Waldecker Experten für Melk- und Kältetechnik in Russland sehr gefragt

Kuhställe als Exportschlager

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Bad Arolsen/Twistetal - Landwirte im Waldecker Land bauen Boxenlaufställe für 100, vielleicht 200 Rinder, dazu einen Fischgrätenmelkstand mit 10 oder 20 Plätzen. Solche Investitionen müssen gut überlegt und knallhart kalkuliert sein.

In Russland und in der Ukraine baut die Twistetaler Firma maraTEC., die in den vergangenen Wochen in das Industriegebiet am Bioenergiepark auf dem Mengeringhäuser Hagen umgesiedelt ist, Kuhställe von gigantischen Ausmaßen. 5000 Kühe zuzüglich 5000 Jungvieh inklusive Kälber an einem Ort sind keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Dazu kommen zwei Melkkarussells mit je 60 Plätzen. Hier wird rund um die Uhr gemolken.

Spannende Entwicklung

Elektronische Transponder an jedem Rindvieh sorgen dafür, dass jede zur rechten Zeit gemolken wird. Die Bauteile stammen aus den USA, aus Kanada und aus Mengeringhausen. Alles wird von maraTEC. geplant, organisiert, gebaut und am Ende schlüsselfertig übergeben. Das Unternehmen beschäftigt heute 120 Mitarbeiter an drei Standorten in Russland, in der Ukraine und im Waldecker Land.

1998 haben Uwe von Briel und Friedrich Falkenstern begonnen, Melkstände nach Russland zu verkaufen. „Damals musste alles billig sein. Dann kam die Phase, in der Qualität gefragt war, am besten Markenprodukte aus Deutschland. Inzwischen wollen die russischen Kunden funktionierende Komplettlösungen aus einer Hand. Alles muss funktionieren."

Der gelernte Kälteanlagenbaumeister von Briel (43) hatte einige Jahre im Bereich der Melk- und Kühltechnik bei seinem Bruder Erhard von Briel (59) gearbeitet und kannte sich im Metier aus. Friedrich Falkenstern (60), als ehemaliger Kolchosenchef, kannte die örtlichen Gegebenheiten. Deshalb kamen die drei auf die Idee, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Melk- und Kühltechnik in die Länder der russischen Förderation zu liefern.

Mit der Zeit wurden die Ansprüche immer größer. Zunächst wurden Tränken nachgefragt, dann auch ganze Stallsysteme. maraTEC. passte sich der veränderten Lage und Nachfrage an und erweitere sein Sortiment. Heute gehören der Hallenbau und die kompletten Inneneinrichtungen selbstverständlich zum Lieferumfang.

Während die Stahlelemente für die Liegeboxen und die Träger für Hallen in Mengeringhausen in der ehemaligen Bundeswehrturnhalle gefertigt werden, die vor einem Jahr noch vom Veranstaltungszentrum Outback für große Konzerte genutzt wurde, kommt die Melktechnik aus den USA. Auch die Entmistungsanlagen und Windschutzsysteme kommen aus Nordamerika. Die Hersteller in Kanada und den USA haben viel Erfahrung mit großen Farmen und deren speziellen Anforderungen.

Konkurrenz groß gemacht

„Ärgerlich ist nur, dass wir für die amerikanischen Hersteller ursprünglich die Türen zum russischen Markt geöffnet haben. Jetzt versuchen unsere Lieferanten, das Geschäft selber zu machen und uns auf dem Markt zu umgehen."

Doch noch scheint maraTEC. gut im Rennen zu sein. Es geht eben nichts über Know-how und gute deutsche Facharbeiter. Das ist auch ein Grund, warum maraTEC. so viele scheinbar einfache Stahlbauteile in Mengeringhausen fertigen lässt: Deutsche Facharbeiter liefern unschlagbare Qualität ab.

Waldecker Vorteile nutzen

Außerdem, so verrät von Briel, ist Stahl in Russland deutlich teurer und schlecht projektbezogen zu disponieren. Verzinkereien gibt es sehr wenige und schließlich sei Russland längst kein Billiglohnland mehr.

So gehen immer noch Bauteile aus dem Waldecker Land über den Ural nach Nowosibirsk oder an die kasachische Grenze. Überall entstehen riesige neue Farmen, um den Durst der russischen Bevölkerung nach Milch und den Hunger nach gutem Rindfleisch zu stillen.

Finanzkrise spürbar

Auf den vollautomatischen Melkständen werden meist Holsteiner Kühe gemolken, die entweder direkt importiert wurden oder auf dem Wege des Embryonen-Transfers beinah fabrikmäßig produziert werden. Ein großer Markt, der allerdings im Zuge der Finanzkrise einen gewaltigen Rückschlag erfahren hat.

„Manche unserer Kunden haben durch den Zusammenbruch russischer Banken richtig viel Geld verloren", weiß Uwe von Briel. Deshalb sei 2010 und 2011 fast kein neuer Auftrag ins Haus gekommen. Inzwischen scheint sich der Markt aber wieder zu erholen. Schließlich zahlt der russische Staat auch kräftig Subventionen für den Bau neuer Farmen.

Umzug ins Kasino

Von Briel ist optimistisch, dass sich das Geschäft wieder ganz erholen wird. Sonst hätte er die Halle auf dem Mengeringhäuser Hagen nicht gekauft. Auch das ehemalige Georg-Friedrich-Kasino gehört inzwischen der Firma maraTEC. Hier sollen Büros für die Verwaltung entstehen. Die Küche und der alte Gastraum bleiben allerdings zunächst unverändert. Wer weiß, wozu man die Räume noch nutzen kann. (su)

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