Kassel/Waldeck-Frankenberg

Sechs Jahre Haft für Kinderschänder

- Kassel/Waldeck-Frankenberg. „Das ist das Niederträchtigste was man sich vorstellen kann.“ Mit dieser Bewertung des vor dem Landgericht in Kassel verhandelten Falles von schwerem sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen war der Staatsanwalt nicht allein.

Sogar der 43-Jährige Angeklagte, ein 1993 nach Waldeck-Frankenberg gekommener Spätaussiedler aus Omsk, stimmte mit dem Ankläger überein, als er in seinem Schlusswort feststellte: „Ich bin schuldig, ich werde meine Strafe akzeptieren.“ Die fiel mit sechs Jahren Haft vergleichsweise milde aus, wenn man bedenkt, dass sich die Einzelstrafen, die der Staatsanwalt für die insgesamt 16 angeklagten Fälle - von insgesamt wohl über 100, die sich über 15 Jahre hinweg mit steigender Intensität ereigneten, auf über 20 Jahre addierten. Aber „judex non calculat“, ein Richter rechnet nicht, lautet eine alte Juristenweisheit. Tatsächlich werden regelmäßig von den Gerichten aus mehreren Einzelstrafen eine Gesamtstrafe gebildet, die insgesamt der Schwere der Tat und der Schuld angemessen sein soll. Im vorliegenden Fall durfte der Angeklagte auch noch einen „Rabatt“ von neun Monaten verkürzter Haftzeit für sich in Anspruch nehmen, weil eine unverhältnismäßig lange Dauer des Verfahrens und die damit verbundene Ungewissheit für den Angeklagten ein Teil der Strafe ausgemacht habe, so der Staatsanwalt. So sind vom ersten Gespräch des jungen Opfers mit ihrer Frauenärztin im Jahr 2004 bis zur Anzeigeerstattung 2006 schon fast zwei Jahre vergangen. Weitere dreieinhalb Jahre benötigten Staatsanwaltschaft und Gericht, bis endlich das Verfahren vor dem Landgericht eröffnet wurde. Dass diese Zeiten viel zu lang waren, räumte auch der Staatsanwalt ein und verwies auf Überlastung seiner Behörde. Die Frauenärztin fasste ihre Verwunderung über diesen langen Zeitraum in Worte der Empörung, während sich das Opfer aus Zurückhaltung jeden Kommentars enthalten hatte. Ihr sei es nur wichtig, dass endlich Recht gesprochen werde, so die inzwischen durch psychotherapeutische Behandlung seelisch gestärkte junge Frau gegenüber dem Gericht. Im Gespräch mit der WLZ bekräftigte sie, dass es ihr wichtig sei, dass über ihren Fall berichtet werde, damit auch andere Missbrauchsopfer den Mut aufbringen, sich der Polizei zu offenbaren und Anzeige gegen ihre Peiniger zu erstatten. Der Vater habe sich seine kleine Tochter über viele Jahre als Ersatz-Sexualobjekt „herangezogen“, fasste der Staatsanwalt die Ergebnisse der Beweisaufnahme zusammen. So sei schon die Vierjährige in die psychische Zwickmühle geraten, über die von ihr als nicht richtig empfunden Berührungen des Vaters nicht mit ihrer Mutter sprechen zu dürfen. Mit einer Mischung als Geld, Drohungen und Lob habe er seine Tochter bis zu deren 18. Lebensjahr gefügig gemacht. „Der Vater hat die Kindheit meiner Mandantin zerstört“, unterstrich die Rechtsanwältin, die als Nebenklagevertreterin vor Gericht auftrat, in ihrem Plädoyer. Als junges Mädchen sei es ihr wegen der wiederholten schweren Übergriffe ihres Vaters verwehrt geblieben, unbefangen mit anderen Kindern zu spielen und sich zum Beispiel auf unkomplizierte Begegnungen mit Jungen einzulassen. Dass sei besonders bei der ersten Beziehung zu einem jungen Mann deutlich geworden. „Der Vater hat ihre Seele schwer geschändet“ so die Nebenklagevertreterin. Da helfe es auch nicht, wenn der während des gesamten Verfahrens verschämt unter sich geschaut habe. Das einzig Gute sei, dass der Vater von Anfang an ein umfassendes Geständnis abgelegt habe, um dem Opfer auf diese Weise erneute Leiden erspart habe. Auch die Nebenklagevertreterin bekräftigte: „Ich hoffe, dass die Berichterstattung über diesen schlimmen Fall viele Frauen ermutigt, sich ebenfalls über ihre Missbraucherlebnisse zu äußern“.

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