Innerhalb von neun Jahren löschen die Nationalsozialisten jüdisches Leben in Korbach aus · WLZ-FZ-Serie über den ITS (Folge 20) Jüdisches Leben in ...

„Lebensbaum, du hast hier nichts verloren“ Nathan und Wittgenstein ITS-Serie

- Jüdisches Leben existiert in Korbach nicht mehr. Auch wenn einige Korbacher Bürger die Konzentrationslager überlebten, kehrten sie ihrer alten Heimat nach Ende des Zweiten Weltkrieges den Rücken. Eine Zeugin erinnert sich 60 Jahre später an die Ereignisse.

Von Dennis Schmidt

Korbach. 1942 ist alles vorbei. 180 Jahre lang hatten Christen und Juden miteinander in dem Städtchen gelebt, sich aneinander gewöhnt, sich angefreundet und auch mal angefeindet. Doch der Schnitt, der im Jahr neun nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft kommt, kennt keinen geschichtlichen Vergleich.

Familien werden ausgelöscht, soziale Verbände zerstört und Freundschaften kaputt gemacht. Die heute 85-jährige Marianne Heinemann aus Korbach besucht in den 30er-Jahren die Höhere Töchterschule. In ihrer Klasse: Ruth Lebensbaum.

Dass das kleine Mädchen jüdischen Glaubens war, habe in der Schule zunächst keine Rolle gespielt, erinnert sich die Korbacherin heute. Die tiefschwarzen Haare mögen die Kinder zum Hänseln angeregt haben, aber Beschimpfungen der Art „Judenschwein“, wie sie später alltäglich werden sollten, kamen nicht vor. „Ruth war normal integriert“, so die patente 85-Jährige. Beim gemeinsamen Spielen und Lernen spielte es keine Rolle, ob jemand katholischen, evangelischen oder jüdischen Glaubens war.

Zur Familie Lebensbaum gehören neben Ruth noch die vier Jahre jüngere Schwester „Trautchen“ sowie die Eltern Bernhard und Therese. In der Hagenstraße 12 wohnt die Familie und nimmt am Leben in der Stadt teil. Doch bereits 1933 beginnen die Schikanen. Der Vater wird 1934 aus dem Staatsdienst als Postbeamter entlassen. Das ist erst der Anfang; es soll noch acht Jahre dauern, bis die Familie aus Korbach verschleppt wird.

„Ein schrecklicher Typ“

Doch der Ton wird bereits Anfang der 30er rauer. „Der Vater wurde oft angeschrien. ‚Lebensbaum, pack deine Sachen, du hast hier nichts verloren‘, schrien die Nazis“, weiß die Zeitzeugin zu berichten.

Auch in der Schule ändert sich der Ton. Der neue Lehrer hat die nationalsozialistische Ideologie verinnerlicht und gibt fortan den Ton an. „Er war ein schrecklicher Typ“, schaudert es Marianne Heinemann noch heute. Das, was der Pädagoge und die übrigen „Kämpfer für die nationalsozialistische Sache“ von sich geben, trifft aber auf wenig Widerstand. Auch die jüdische Bevölkerung versucht, sich zu arrangieren. Einige Familien wandern aus. Doch viele bleiben – auch die Lebensbaums, für die das Leben in Korbach zur ständigen Schikane geworden ist. Gehisste Hakenkreuzflaggen und Davidssterne, die die Juden auf ihrer Kleidung stigmatisieren, bestimmen das Straßenbild.

Hitlers „Mein Kampf“: liegt tausendfach in Korbacher Bücherregalen. Der Propagandafilm „Jud Süß“: läuft auch in Korbach. Und die „Reichskristallnacht“: wurde in vorauseilendem Gehorsam bereits einen Tag früher blutige Wahrheit. Der „Arierparagraf“: regimegläubig umgesetzt.

Trotzdem: „Die Mutter Therese ließ sich anfangs nichts gefallen. Beim offiziellen Heldengedenktag hisste sie zum Beispiel die Flagge des Kaiserreichs. Auch als die Nazi-Schergen einschritten, blieb es dabei“, so Marianne Heinemann. Resolut schreitet Therese Lebensbaum auch ein, als die Hitlerjugend auf der Hauer Wehrsportübungen absolviert.

„1942 waren die Lebensbaums dann auf einmal weg. Auch die Nachbarn wussten nicht, was geschehen war“, so Marianne Heinemann. Die Jahreszahlen hat die 85-Jährige immer noch im Kopf, weil sie auch ihr Leben verändert haben. Zunächst muss die Familie im Juli nach Kassel übersiedeln, zwei Monate später werden sie von der Geheimen Staatspolizei nach Theresienstadt deportiert.

Die Familie kehrt zwar nach dem Krieg nach Korbach zurück, doch die Beziehung zu den übrigen Korbachern ist zerstört. Niemand hatte verhindert, was den Lebensbaums durch die „Endlösung“ angetan worden war. „Sie wollten mit keinem mehr etwas zu tun haben“, so Marianne Heinemann. Ihr Haus in der Hagenstraße beziehen die Lebensbaums am 23. Juli 1945. Mit Kriegsende sind sie zuvor durch die russische Armee in Theresienstadt befreit worden.

Insgesamt elf Juden kehren 1945 aus den Konzentrationslagern nach Korbach zurück. Neben der vierköpfigen Familie Lebensbaum auch Siegfried, Alfred und Bertel Kaufmann, Rosel Simon, Marga Israel sowie Helga Zickrick und, bis August 1946, Marianne Weitzenkorn.

Bei Bernhard Lebensbaum laufen die Fäden nach dem Naziterror zusammen. Er nimmt in seinem Haus andere Geschädigte auf und ist Teil des „Jüdischen Komitees in Korbach/Waldeck“. In dieser Position sucht er nach den spurlos verschwundenen Gemeindemitgliedern, kümmert sich um den Schriftverkehr des „Zentralkomitees der befreiten Juden“. „Vor allem die Mutter hatte Angst“, erinnert sich Marianne Heinemann. „Ihre Haustür hat sie immer nur einen winzigen Spalt aufgemacht.“ Der Schrecken sitzt zu tief, als dass ein gemütliches Flanieren oder ein Schwätzchen vor dem Haus noch möglich wäre. Die einst so rigide Therese Lebensbaum hält sich zurück.

Der Plan, auszuwandern, wird 1951 immer konkreter. Bürgermeister Paul Zimmermann stellt für Bernhard und Therese Lebensbaum schließlich Führungszeugnisse mit dem Zweck „Auswanderung“ und „Vorlage bei einer Passbehörde“ aus.

Die beiden Töchter Ruth und Gertrud sind zu diesem Zeitpunkt bereits nach New York gegangen. Ende August 1946 sind sie auf der „Marine Perch“ Richtung USA ausgewandert. Status: staatenlos. Sie finden in der Nähe des Broadways eine erste Anlaufstation in der für sie neuen Welt. 1955 ist Gertrud bereits verheiratet, sie zieht mit ihrem Ehemann nur wenige Meter weiter auf die „Wadsworth Terrace“.

Die Korbacher Familie Weitzenkorn bekommt dazu nicht die Chance. Am 18. Januar 1942 stirbt das Familienoberhaupt Sigmund in Oranienburg, da hat er etwas länger als einen Monat als Schutzhäftling durchgehalten. Die in den Dokumenten angegebene Todesursache: Herzschwäche. Neun Monate später stirbt seine Ehefrau Toni an „allgemeiner Körperschwäche“.

„Gesichtsfarbe: blass“

„Größe: 153 cm, Haare: Glatze, Kinn: normal; Gesichtsfarbe: blass, Statur: dick“ hatten die Mitarbeiter beim „Landesfürsorgeheim Breitenau“ notiert, nachdem Weitzenkorn auf Geheiß der Gestapostelle in Kassel als „Schutzhäftling“ eingeliefert worden war. Bereits 1938 hatte er als Schutzhäftling eine Nacht im Korbacher Gerichtsgefängnis verbringen müssen, einen Tag nach dem Novemberpogrom. Von dort wird er direkt ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Einen Monat später wird er wieder entlassen.

Weitzenkorn ist, so wie die Korbacher Edmund und Ludwig Mosheim, einer von reichsweit 26 000 „Aktionsjuden“. Sie sollen durch die Verschleppung zur Ausreise bewogen werden. Sein Vermögen wäre dann an den Staat gefallen. Doch Weitzenkorn denkt nicht daran.

Die Einzige, die überlebt, ist das kleine „Mariannchen“. Mit 17 kehrt sie nach Korbach zurück, vier Jahre zuvor ist sie nach Theresienstadt „umgesiedelt“ worden, so der damals offizielle Sprachgebrauch.

Das Adoptivkind der Weitzenkorns übersteht die Torturen, findet bei Familie Lebensbaum Unterschlupf und wandert schließlich ebenfalls aus.

Als die nationalsozialistischen Aufmärsche und Proteste in Korbach beginnen, fühlt sich der jüdische Bevölkerungsanteil nicht sofort gefährdet. Doch die stete Indoktrinierung und die fehlenden mahnenden Stimmen ziehen der jüdischen Bevölkerung den Boden unter den Füßen weg.

Die Triebfedern des Dritten Reiches kannten keine Skrupel mehr, marschierten und skandierten. „Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut. Mosheim, komm raus“, riefen sie vor dem Geschäft der Familie Mosheims.

Diese betreibt ein Eisenwarengeschäft in der Innenstadt. Als die SS in Korbach immer mehr das Sagen hat, gehen die Mitglieder rigide gegen die Geschäftsleute vor. „Wer bei Mosheims kaufte, wurde fotografiert. Das Foto wurde dann öffentlich aufgehängt mit dem Zusatz: ‚Dieser Deutsche kauft bei Juden‘“, weiß Marianne Heinemann zu berichten. „Förster Grötecke aus Mühlhausen beeindruckte das aber wenig. Er kaufte seine Schlittschuhe trotzdem dort. Die Familie wunderte sich, denn im Grunde kam niemand mehr zum Einkaufen“, fährt sie fort.

Die Mosheims waren eine ­alteingesessene Korbacher Familie. Die Vorfahren Lewy und Samuel Mosheim hatten in der Mitte des 19. Jahrhunderts als eine der ersten jüdischen Familien das Korbacher Bürgerrecht erlangt. Ihre Enkel Edmund, Paula und Ludwig mussten in den 40ern nicht um ihr Bür-gerrecht, sondern um ihre 
Menschenrechte kämpfen. 42 von ihnen verloren dabei ihr Leben.

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