Oberst Dirk Waldau nach einem halben Jahr als Militärberater aus Afghanistan nach Bad Arolsen zurück

Schwieriger Einsatz in anderer Welt

Militärisch-zivile Zusammenarbeit: Oberst Dirk Waldau (l.) mit einem Dorfbürgermeister (in traditioneller Kleidung).

Bad Arolsen - Der Bundestag hat das Mandat für die Beteiligung der Bundeswehr am Afghanistan-Einsatz verlängert. Wie schwierig der Aufbau einer nationalen Armee ist, weiß der als Berater vom Hindukusch zurückgekehrte Arolser Oberst Dirk Waldau.

Der zurzeit als Abteilungsleiter G 3 im Divisionsstab in Leipzig stationierte Offizier ist nach sechs Monaten Einsatz bei International Security Assistance Force (ISAF) nach Deutschland zurückgekehrt. Er hat als Kommandeur die Partnering and Advisory Task Group North (PATG) geführt. Diese von sieben Nationen gebildete Einheit ist am Westrand von Mazar-i-Sharif im Camp Mike Spann stationiert, und zwar mitten in einer afghanischen Kaserne.

Geduld gefragt

Aufgabe der 30 zivilen und militärischen Berater bei der PATG ist die Beratung und Begleitung der kommandierenden Generale und des Stabes des 209. Korps der afghanischen Armee. Ziel dieses „Advisings/Mentorings” ist es, die Fähigkeiten des „Shaheen-Corps” so weiterzuentwickeln, dass es spätestens ab Ende 2014 eigenverantwortlich, durchhaltefähig und im Verbund aller afghanischen Sicherheitskräfte zur Sicherheit in den neun nördlichen Provinzen Afghanistans beitragen kann. - So weit die Zielvorgabe, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg, und in der Wirklichkeit sind drei Dinge besonders gefragt: „Geduld, Geduld und Geduld“, beschreibt Waldau den langwierigen Prozess des Aufbaus einer einsatzfähigen afghanischen Armee.

200000 Mann gehören dem afghanischen Militär an, 13000 Soldaten davon dem im Norden des Landes verteilten 209. Korps. „Die Männer haben zum großen Teil 30 Jahre Krieg und Bürgerkrieg mitgemacht“, berichtet Waldau. Ausgebildet noch von den Russen vor deren Abzug, Mudschaheddin, die auf der anderen Seite standen, und junge Männer, die in der neuen Armee zum ersten Mal dienen. Diese ethnisch und altersmäßig bunt gemischte Armee verfügt unter anderem über alte Artilleriehaubitzen aus Sowjetzeiten, schickt ihre Soldaten mit ungepanzerten Ford Ranger-Trucks auf gefährliche Patrouillen und ist ebenso wie die Polizei mit Kalaschnikows ausgestattet. Hinzu kommen auf der zivilen Seite die Polizeieinheiten, die ohne die klare Trennung wie etwa in Deutschland mit für die Sicherheit im Lande zuständig sind. Hier gilt es, eine reibungslose Zusammenarbeit erst einmal zu organisieren.

Diebstahl und Korruption

Finanziert wird die afghanische Armee von den USA. Der Schlüssel für die Einsatzbereitschaft ist eine ordentliche Logistik für die Versorgung auch der entferntesten Truppenteile mit Treib- und Betriebsstoffen. Diese werden jedoch auch gestohlen oder von korrupten Militärs verscherbelt - Sprit macht nicht nur die Fahrzeuge mobil, sondern wird weitestgehend als Brennstoff zum Heizen verwendet.

Allein vor diesem Hintergrund ist es schwierig, einsatzfähige Streitkräfte aufzubauen mit zuverlässigen militärischen Führern und Soldaten. In den Einheiten kommen Soldaten verschiedener Ethnien zusammen. Hinzu kommen beim Beratungsprozess die kulturellen Unterschiede zwischen den Militärberatern aus dem Westen und den Offizieren aus Afghanistan, deren Vorstellungen von Zeit und Raum gehörig von denen der ISAF-Offiziere abweichen können. „Sie können sich mit einem Offizier für einen Termin in 14 Tagen verabreden, doch das Einhalten solcher Termine steht in Frage“, berichtet Waldau. Schließlich seien weite Teile der Bevölkerung es durch Krieg und inneres Chaos gewohnt, nur von Tag zu Tag zu denken, zeigt er Verständnis für diese Einstellung.

Was für die Bundeswehr gilt als Teil eines demokratischen Staates, lässt sich in der neuen afghanischen Armee nur schwer umsetzen: Das Bild vom Staatsbürger in Uniform, dessen Vorgesetzte Verantwortung tragen, die zur Fürsorge verpflichtet sind, Befehle auch erklären müssen und selbst Objekt von Beschwerden sein können, die nicht einfach niedergeschlagen werden dürfen, prägt die deutschen Militärberater, die afghanischen Gesprächspartner dagegen kennen es nicht.

Gespräche wichtig

Dabei ist eine echte Kommunikation für den Zusammenhalt und das Funktionieren der Armee notwendig, wie Waldau deutlich macht. Die Soldaten müssten schließlich wissen, was Ziel ihres Einsatzes sei und sie müssten auch die Möglichkeit zu Vorschlägen bekommen. Zudem sei es in den so bunt zusammengewürfelten Einheiten wichtig zu wissen, mit wem man es zu tun habe. Hat der Soldat etwa Kontakt zu den Taliban? Schließlich muss sich auch ein General darum kümmern, dass seine Untergebenen nicht auf verwanzten Matratzen oder bei Frost ungeschützt vor der Kälte nächtigen und als Kranke für Einsätze ausfallen.

Nicht zuletzt gehört zu den militärischen Versorgungsstrukturen eine funktionierende Instandhaltung. Da liegt es häufig im Argen. Fahrzeuge würden schlicht nicht gewartet, so lange gefahren, bis sie endlich liegen blieben. Luftdruckprüfung am Lkw? Mit einem kräftigen Handgriff prüfen die Fahrer, ob der Pneu noch durchhält.

Vorausschauende Planung von Einsätzen, die Verknüpfung mit einer funktionierenden Logistik, die Kontrolle von Mensch und Material und auch die Fürsorge für die Soldaten sind schwer zu vermittelnde Prinzipien: „Wir müssen erst mal deutlich machen, dass spontane Entscheidungen aus dem Bauch heraus oder auf den letzten Drücker gegebene Befehle unweigerlich zum Misserfolg führen und die Männer im Einsatz gefährden können“, sagt Waldau. Schließlich müsse auch sichergestellt werden, dass die Soldaten nicht wegen Spritmangels irgendwo in den Bergen mit ihren Fahrzeugen liegen bleiben. Letztlich müssen viele Zahnrädchen ineinander greifen.

Ein paar Brocken helfen

Oberst Waldau war einem der kommandierenden Generale zugeordnet: Ein grauhaariger, Respekt heischender Endsechziger. Für den afghanischen Offizier war Waldau der fünfte Advisor, der ihn bei dem Aufbau eines schlagkräftigen Korps beraten sollte. „Wir sind Berater aus verschiedenen Ländern, die auch unterschiedlich geschult sind“, schildert Waldau die Situation.

Mithilfe von Dolmetschern werden die Gespräche mit den afghanischen Offizieren geführt. Ein paar Brocken Paschtu oder Dari helfen, um leichter Zugang zu Menschen zu finden. Um sich auf die Aufgabe vorzubereiten, war Waldau Anfang vorigen Jahres im polnischen Bydgoszcz. Lektüre über Geschichte und Volkszugehörigkeiten in Afghanistan runden den militärischen Kern der Vorbereitungen ab. Nach Erkundungen vor Ort trat der Oberst seinen Posten an. Dabei war der Einsatz so multinational, wie er wohl selten ist: Zum Schutz war eine Kompanie von armenischen Soldaten eingeteilt, die im Rahmen der Vereinten Nationen aufgestellt worden war.

Was den Job für die deutschen Berater schwierig macht, ist der verhältnismäßig kurze Zeitraum von sechs Monaten, während etwa die skandinavischen Offiziere für ein Jahr in ihren Aufgabenbereichen tätig sind, wobei alle sechs Wochen eine Heimreise angesagt ist. Für Waldau war es nicht der erste Einsatz in Afghanistan, er war bereits als Chef des Stabes bei einem Aufbauteam in Kundus im Einsatz.

Ein langer Weg

„Wir wollen alle, dass die afghanische Armee ab 2014 selbstständig ist und mit der Polizei geordnet zusammenarbeitet“, sagte Waldau. „Wenn das gelingt, ist die gemeinsame Verantwortung für die Sicherheit sichergestellt.“ Doch auf diesen Feldern sei noch viel zu tun. Militärs und Polizei müssten etwas gegen Aufständische und Korruption tun. Zudem müsse endlich eine stabile wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht und eine ordentliche Infrastruktur geschaffen werden. Die Bundesregierung hat in dieser Woche deutlich gemacht, dass sie auch nach 2014 Afghanistan unterstützen werde.

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