Bad Arolsen Company bringt Kästner-Revue auf die Bühne

Nachts sind die Straßen so leer

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- Einsam steht die Frau in einem neonroten Fensterrahmen und blickt in die Nacht hinaus: So präsentiert das intensiv wirkende Dali-Magritte-Plakat die Frühjahrsproduktion der BAC, eine dramatische Fassung von Kästners Gedichten, wie man sie noch nicht gesehen hat.

Bad Arolsen. Wer kennt sie nicht, die Verse, die so schlicht und doch so eindringlich klingen. „Als sie einander acht Jahre kannten…“; da wird in vier Strophen der Roman einer Liebesbeziehung durchleuchtet. In der „Entwicklung der Menschheit“ hält Kästner der Spezies Mensch unnachahmlich komisch und bitter zugleich den Spiegel vor die Visage und im „Eisenbahngleichnis“ rattert das ganze Leben samt Klassenfrage und existenzieller Philosophie kurz und zügig an uns vorbei. Aber auch der heiter-erotische Blick des Liebhabers („Polly“) und die antimilitaristischen Verse des NS-Kritikers („Fantasie von übermorgen“) dürfen nicht fehlen. Man schmunzelt, man lacht, man stößt mit der Stirn an etwas Hartes und spürt: ein Brett. Kästner ist zeitlos modern und in diesem Sinne wird er hier gebracht. Keine Lesung, kein Vortragsabend, kein „taubtrüber Ginst am Musenhain… Krawehl, Krawehl“ (Loriot) erwartet den Zuschauer. Im Gegenteil: Kästners erweiterte Hausapotheke hat die Bühne bestiegen. Fünf Charaktere, nämlich Heide Appel als Der Blinde, Sonja Böhlen als Junge Frau, Ursula Braun als Keine Dame, Reiner Freudenstein als Zeitungsleser und Julian Vollbracht als Junger Mann, treffen aufeinander und nun erwachen die Gedichte zum Leben. Ihre wiederkehrenden Figuren geraten Szene für Szene in ein immer dichter werdendes Netz aus Versen und menschlichen Beziehungen. Und doch: Es sind noch Kästners Original-Verse, keine Collage mit Fremdtexten, sondern eine echte Kästneriade. – Und ob das geht. Wilde Trommelsolos (Samuel Lueg), sanfte Flötenmelodien (Adele Jakumeit) und melodische Gitarrenklänge (Till Höhle) gehören ebenfalls dazu. Die drei Musiker greifen die Handlung auf und übersetzen nun, teils improvisierend, teils arrangierend, die Handlung in Rhythmen und Melodien. Dazu kommt das Bühnenbild von Carl Farin, dem es mit besonderer Liebe zum Detail gelungen ist, jedes Gedicht in sein „Bild der Großstadt“ hineinzukomponieren. Souverän an der Technik: Horst Preiss. Der Punkt auf dem „i“: Paul Jäger. Idee und Regie: Andreas Erdmann. Wer bisher Angst vor Gedichten hat, wem man die Lyrik in der Schule verleidet hat, wer sich für einen durch und durch poesielosen Zeitgenossen hält, gerade der erhält hier eine Chance, die Brücke in die verlorene Welt der Dichtung wiederzuentdecken. Wer bisher mutig, unverleidet und offen mit Gedichten Umgang gepflegt hat, der kommt sowieso. Für Straßenkehrer (aus gegebenem Anlass): Eintritt frei. Für Straßenkehrer-Kinder: die Hälfte.Die WLZ verlost zur zweiten Aufführung am Sonnabend, 5. Mai, dreimal zwei Freikarten. Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, sollte sich am Donnerstag, 3. Mai, um 16 Uhr unter der Rufnummer 05631/560-139 an die WLZ-Redaktion wenden und das Stichwort „Kästner im BAC-Theater“ nennen. Ganz wichtig: Vormucken gilt nicht. Wer vor 16 Uhr und nach 16.10 Uhr anruft, kann nicht gewinnen. (es)

Premiere ist am Freitag, 4. Mai, um 19.30 Uhr im BAC-Theater, In den Siepen 6. Weitere Vorführungen: Sa., 5. Mai, Fr., 11. Mai, Mi., 16. Mai, und Do., 17. Mai (Himmelfahrt). Vorverkauf und Reservierung: Buchhandlung Aumann, Tel. 05691/3553 Eintritt: 11 Euro, ermäßigt 5 Euro. Weitere Informationen unter: www.bac-theater.de

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