Rückblick auf bewegtes Schwanenleben auf Stadtteich

Mengeringhäuser Wahrzeichen tot

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Erinnerung an gute Zeiten: Der Schwan imponiert mit erhobenen Flügeln.

Bad Arolsen-Mengeringhausen - Er ist wohl an die 20 Jahre alt geworden. Der alte männliche Höckerschwan auf dem Mengeringhäuser Teich beim Lünnentor ist vor wenigen Tagen in der Folge von Verletzungen gestorben, die ihm wohl der Angriff eines Fuchses beigebracht hatte.

Der große Vogel hatte sich nicht mehr wie üblich für die Nacht auf eine kleine Steininsel zurückgezogen, sondern draußen auf der Grünfläche geschlafen. Schwäne können über 20 Jahre alt werden - vielleicht hatte ihn doch auch die Altersschwäche allmählich erreicht. Für die Besucher und besonders für die Kinder gibt es nach wie vor genügend lebhafte Stockenten auf dem Teich zu sehen und manchmal bunte Gäste wie Braut- und Mandarinenente.

Ein wechselvolles Schicksal

Das Unheil kündigte sich schon vor Jahren an: Aus dem mit vier Eiern belegten Nest waren in der damals auf festem Land stehenden Hütte eines Morgens sämtliche Eier verschwunden und die Schwanenfrau schwamm verletzt und ratlos auf dem Teich umher. Noch am selben Tag fand sich ein unversehrtes Ei versteckt im Garten der benachbarten Apotheke. Es wurde in das Nest zurückgebracht - mit nicht viel Hoffnung. Am nächsten Morgen war auch dieses endgültig verschwunden.

Sex mit der Tochter

Im Sommer 2005 hatten die Schwäne erfolgreich gebrütet und drei Junge großgezogen. Allerdings kam ein Jungvogel schon im Herbst ums Leben. Bei dem Versuch, mit seinen inzwischen ausgewachsenen Flügeln durchzustarten, hatte er nicht genügend Höhe erreicht und sich an einer Mauer zu Tode geflogen.

Die beiden anderen Jungschwäne haben dieses Risiko vermieden und blieben. Im darauf folgenden Frühling waren vier erwachsene Schwäne auf dem Teich.

Doch das Unglück sollte fortschreiten. Im Frühjahr entwickelte der Schwanenvater mehr und mehr Interesse für seine nun ausgewachsene Tochter. Die ließ sich gern von ihm umwerben. Es kam sogar zu Paarungen zwischen Vater und Tochter. Mittlerweile hatte die alte Schwänin begonnen, Eier zu legen und brütete bald auf dem Nest aus Stroh im Gehege. Die Brut dauerte 5, 6, 7 Wochen - und keine Küken zeigten sich. Jetzt war es sicher: Die Eier waren unbefruchtet. Um das sinnlose Tun der Schwanenmutter zu beenden, nahm man ihr die Eier fort, und sie hat auch nicht versucht, ein Ersatzgelege zu produzieren. Die erwachsenen Jungvögel wurden dann nach Flechtdorf ausgelagert.

Man erinnert sich noch gut an das Geschehen, das dem Familienleben der Schwäne ein baldiges Ende bereiten sollte. Die Schwanenmutter hatte wieder sorgfältig und anhaltend für 5 Wochen gebrütet und tauchte dann mit zwei Küken auf. Die wuchsen heran und stellten einen Anziehungs-punkt für alle Naturfreunde dar - bis eines Morgens einer der schon ausgewachsenen Jungvögel verschwunden war und einige seiner Federn in der nächsten Hecke hingen.

Kurze Zeit später lag der zweite morgens tot und halb aufgefressen im Gehege. Der Fuchs hatte gnadenlos zugeschlagen. Auch die Schwanenmutter musste kurze Zeit später auf diese Weise ihr Leben lassen. Der alte Schwanenmann war nun verwitwet und suchte jeden Abend die kleine Steininsel inmitten des Ententeichs auf. Hier war er sicher. Der Fuchs springt leicht über einen meterhohen Jägerzaun, er kann auch eine Distanz von fünf Metern überwinden, aber das Wasser scheut er doch mehr als eine Entfernung auf dem festen Land.

Das Ende des Schwans

11. November 2012, ein schöner Herbstsonntag nach einem friedlichen Sommer. Doch morgens herrscht große Aufregung am Ententeich. Der Schwan ist blutüberströmt auf dem Wasser, mit Verletzungen am Hinterkopf, am Auge, am Schnabel. Die letzten Nächte hat er unvorsichtigerweise auf dem Land verbracht.

Solange er die kleine Stein-insel mitten im Teich zum Schlafen aufgesucht hatte, war er einigermaßen sicher. Jetzt hat ihn aber anscheinend der Fuchs über Nacht auf festem Grund überrascht. Der starke Vogel hat sich losgerissen, aber wohl nur knapp entkommen können. Eine Tierärztin wird herbeigerufen, die Ortspolizei und der Ortsvorsteher sind zugegen.

Der Schwan lässt sich ohne große Mühe einfangen. Er bekommt Schmerzmittel, Antibiotika und Vitamine gespritzt. Doch er war nicht mehr zum Fressen zu bringen. Selbst Salat, zarte Rapsblätter und aufgeweichtes Brot nahm er nicht mehr an. Seine Kraft nahm von Tag zu Tag ab. Am vergangenen Freitag musste er sein Leben lassen.

Besser keinen neuen Schwan (hhb)

Sollte man den Fuchs bestrafen, weil er in die hieisge Vogelhaltung eingegriffen hat? Ein frei lebender Schwan könnte vor ihm flüchten und ist ihm weit überlegen, wenn er erst einmal auf dem Wasser oder in der Luft ist. Das Fliegen war für den Schwanenmann jedoch nicht möglich. Er war kupiert, das heißt, die Knochen einer Hand waren schon dem Jungvogel abgeschnitten worden, so dass er zeitlebens zur Flugunfähigkeit verurteilt war. Selbst wenn er vollständige Flügel gehabt hätte, so waren doch das Gehege und der Teich mit seiner Umgebung zu eng zum Starten.

Der Höckerschwan ist einer der größten flugfähigen Vögel bei uns. Er kann bis zu 15 Kilogramm schwer werden. Er benötigt jedoch eine lange Anlaufbahn, um abzuheben. Die Schuld für alles Unglück liegt letztlich bei uns Menschen. Zu wenig Gras zum Weiden, keine Möglichkeit für die Jungvögel abzufliegen, die Alten sind flugunfähig operiert und letzten Endes dem Zugriff des hungrigen Fuchses ausgeliefert. Man kann auch sagen: Die Haltung von Schwänen unter diesen Bedingungen ist nicht artgerecht, selbst wenn das Verfahren jahrelang gut gegangen ist.

Prof. Dr. Hans-Heiner Bergmann ist Biologe und Vogelkundler und hat sich viele Jahre lang mit der Ökologie der Wasservögel befasst.

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