Mittelalterliche Handschrift verbindet Geschichten und Geschichte

Literarischen Schatz ausgegraben

Prof. Dr. Jürgen Wolf ist Germanist am Institut für deutsche Philologie des Mittelalters an der Universität Marburg. Er ist Herausgeber der kommentierten Ausgabe der „Arolser Weltchronik“, einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert. Foto: Schulten

Bad Arolsen - 600 Jahre nach ihrer Entstehung wird der „Arolser Weltchronik“ in diesen Tagen durch die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt ein Denkmal gesetzt.

Der Bad Arolser Germanist Prof. Dr. Jürgen Wolf von der Universität Marburg ist zusammen mit der Vize-Präsidentin der Uni Kassel, Prof. Dr. Claudia Brinker-von der Heyde, Herausgeber der gerade erschienenen, kommentierten Faksimile-Fassung.

Die mittelalterliche Handschrift war über Jahrhunderte im Arolser Schloss als Schatz bewahrt worden und selbst während der Reformation nicht den Bilderstürmern zum Opfer gefallen, bis 1927 im Arolser Schloss für viel Geld eine moderne Zentralheizung eingebaut werden sollte. Zur Finanzierung dieser Investition entschied sich die fürstliche Familie zum Verkauf des prächtigen, auf Pergament geschriebenen Buches mit seinen 220 kunstvoll kolorierten Federzeichnungen.

Das wertvolle Original ging an die Staatsbibliothek in Berlin und trägt seitdem den Titel „Arolser Weltchronik“, obwohl allen Historikern und Germanisten immer klar war, dass die Handschrift nicht in Arolsen entstanden, sondern lediglich hier bewahrt wurde.

Prof. Wolf vom Institut für deutsche Philologie des Mittelalters hat sich auf deutschsprachige Handschriften spezialisiert und ungezählte Stunden mit dem Entziffern der in feinster Handschrift verfassten Chronik beschäftigt. Die hierin verwendete gotische Minuskelschrift (Kleinbuchstaben) ist vom Schriftbild her eine Textualis am Übergang zur Bastarda.

Das Buch gibt, wie im Mittelalter üblich, keinerlei Hinweise auf seinen Verfasser, seinen Auftraggeber, seinen Entstehungsort oder wenigstens das Entstehungsjahr. Prof. Wolf: „Lediglich der Schreibdialekt lässt darauf schließen, dass das Buch im bayerischen Sprachraum, wahrscheinlich in einem süddeutschen Kloster, um das Jahr 1400 entstanden sein muss.“ Es wird auch für damalige Verhältnisse sehr teuer gewesen sein, denn es ist sehr ordentlich und sauber geschrieben und enthält viele Bilder. Es kam sehr früh in waldeckischen Besitz, wie sich aus alten Inventarlisten ablesen lässt. Und es hat alle Stürme der Zeit überdauert.

Andere Bücher aus jener Zeit wurden zerstückelt, als Briefumschlag zweckentfremdet, verheizt. Es ist überliefert, dass vor allem während der Reformation viele Bücher mit katholisch-theologischem Inhalt zerstört wurden. - Nicht so die Arolser Weltchronik.

Das mag daran liegen, dass das Buch so reich verziert war, oder auch daran, dass sein Inhalt auch für evangelische Ohren erträglich war.

Die mittelalterliche Handschrift erzählt die Geschichte der Welt von Adam und Eva bis Kaiser Karl. Biblische Geschichten des Alten und Neuen Testaments sind darin ebenso verwoben wie Sagen aus der Antike. Troja wird ebenso erwähnt wie Alexander der Große, die Kindheitsgeschichte Jesu, fantastische Erzählungen über die Eltern der Gottesmutter Maria und Tatsachenberichte über Schlachten französischer Könige gegen die Araber.

Prof. Wolf: „Es gibt den Erzählstrang der christlichen Heilsgeschichte und die sogenannten Bi-Wegge, die Nebenstraßen, in denen nicht christliche Erzählungen chronologisch eingeordnet werden.“ Sagen und Legenden vermischen sich mit Theologie.

Streckenweise gehe es auch um „Sex and Crime“, ritterliche Liebesepen und blutige Ränkespiele, so etwa wenn die Epen über Willeham von Orange, einem Vorfahren Karls des Großen, überliefert von Wolfram von Eschenbach neu erzählt werden.

Die Autoren urteilen: Man darf diese Handschrift „getrost zu den kostbarsten Büchern volkssprachig-deutscher Buchkunst im Spätmittelalter rechnen.“ Sie ist „Bibel, Exempelsammlung und Erbauungsbuch. Wer sich den Lehren aufgeschlossen zeigt, die Sünde vermeidet und gottgefällig lebt, wird ... von den Engeln abgeholt und in den für die guten Menschen reservierten zehnten Chor der Engel geleitet“. Das ist die fromme Quintessenz der erzählfreudigen Pergamentseiten.

Die Arolser Weltchronik, erschienen bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt, ist im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3-534-25206-0, 129 Euro.