Vor 50 Jahren: In Mengeringhausen wird "Barras heute“.gedreht

Nach „08/15“ Film über Soldatenalltag

Filmaufnahmen zu „Barras heute“. im Jahr 1963 in Mengeringhausen.

Bad Arolsen-Mengeringhausen - Joachim Fuchsberger und Hellmut Lange waren die wohl berühmtesten Mitwirkenden eines Kinofilmes, der vor 50 Jahren in Mengeringhausen über die Bundeswehr gedreht wurde. Als Studio diente die Mengeringhäuser Stadthalle.

.„Kadavergehorsam“ und Untertanengeist prägten die Wehrmacht, die Hitlers Angriffs- und Vernichtungskriege zu führen hatte. Die in der Nachkriegszeit populäre Film-Trilogie „08/15“ hat dem stupiden Kommiss ein Denkmal gesetzt. Mit diesen unseligen Traditionen wollte die neue, demokratische Bundeswehr bewusst brechen, nach den Prinzipien der „Innere Führung“ sollen die Soldaten selbstbewusste „Staatsbürger in Uniform“ sein. Auch über sie gibt es einen Film, gedreht vom „08/15“-Regisseur Paul May: „Barras - heute“ heißt der Streifen, der vor genau 50 Jahren entstanden ist. Gedreht wurde er unter anderem in Mengeringhausen und vor dem Arolser Schloss.

An Erfolge anknüpfen

Die „Gloria-Filmverleih“ wollte mit dem Bundeswehr-Spielfilm an den Erfolg von „08/15“ anknüpfen. Die Trilogie basiert auf den drei gleichnamigen Romanen, die der Kriegsteilnehmer Hans-Hellmut Kirst 1954 veröffentlicht hatte, sie wurden international ein Bestseller. Der auch in der Umgangssprache geläufige Titel leitet sich übrigens vom Maschinengewehr 08/15 ab, das die Reichswehr im Ersten Weltkrieg eingesetzt hat.

Noch 1954 verfilmte der Regisseur Paul May den ersten Teil. Dafür hatte die „Gloria“ den bis dahin kaum bekannten Joachim Fuchsberger für die tragende Rolle des Gefreiten Asch ausgewählt. Peter Carsten spielt seinen Stubenkameraden Kowalski. Für den heute weltbekannten Mario Adorf war „08/15“ der erste Auftritt als Schauspieler: Sein Freund Fuchsberger hatte es fertiggebracht, ihm eine Nebenrolle als Schreibstuben-Soldat zu verschaffen.

Eine besonders markante Rolle spielte der Wachtmeister Plat-zeck - bei der Artillerie hießen die Feldwebel-Dienstgrade Wachtmeister. Der Film machte Hans-Christian Blech als „Schleifer Platzeck“ bekannt, er stand genau für die Art der Ausbildung, die in der Bundeswehr keinen Platz mehr finden sollte.Allein in den ersten Wochen sahen fünf Millionen Besucher diesen Film in den Kinos. Der zweite Teil wurde 1955 gedreht, darin stand der Kriegsalltag an der Ostfront im Vordergrund. Asch hatte als Wachtmeister gegen die Unbilden der russischen Natur, gegen unfähige Vorgesetzte und bürokratische „Etappenhengste“ zu kämpfen. Der dritte Teil folgte noch 1955, er hat die Schlussphase des Krieges in der Heimat zum Thema. Asch war Leutnant und Zugführer geworden, er musste sich mit den Auflösungserscheinungen der letzten Kriegstage auseinandersetzen, die seine Einheit in die Heimat führte. Neben Otto Eduard Hase als Divisionskommandeur waren fast alle aus Teil 1 wieder am alten Standort versammelt.

In Komik umgeschlagen

Eigentlich sollte der Film kriegskritisch wirken, gerade Asch leistet sich Widerspruch. Doch die Eigentümlichkeiten des Kommissbetriebes schlugen vielfach in Komik um, was die Zuschauer zu Lachsalven inspirierte. Besonders Helen Vita als Lore Schulz, die Frau des Kompaniewachtmeisters, ist vielen in Erinnerung geblieben.

Den Erfolg wollte die „Gloria“ mit „Barras - heute“ fortsetzen. 1962 stand Regisseur Paul May wieder ein Drehbuch zur Verfügung. Diesmal sollte die junge, noch im Aufbau begriffene Bundeswehr in den Fokus rücken. Nach der Werbung der „Gloria-Filmverleih“ wollte der „objektive Film ungeschminkt die Probleme zeigen, vor die sich jeder Bürger stellt, wenn er die Uniform des Soldaten anziehen muss“. Umstritten war er schon in seiner Entstehungszeit: Für die einen war er Werbung für die Bundeswehr, für die anderen ein allzu kritischer „aggressiver Dokumentarfilm“.

Paul May äußerte sich damals über den Drehbuch-Autor Joachim Bartsch: „Der versteht was davon, der hat drei Söhne beim Kommiss.“ Das Verteidigungsministerium war bereit, sich inhaltlich aus den Dreharbeiten herauszuhalten, unterstützte sie aber: Das Feldartillerie-Bataillon 45 in Mengeringhausen öffnete seine Tore für das Filmteam. Der damalige Kommandeur, Major Hauschild, fungierte als Berater, seine Soldaten schlüpften in Statistenrollen. Auch für die benötigten Gerätschaften sorgte das Bataillon.

Die Soldaten hatten erst am 7. November 1961 die in drei Jahren neu gebaute Prinz-Eugen-Kaserne auf dem Hagen bezogen. Das neu gebildete Panzerbataillon 44 folgte am 11. Januar 1962. Die beiden Verbände gehörten zur Panzergrenadier-brigade 4 des III. Korps mit seinem Sitz in Koblenz.

Die Aufnahmen fanden zum großen Teil in der Prinz-Eugen-Kaserne statt, aber auch die belgische Kaserne in Arolsen war Drehort für einige Szenen. Dort wurde die Wache am Eingang gefilmt, wobei das Schild mit dem Namen des ersten Regiments der „Jagers te Paard“ über dem Tor mit einem Tuch unkenntlich gemacht wurde.

Ein weiterer Drehort befand sich in der Mengeringhäuser Altstadt, dort war die Nicolai-Straße für Dreharbeiten gesperrt worden. Junge Menschen in Uniform prägten für einige Wochen das Erscheinungsbild. Viele Schauspieler und Filmleute hatten sich während der Dreharbeiten in umliegenden Hotels und Pensionen eingemietet.

Zahlreiche Einwendungen

Für die Mengeringhäuser war dies eine willkommene Abwechslung, auch wenn es wegen der Absperrungen einige Einschränkungen gab. In einem der Gastronomiebetriebe wurde ein Café eingerichtet, dort hat May viele Innenaufnahmen gedreht. Hans Joachim Fuchsberger spielte einen Strafverteidiger, Peter Carsten einen Hauptgefreiten - ähnlich wie in den ersten drei Filmen.

Die ganze Palette des damaligen Soldatenalltags findet sich im Film wider. May hat versucht, all die positiven, aber auch negativen Aspekte der damaligen Truppe anzusprechen.

Nachdem der Film abgedreht war, meldete sich das Verteidigungsministerium doch noch. Die „Freiwillige Selbstkontrolle“ FSK setzte ihr Prüfverfahren zunächst aus mit der Begründung, nur das Verteidigungs- und das Innenministerium könnten fachgerecht über den Film urteilen. Später sperrte sie den Film für Jugendliche. Je mehr Institutionen sich mit dem Werk befassten, desto mehr Szenen wurden beanstandet. Folge: Ganze Rollen wurden aus dem Film herausgeschnitten. Dazu zählt ein Erzählstrang über eine Mutter, deren Ehemann im Krieg von den Nationalsozialisten erschossen worden sei, und die deshalb versuche, ihren Sohn vom Wehrdienst zu befreien. Auch Zechszenen passten nicht in das erwünschte Erscheinungsbild der Bundeswehr, sie wurden ebenfalls herausgeschnitten.

Flop an der Kinokasse

Das Ergebnis überzeugte auch im Kino nicht unbedingt. Lacher über den Kommiss wie bei „08/15“ waren keineswegs garantiert: Die Bundeswehr setzte ja auf das Prinzip der „Inneren Führung“. An alte Methoden aus der Wehrmacht wollte niemand mehr erinnert werden.

Und dann kam der Film im Frühjahr 1963 zu einem ungünstigen Zeitpunkt in die Kinos: Die Kuba-Krise hatte beide Machtblöcke im Oktober 1962 fast bis in einen Krieg geführt, nur wenige Schritte war die Welt von einem nuklearen Schlagabtausch entfernt. Die Soldaten auch der Bundeswehr befanden sich über mehrere Wochen in Alarmbereitschaft und konnten die Kasernen nicht verlassen. Da mochte das Publikum offenbar keinen unbeschwerten Kasernen-Alltag sehen.

Die Zeitschrift „Der Spiegel“ befasste sich Anfang 1963 in einer launigen Besprechung mit „Barras heute“ - und den Streichungen. Die Kritiken anderer Zeitungen waren eher verhalten. An die Erfolge der Trilogie 08/15 konnte „Barras heute“ nicht anknüpfen. 28 Millionen zahlende Zuschauer haben die drei Filme bis heute in den Kinos gesehen. Der Bundeswehr-Film verschwand schnell in der Versenkung. Wohl nur einmal lief der Film im Fernsehen, vor etwa 15 Jahren auf „3Sat“.

Derzeit versucht die Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte, ein Exemplar zur Ansicht zu bekommen. Immerhin ist es ein Stück Geschichte mit den Kulissen Mengeringhausens. Eine Anfrage beim Sender Arte ergab, dass der Film derzeit nicht auffindbar sei. Im Bundesarchiv in Koblenz lagere er, sei aber noch nicht digitalisiert, hieß es. Eine Anfrage steht noch aus: Im Filmarchiv des Verteidigungsministeriums könnte eventuell noch eine Kopie vorhanden sein. Wer eine Aufnahme hat, kann sich an die AG wenden, Telefon 06455/8302.

Veränderte Bundeswehr

Nach fünfzig Jahren hat sich das Bild der Bundeswehr gewandelt, sie ist viel kleiner geworden, die Wehrpflicht ist ausgesetzt. Zwei Drittel aller Standorte wurden geschlossen, auch die Prinz-Eugen-Kaserne in Mengeringhausen. Nur an der ehemaligen Wache erinnert noch eine Reihe Gedenksteine an den Werdegang. (ad)

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