte es geheißen, das Logistikzentrum werde 120 bis 150 Menschen aus der Region Arbeit geben. Die nächste Ausbaustufe werde sogar bis zu 700 Arbeitsplätze schaffen, hieß es am Montagabend im Zusammenhang mit der zu erwartenden Verkehrsbelastung für die neue Umgehungsstraße. Das seien alles Phantasiezahlen, nur geeignet, den Straßenbedarf hoch zu rechnen, kritisierten die Zweifler in der Nordhessenhalle.

Realistische Planzahlen

Dagegen hielt Bürgermeister Hartmut Linnekugel die vor zwei Wochen abgegebenen Erklärungen von Volkswagen und Rudolph-Logistik, wonach die Mitarbeiterzahl Schritt für Schritt hochgefahren werde.

Die im Planungsverfahren für die Straße genannte Zahl von 700 Arbeitsplätzen und entsprechend vielen Zu- und Abfahrten sei nicht willkürlich gewählt, um den rechnerischen Bedarf zu erhöhen, versicherten Mitarbeiter von Hessen-Mobil und des Wirtschaftsministeriums.

Es gehe vielmehr darum, bei Straßenplanungen, die von den beteiligten Unternehmen genannten Maximalzahlen in die Planungen einfließen zu lassen. Wenn das nicht geschehe, heiße es hinterher, man habe Fakten nicht berücksichtigt. - Bei der Diskussion um die künftigen Lärm- und Abgas-Belastungen für die Bürger kamen zunächst die Gutachter zu Wort: Die Straßenplaner um Hans-Dieter Gasch haben in Rekordzeit ihre Hausaufgaben gemacht und können anhand ihrer Berechnungen exakt vorhersagen, wie sich die Belastungen durch Autoabgase und Straßenlärm auf den drei Hauptdurchgangsstraßen, der Arolser, der Warburger und der Kasseler Straße entwickeln werden. Dazu gibt es Prognosen, welche Auswirkungen die Umgehungsstraße haben wird.

Innenstadt entlasten

Die Entlastungswirkung wäre auch von Laien vorherzusagen, mit Zahlen unterlegt überrascht jedoch, wie gering die Auswirkung sein könnte. Immerhin ließe sich der Großteil des Schwerverkehrs aus der Volkmarser Innenstadt verbannen. Dazu aber müssten in der besonders belasteten Gerichtsstraße und in der Warburger Straße Schikanen für Lastwagen eingebaut werden. Schließlich befinden sich hier Altenheim, Kindergarten, Krankenhaus und Dialyse-Klinik.

Kaufkraft in Gefahr

Dass eine funktionierende Umgehungsstraße auch Gefahren für die Innenstadt birgt, merkte Fleischermeister Hartmut Burk an: „Wie geht es mit unserer Altstadt weiter, wenn uns die Pkw alle umfahren? Dann wird der Leerstand noch schlimmer. Und es werden noch mehr Geschäfte schließen.“

Diese Gefahr konnte auch Bürgermeister Linnekugel nicht ganz vom Tisch wischen: „Es kann ein Stück weit Kaufkraft verloren gehen.“ Die Hauptgefahr liege aber darin, dass viele Volkmarser ihre Einkäufe außerhalb der Stadt erledigten. Neuerdings werde im zunehmenden Maße im Internet eingekauft. Das löse ungezählte Kleinlogistikaufträge aus und am Ende leide die Innenstadt.

So kam noch einmal die Frage auf, ob Volkmarsen überhaupt die rund zehn Millionen Euro teure Umgehungsstraße benötige. „Diese Diskussion kommt jetzt zu spät“, stellte Wulfdietrich Rosenow fest: „Auch ich halte die Straße für Blödsinn und zu teuer.“ Dennoch seien die Kreispolitiker auf Druck der Volkmarser Bürgerinitiative eine moralische Verpflichtung eingegangen.

Ähnlich äußerte sich Lutz Becker von der Bürgerinitiative: „Landrat Dr. Kubat hat uns versprochen, sich für die Straße einzusetzen.“ Schließlich bedeute weniger Verkehr in der Innenstadt auch mehr Lebensqualität für die Menschen. Vielleicht könne eine verkehrsberuhigte Stadt auch neue Bewohner anlocken, so Becker. (es)

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