Berndorf

Nach Geständnis: Langes Warten auf die Rettung

- Twistetal-Berndorf (-ah-). Mindestens eineinhalb Stunden vergingen nach dem Geständnis des Vaters, seine drei Kinder erschlagen zu haben, bis endlich die Rettungsdienste nach Berndorf alarmiert wurden.

Am zweiten Tag des Prozesses gegen den 40-Jährigen wegen Mordversuchs hörte die Richter in Kassel die Aussagen von Polizei, Justizvollzugsbediensteten, Arzt und Psychiater.

Wie berichtet, hatte der Familienvater, der von seiner Ex-Frau getrennt lebte und auf seine drei Kinder mit einem Hammer eingeschlagen hatte, am Samstag, 4. April, gegen 13 Uhr in der Justizvollzugsanstalt an der Leipziger Straße die Tat gestanden. Nach eigenen Aussagen hatte er die Kinder bereits am Vorabend, gegen 22.30 Uhr, nacheinander getötet – in der Absicht, sich dann auch umzubringen.

Der Mann war nach dieser Aussage in einen besonders gesicherten und bewachten Raum verbracht worden, weil Selbstmordgefahr unterstellt wurde. Um 14.30 Uhr bekam die Kriminalpolizei in Korbach von den Kollegen aus Kassel den Hinweis auf das Verbrechen in Berndorf, wie ein gestern vernommener Korbacher Beamter erklärte. Er sei beim Betreten des Mietshauses „vom Schlimmsten“ ausgegangen, also von dem Tod der Kinder, berichtete der Polizist.

Nachdem auf Klingeln und Klopfen aus der Wohnung an der Strother Straße keine Reaktion gekommen sei, habe er selbst die Tür eingetreten und im Flur das älteste Mädchen auf den Knien, stöhnend, mit schwankendem Oberkörper und blutverschmiert erblickt. Im benachbarten Wohn- und Schlafraum fanden er und sein Kollege dann die zweite Tochter und den Jungen blutverschmiert auf einer Couch liegend. Jedoch hätten sie reagiert. Danach seien die Rettungsdienste alarmiert worden. Nachdem am Mittwoch bei Prozessauftakt ein Videofilm vom Tatort ohne die Opfer gezeigt worden war, wurden gestern am Tisch der Richter die Tatortfotos mit den noch in der Wohnung liegenden Kindern gezeigt. Auch der Hammer, den die Beamten am Tatort nicht sofort gefunden hatten, wurde inspiziert.Werner B. schluckte und wirkte innerlich aufgewühlt, während er von der Anklagebank die Gespräche zwischen Gericht, Anklage, Polizisten und Verteidiger bei der Betrachtung der Bilder hörte. Der schwergewichtige Mann hatte zu Beginn der Hauptverhandlung eine Erklärung von seinem Anwalt verlesen und bisher in dem Verfahren so gut wie nichts gesagt.

Deutlich gesprächiger und aufgewühlt hatte er am 4. April auf die Justizvollzugsbediensteten in Kassel gewirkt, als er die Tat gestanden hatte. Von Freitagabend bis zum Geständnis im Gefängnis war er mit einem am Vortag gemieteten Opel Astra ziellos über die Autobahn gerast. Bis nach Hamburg ging die Fahrt, eine Tankquittung aus der fraglichen Nacht von der Raststätte Allersen Ost bestätigt dies. Doch den Mut, sich selbst nach der schrecklichen Tat umzubringen, indem er etwa gegen einen Brückenpfeiler rast, brachte B. nicht auf. Das hatte er aber nach eigenen Aussagen vorgehat.

Arbeitslos, mit wenigen sozialen Kontakten und mit der Aussicht auf die Trennung von den Kindern, habe er seine Sprößlinge lieber mit in den Tod nehmen wollen, hatte B. zu Protokoll gegeben.Weinend, jedoch mit klaren Worten hatte er den Beamten in der Haftanstalt in Kassel von der Tat berichtet und seine Motive erläutert. Heftige Angriffe fuhr er dort auch gegen seine Ex-Frau, die angeblich mit ihrer schwankenden Einstellung zu Sorgerecht und Kontakt mit den Kindern an allem Schuld gehabt habe. Daran erinnert sich einer der Beamten aus dem Gefängnis.

Ein Pfleger, der sich um den Mann im Krankenbereich kümmern musste, hatte B. anders erlebt: Kühl, nicht gerade gesprächig, eher emotionsarm, wie der Beschäftigte aus dem Sanitätsbereich am Donnerstag erklärte.

B. war nach dem ersten, unter Tränen hervorgepressteen Geständnis von Beamten der Polizei Kassel vernommen worden. In dem Dienstfahrzeug hatte er schluchzend seine Geschichte erzählt, während die Kinder blutverschmiert und regungslos im etwa 55 Kilometer entfernten Berndorf dahindämmerten. Wären nicht bald die Rettungsskräfte gekommen, dann wären die Kinder gestorben, hatte die Staatsanwältin am Mittwoch bei der Verlesung der Anklageschrift betont.

Was ist B. für ein Mensch? Die Aussagen der Polizei und der JVA-Mitarbeiter, des Gefängnisarztes und eines Psychiaters, der unmittelbar nach Einbringen in die Haftanstalt mit dem Familienvater zu tun hatte, liefert Puzzleteile. Im späteren Verlauf des Verfahrens werden vereidigte Sachverständige sich ausführlich mit diesem Thema befassen. Denn es geht auch um die Schuldfähigkeit des Mannes.

Festgestellt wurde bereits, dass Alkohol, Drogen oder Medikamente nicht im Spiel waren. Die von der Uniklinik Marburg-Gießen GmbH untersuchten Urin- und Blutproben, abgenommen am 4. April nachmittags, erbrachten ein negatives Ergebnis.

Gleichwohl soll der Mann am Vortag drei bis vier Flaschen Bier getrunken haben. Überhaupt soll B. nach eigenen Aussagen drei Kisten Bier pro Woche konsumiert haben. Verzweifelt über die familiäre Situation, habe er zu trinken begonnen, ließ er vor Gericht durch seinen Verteidiger mitteilen.

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