Studenten der Justus-Liebig-Universität Gießen zeigen Theater im Residenzschloss

Polemik im theologischen Streit

Bad Arolsen - An ein schwieriges Stück aus der Zeit der Reformation haben sich Studenten der Justus-Liebig-Universität in Gießen gewagt. Die Aufführung im Steinernen Saal des Residenzschlosses erlebten rund 50 Zuschauer, darunter auch einige emeritierte Theologen aus Nordwaldeck.

In dem 1538 von Johannes Cochlaeus geschriebenen Schmähstück geht es um eine Abrechnung mit den Reformatoren Jan Hus und Martin Luther und der kurz zuvor von Johannes Agricola veröffentlichten Tragödie über Jan Hus. Der theologische Streit zwischen Papisten und Evangelischen ist auf seinem Höhepunkt und zerreißt die Renaissance-Gesellschaft. Kirchenlehrer wie Melanchthon und Zwingli streiten sich über Details, die das einfache Volk auf der Straße nicht nachvollziehen kann. In dieser Situation kommen Theaterstücken wie die „Tragedia“ von Agricola und das „Heimlich Gespräch“ von Cochlaeus die besondere Bedeutung zu, das halbgebildete Publikum zu informieren und letztlich auch zu manipulieren. So ist die Komödie über die zuvor erschienene Tragödie vergleichbar mit heutigen Satiresendungen, in denen aktuelle politische Ereignisse aufgespießt und in komödiantischer Weise auf die Spitze getrieben werden. Der aktuelle Anlass für das Stück war der Streit um die theologischen Aussagen des böhmischen Theologen Jan Hus, der 1415 vom Konstanzer Konzil als Häretiker verurteilt und verbrannt worden war. So wurde er für die Reformation zum Märtyrer und zum Wegbereiter Martin Luthers. In seiner „Tragedia des Jan Hus“ arbeitet Agricola die Unrechtmäßigkeit des Prozesses heraus und setzt sie in Beziehung zum Konzil von Mantua, wo Luther sich für seine Lehren rechtfertigen musste. Die Tragödie muss für die katholische Seite eine Herausforderung gewesen sein. Gleichzeitig aber überwarf sich Luther mit Agricola in der Frage um das Verhältnis von Gesetz, Evangelium und Buße. Der theologische Streit endete damit, dass Luther seinem Freund Agricola die Predigt- und Lehrbefugnis in Wittenberg entzog. An dieser Stelle setzt der Autor Cochlaeus mit seiner Geschichte ein. Mit polemischen Rundumschlägen holt er gegen Agricola, Melanchthon und andere Gelehrte aus. Und auch Luther macht in seinem Stück eher den Eindruck eines manchmal verwirrten, jähzornigen alten Mannes. Auf die Spitze treibt Cochlaeus seine Kritik an den ach so heiligen Reformatoren, indem er aufzeigt, wie sehr die gelehrten Herren sich in Wahrheit von den Eitelkeiten ihrer Frauen leiten lassen. Sie scheinen in dem Stück nur auf Sex, Geld, Macht und Rang versessen zu sein und ziehen letztlich hinter den Kulissen die Fäden. Die wollüstige Verführung des Dr. Martin Luther durch seine Katharina von Bora als Teil einer Frauen-Intrige wird auf der Bühne mit einem weißen Vorhang „zensiert“.

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