Weihnachten unterm Tannenbaum nach sieben Monaten Untersuchungshaft

Tankstellenräuber will bemuttert werden

Volkmarsen/Kassel. - „Ich bin ein Opfertyp“, sagt der 42-jährige Angeklagte von sich. Seine beiden Tankstellenüberfälle auf die bft-Tankstelle in Volkmarsen seien quasi Hilferufe gewesen.

Zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten hat die fünfte Strafkammer des Landgerichts Kassel am Tag vor Heiligabend einen 42-jährigen, psychisch labilen Frührentner verurteilt, der am 24. Januar 2013 und am 3. November 2013 die freie Tankstelle am Ortseingang von Volkmarsen überfallen hat. Beim ersten Mal hielt er der Kassiererin eine Pistole vor und forderte „Scheine“, beim zweiten Mal geriet er mit seinem Küchenmesser an den Falschen: Der Sohn des Tankstellenbesitzers schickte den Räuber mit den Worten „da kann ja jeder kommen“ nach Hause. Zur Festnahme führten Anfang November 2013 die besonders aussagekräftigen Videoaufnahmen der Überwachungskamera. Die Öffentlichkeitsfahndung der Polizei bescherte den Beamten eine ganze Reihe von Hinweisen. Unter den Anrufern war die inzwischen geschiedene Ehefrau des Täters. Zur Festnahme holten die Beamten der Kripo Korbach ihre Kollegen vom Sondereinsatzkommando (SEK) aus Kassel zu Hilfe. Diese fanden die damalige Wohnung in Bad Arolsen jedoch leer vor. Ein Kripobeamter schilderte gestern vor Gericht, wie ihm sein Bauchgefühl dann den Weg zu einem Dachverschlag gewiesen habe, wo sich der Gesuchte unter Pappkartons und Glaswolle versteckte. Nach der Festnahme habe der Mann mehrfach erklärt, dass er sich umbringen wolle. Deshalb sei dann die Einweisung in die Klinik für forensische Psychiatrie in Haina erfolgt. Dort ist der Tankstellenräuber dann einen Monat freiwillig geblieben, bis er im Januar 2014 auf eigenen Wunsch entlassen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Staatsanwaltschaft noch keinen Haftbefehl erwirkt, so dass der dringend Tatverdächtige unter falschem Namen im Kreis Kassel eine neue Wohnung anmieten konnte. Seit seiner zweiten Festnahme, der er sich heftig widersetzte, saß er in Wehlheiden in Untersuchungshaft und wurde daher gestern polizeilich vorgeführt. Vor der fünften Strafkammer unter Vorsitz von Richter Stanoschek zeigte sich der 42-Jährige in vollem Umfang geständig. Er könne heute selber nicht mehr verstehen, was damals in ihn gefahren sei. Er habe nach der Trennung von seiner Frau, die ihn mehrfach geschlagen habe, Schwierigkeiten gehabt, neu Fuß zu fassen. Ohne Freunde und mit nur wenig Geld habe er unter anderem versucht, beim Psychosozialen Kontakt- und Beratungszentrum Hilfe zu bekommen. Dort habe er sich aber geweigert, eine Hilfeplan-Konferenz zu besuchen. So sei er wieder auf sich selbst gestellt gewesen und habe dann irgendwann den Plan gefasst, die Tankstelle in Volkmarsen zu überfallen. Zur Ausführung seines Plans habe er eine alte Gaspistole eingesteckt. Nach Volkmarsen sei er zur ersten Tat im Januar 2013 mit der Bahn angereist. Nach dem Überfall, bei dem er immerhin 600 Euro erbeutete, sei er zu Fuß über Feldwege nach Arolsen zurückgelaufen. Das Geld habe er erst gar nicht ausgegeben, sondern zusammen mit der Pistole in einer Tupperdose in seiner Wohnung aufbewahrt. Zur zweiten Tat kam er mit dem eigenen Auto, das er auf dem damaligen Rewe-Parkplatz an der Arolser Straße abstellte. Die Tatausführung lief aus Sicht des Täters gehörig schief, weil der junge Mann an der Kasse sich unbeeindruckt von dem mitgebrachten Messer zeigte und den Täter aus dem Kassenraum schickte. Vor der Verhandlung hatte sich der Täter bereits schriftlich bei seinen Opfern entschuldigt. Und auch bei der gestrigen Verhandlung wiederholte er seine Entschuldigung mehrfach. Besonders die Kassiererin, die er mit der Pistole bedroht hatte, durchsteht heute noch immer Ängste, wenn sie zur Spätschicht in der Tankstelle eingeteilt ist. Die vom Gericht hinzugezogene Psychologin bescheinigte dem Täter eine emotional instabile Persönlichkeitsstruktur. Er zeige ein sehr geringes Selbstwertgefühl, geringe Leistungsbereitschaft und eine hohe Versorgungserwartung: „Er möchte bemuttert werden.“ Der Mann war als Adoptivsohn eines BGS-Polizeibeamten aufgewachsen, der dem Heranwachsenden zu seinem 18. Geburtstag auch ein Luftgewehr geschenkt hatte. Doch der junge Mann schien nicht so recht in die Beamtenfamilie mit Jägertradition hineinzupassen. Als Zeugen geladen, nahmen die Adoptiveltern gestern ihr Zeugnisverweigungsrecht in Anspruch. Mit nur geringer Intelligenz (IQ 77) ausgestattet, fühlte sich der Adoptivsohn als Opfertyp, dem nichts so recht gelingen wollte. In seiner Ehe, die er selbst als Hölle bezeichnete, wurde er mehrfach von seiner Frau geschlagen. Freundschaften konnte er nicht aufbauen. Er wurde depressiv. Neuen Lebensmut schöpfte der 42-Jährige im Januar 2014, als er in einem Single-Club eine 70-jährige Frau kennenlernte, die auch während der Haftzeit zu ihm hielt und gestern den Prozess im Zuschauerraum verfolgte. Ihr ist es wohl auch zu verdanken, dass das Gericht eine positive Prognose für den 42-Jährigen annahm und nicht dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft (drei Jahre und zehn Monate) folgte. Dem Verteidiger, der nur zwei Jahre für die erste Tat und einen Freispruch für die zweite, nicht zu Ende gebrachte Tat verlangte, riet das Gericht, mit seiner Argumentation in Berufung zu gehen. Schließlich hatte bereits ein anderer Kasseler Haftrichter erwogen, den Verlauf des versuchten, aber missglückten Raubüberfalls als strafbefreienden Rücktritt zu werten.Bis diese juristische Frage in der Berufung geklärt ist, darf der Mann nach sieben Monaten Untersuchungshaft wieder auf freien Fuß. Er erlebt nun das Weihnachtsfest mit seiner Lebensgefährtin, die ihn „bemuttern“ und auf ihn aufpassen soll. (Elmar Schulten)

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