Bad Arolser HistorikerDr. Bernd Joachim Zimmer über Bauleiter und Gestapo-Mitarbeiter in Auschwitz

Täter handelten aus Überzeugung

Bad Arolsen - Der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, zugleich Holocaust-Gedenktag, ist auch Anlass, an 
die Täter zu erinnern: 
Der Bad Arolser Historiker 
Dr. Bernd-Joachim Zimmer skizzierte auf Einladung des Geschichtsvereins zwei Lebensläufe.

Walter Dejaco, 
ein österreichischer Architekt, plante als Mitglied der Bauleitung die Lager-Krematorien und Gaskammern in Auschwitz. Der Deutsch-Brasilianer Pery Broad gehörte der Lager-Gestapo an. Beide Lebenswege führten für kurze Zeit auch in die SS-Führerschule nach Arolsen, wie Zimmer im Bürgerhaus 
berichtete. Pläne für Krematorien in Auschwitz tragen die Unterschrift des Nazis Dejaco. Doch die Zeit spielte für ihn. Es kam aber erst 1972 zu einem Pro-zess, dem ersten Auschwitz-Strafverfahren in Österreich, und die mit der Zeit ungenau und widersprüchlich gewordenen Erinnerungen von Zeugen führten mit zum Freispruch vor dem Landgericht in Wien. Walter Dejaco erklärte sich als unwissend um die Vernichtungsmaschinerie, sah sich als eines von vielen Rädchen in dem System. Dejaco und der 
neben ihm in der Bauleitung des KZ Auschwitz aktive Fritz Ertl waren wegen deren Beteiligung am Holocaust angeklagt, Dejaco soll außerdem Häftlinge ermordet haben. Trotz belas-
tender Dokumente erkannte das Gericht, dass Dejaco nicht unmittelbar mit dem Betrieb der Gaskammern zu tun gehabt habe und ebenso wenig wie Ertl deren geistiger Urheber sei. 
Beide wurden freigesprochen. Die Worte „Nestbeschmutzung“ und „Schlussstrich“, so Zimmer, charakterisierten die Stimmungslage in der jungen Nachkriegsrepublik, als es um die Naziverbrechen und die 
Täter ging. Zudem sei die Justiz von ehemaligen Nazijuristen durchsetzt. Entweder wurde keine Anklage erhoben, oder es wurden die Vorbereitungen 
auf Verfahren verschleppt. So einer wie Pery Broad, in mehreren Sprachen gewandter und intelligenter Nazi mit den Eigenschaften eines Chamäleons, wäre auch durch die weiten Maschen der Strafverfolgungsbehörden gerutscht, wäre da nicht der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gewesen, der die Anklagen für den Auschwitz-Prozess vorbereitete, 
und der vormalige Generalsekretär des Internationalen Auschwitz-Komitees, Hermann Langbein. Auch für Broad war 
es aufgrund der intensiven Ermittlungen eng geworden. Broad wurde wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 22 Fällen an mindestens 2000 Menschen angeklagt. Ein weiterer Anklagepunkt wegen der Ermordung der im „Zigeunerlager“ eingepferchten Häftlinge sollte bei einem späteren 
Prozess abgehandelt werden. Wie unbeteiligt Der wegen seiner Kurzsichtigkeit für militärdienstuntaug-
 lich erklärte Broad hatte bei der Lager-Gestapo im KZ das grausige Geschehen aus der Nähe verfolgen können. Ihm war es beim Herannahen der Roten 
Armee und mit dem Ende des Vernichtungslagers Auschwitz gelungen, sich der Gefangennahme durch die Sowjetarmee zu entziehen. Er kam in britische Kriegsgefangenschaft, wo der sprachgewandte Gefangene alsbald seine Dienste als 
Dolmetscher für die Vernehmung anderer Gefangener anbot. In der Internierung verfasste Broad den nach ihm benannten Bericht über Auschwitz: „Wie aus dem Off“, so 
Zimmer, schildert er Grausamkeiten und Details, die nur Insider kennen konnten. Der Verfasser des Reportes gab den 
unbeteiligten Beobachter. Um 
Genauigkeit bemüht, blendete Broad die eigene Verwicklung 
in das Geschehen komplett aus. Broad war einer von den Nazis, die „partiell ihr Unrechtsbewusstsein suspendierten“, wie Historiker schreiben, um schreckliche Grausamkeiten zu planen, zu befahlen oder selbst in die Tat umzusetzen, die aber ansonsten wie biedere Bürger lebten. Einen Befehlsnotstand gab es nach den ergänzend 
zum Auschwitz-Prozess angestellten Recherchen der Historiker nicht. Die Schergen wie die führenden Schurken hatten die Möglichkeit, sich dem Lager-system zu entziehen. Die Täter handelten aus Überzeugung, Sa-
dismus, Ehrgeiz und auf Befehl. Broad wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und verließ dieses 1966. Doch es liefen weitere Ermittlungen wegen des Mordes an Sinti und 
Roma. Mit der Justiz wird Zimmer, der Arolser Geschichts-
forscher, überraschend konfrontiert. Er hatte ein Buch über das in der einstigen SS-Kaserne untergebrachte KZ-Außenlager von Buchenwald verfasst. Daher bekam er Besuch von Mitarbeitern der Zentralstelle zur juristischen Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Er, Zimmer, habe doch bestimmt eine Liste der nach Arolsen kommandierten SS-Leute. „Ich konnte nur sagen, wo man diese Zusammenstellung finden kann“, berichtete Zimmer. Sowohl Walter Dejaco als 
 auch Pery Broad waren für kurze Zeit zu der SS-Wirtschaftsschule abkommandiert. Die 
offenbar in noch verfügbaren Akten dokumentierte Zeit in Arolsen bescherte Broad wohl ein Alibi. Er behauptet, während der Liquidation des Zigeunerlagers in Arolsen gewesen zu sein. Es kam nie zu einer Anklage, wie Zimmer feststellt. Broad starb unbehelligt von der Öffentlichkeit am 28. November 1993 in Düsseldorf.Auch wenn mancher kritisieren mag, dass noch Prozesse gegen Greise wie einen 95 Jahre 
alten Angeklagten wegen der Beteiligung an Naziverbrechen geführt werden und Verfahren unvollständig geblieben sind, so sind sie doch aus Sicht des Historikers Zimmer wichtig. Unrecht sollte als Unrecht behandelt werden, erklärte er. Schließlich gelte es, Maßstäbe zu befestigen, an denen sich die nächsten Generationen orientierten.

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