Wie Rudi Merwar seine Halbgeschwister entdeckte · WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 2)

Vater gesucht, Familie gefunden Humanitäre Anfragen

Familientreffen

- „Ich wollte nicht mehr mit der Ungewissheit leben, einen Namen zu tragen, der eigentlich nicht zu mir gehört.“ Nach 54 Jahren bricht Rudi Merwar ein Tabu.

Niestetal / Bad Arolsen. „Du bist doch der kleine Holländer.“ Diesen Satz hat Rudi Merwar bis heute nicht vergessen. Er fiel immer dann, wenn die Nachbarn in seinem Heimatort Heiligenrode den kleinen Steppke necken wollten. Zunächst wusste er mit dem Spruch nicht viel anzufangen. Doch je älter er wurde, desto häufiger geisterte die Frage in seinem Kopf herum: Wer ist mein Vater?Mithilfe des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen konnte der langjährige Bürgermeister der Kasseler Umlandgemeinde Niestetal Licht in das vor allem von seiner Mutter abgedunkelte Kapitel der Familiengeschichte bringen. Sein Vater stammte aus den Niederlanden.

Zwangsarbeit für Rüstung

1940, fünf Jahre vor Merwars Geburt, hatte Nazi-Deutschland den neutralen Staat angegriffen und besetzt. NS-Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart ließ die holländischen Juden in Konzentrationslager deportieren, Widerstandskämpfer erbarmungslos verfolgen und ordnete zahlreiche Geiselerschießungen an. Außerdem organisierte er die Zwangsrekrutierung von rund 400 000 niederländischen Arbeitern für die deutsche Rüstungsindustrie. Rudi Merwars Vater war einer von ihnen. Er war in den Kasseler Fieseler-Flugzeugwerken eingesetzt. Untergebracht wurden die Zwangsarbeiter in den umliegenden Dörfern. Dort lernte er Merwars damals 19-jährige Mutter kennen.

Wenige Monate nach Kriegsende, im August 1945, wurde Rudi Merwar geboren. Bereits am Ende des Jahres kehrte sein Vater in sein Heimatland zurück. „Über die Gründe hat meine Mutter nie mit mir gesprochen“, erzählt er heute, „nachdem sie später geheiratet hatte, war das Thema tabu.“ Über seinen Adoptivvater könne er sich nicht beklagen. Aber innig und liebevoll sei ihr Verhältnis nie gewesen. Anders als mit dem Großvater: „Mein Opa war mein Papa.“Bei den Großeltern findet er als Fünfjähriger dann auch Fotos in einer Schublade, die seine Mutter mit einem jungen Mann zeigen. Erneut bleibt seine Frage unbeantwortet. Die Fotos verschwinden. „Ich mache meiner Mutter keinen Vorwurf“, sagt Merwar. Mit einem unehelichen Kind in der damaligen Zeit zurechtkommen zu müssen, sei ein hartes Los gewesen.

Familiengeheimnis

Mehr als 50 Jahre vergehen, bis der dreifache Familienvater 1999 einen ersten Versuch unternimmt, mithilfe des Internationalen Suchdienstes seinen Vater ausfindig zu machen: „Je älter ich wurde, desto mehr interessierte mich mein Familiengeheimnis. Ich wollte nicht mehr mit der Ungewissheit leben, einen Namen zu tragen, der eigentlich nicht zu mir gehört.“ Wer wie Merwar in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders aufwächst, lernt gründlich, sich weniger mit der Vergangenheit als mehr mit ihrer Verdrängung zu beschäftigen. Schul- und Berufsausbildung, Heirat und Familiengründung, ehrenamtliches Engagement: Das alles war zunächst wichtiger. Für den Antrag zur Nachforschung benötigte er allerdings das Geburtsdatum seines Vaters. Auch das wollte ihm keiner in der Familie verraten. Schließlich verriet es ihm ein ehemaliger belgischer Zwangsarbeiter, der damals mit seinem Vater bekannt und im Haushalt seiner Großeltern in Heiligenrode untergebracht war.Noch einmal vergingen neun Jahre, bis Merwar 2008 die Antwort des Suchdienstes erhielt: Sein Vater war bereits 1982 in Amsterdam verstorben. „Damit war das Thema erst einmal erledigt“, bekennt Merwar rückblickend. Dennoch bat er den ITS, weiter nach möglichen Angehörigen zu suchen. Im Mai 2009 bekam er dann die Nachricht, dass ein weiterer Sohn seines Vaters 1947 geboren wurde und in Amsterdam lebt. Sofort schickte ihm Merwar eine E-Mail.

Nach der Antwort seines Halbbruders stellte sich heraus, dass dieser ein ganz ähnliches Schicksal hatte. Auch Peter Schouten wusste wenig über den Vater, dessen Ehe mit der Mutter nur kurz bestand. Deshalb wuchs Merwars Halbbruder bei den Großeltern auf, die ihm ebenfalls nichts erzählt hatten. Es gab aber noch mehr Verwandte väterlicherseits: zwei Halbbrüder und zwei Halbschwestern sowie Nichten und Cousinen, insgesamt mehr als zwei Dutzend „neue“ Familienangehörige.Nachdem sein Bruder Peter im Freundeskreis seines Fußballclubs die Neuigkeit erzählt hatte, stellte ein langjähriger Freund erstaunt fest: „Wenn dies dein Vater ist, dann bin ich dein Onkel.“ Eine weitere Freundin fand heraus: „Wir sind ebenfalls verwandt.“ Der „neue“ Onkel erklärte, dass der Vater noch einmal verheiratet war und es in dieser Ehe Kinder gab. Daraufhin hat die Ehefrau von Peter im Internet nach diesen Geschwistern gesucht und sie auch gefunden.

Tätowierung auf dem Arm

„Die emotionalen Vorgänge sind schwer zu beschreiben“, beschreibt Merwar im Rückblick. Die Nachricht, dass sein Vater bereits lange tot ist, habe ihn sehr mitgenommen. Schuldgefühle, sich nicht viel früher und damit vielleicht noch rechtzeitig gekümmert zu haben, hätten ihn geplagt. „Ich habe bestimmt drei Wochen gebraucht, auf um den Vorschlag eines Familientreffens überhaupt reagieren zu können, und die letzten Nächte davor nicht geschlafen.“ Im August 2009 war es dann so weit. Die erste Frage, die ihm seine Halbgeschwister Peter, Piet und Tiny stellten, lautete: Wie hieß deine Mutter mit Vornamen? „Waltraut“, antwortete Rudi Merwar. Und damit war der allerletzte Zweifel ausgeräumt. Denn der gemeinsame Vater hatte sich die Anfangsbuchstaben „R“ und „W“ auf den Arm tätowieren lassen. Außerdem zeigte Merwar seinen Halbgeschwistern ein Foto, das ihn als Kleinkind zeigte. Die Geschwister erkannten die Aufnahme wieder, weil sie sie bei den Großeltern gesehen hatten. Seine Mutter hatte das Bild vermutlich 1946 in die Niederlande geschickt. Die genauen Gründe, warum der Vater Kind und Freundin damals verlassen hatte, konnten sie jedoch auch nicht erhellen. „Aber er muss sehr an euch gehangen haben“, versicherten ihm seine Halbgeschwister.„Verwandte kann man sich nicht aussuchen.“ Die ironisch gemeinte Redensart trifft in diesem Fall überhaupt nicht zu. Rudi Merwar führt es nicht zuletzt auf die niederländische Mentalität zurück, dass es von der ersten Begegnung an gar kein Eis gab, das hätte gebrochen werden müssen. Mit „herzlich, offen und locker“ beschreibt er die Atmosphäre. Man besucht sich gegenseitig, verbindet Urlaubstage mit Abstechern nach Amsterdam oder Niestetal, pflegt engsten Kontakt und lernt fleißig Niederländisch und Deutsch.

„Unglaubliches Jahr“

„Wir haben alle nicht damit gerechnet, dass so etwas dabei herauskommt“, beschreibt es Merwar. Die fest geknüpfte Familienbande habe viel zu seinem seelischen Gleichgewicht beigetragen. Denn jeder Mensch habe doch „ein Recht darauf zu wissen, wo er herkommt“. Dass ihm das mehr als 60 Jahre nicht klar war, habe sich zweifellos auf seine Persönlichkeitsentwicklung ausgewirkt: „Unterschwellig sind diese Minderwertigkeitsgefühle da gewesen, die dazu führten, bei allem, was man tut, immer der Beste sein zu wollen.“Nach diesem „unglaublichen Jahr“ hat Rudi Merwar dem Internationalen Suchdienst einen Dankesbrief geschrieben. Denn auch wenn das letzte Familiengeheimnis nicht gelüftet werden kann, ist ihm bewusst geworden: „Jetzt hast du die andere Hälfte deiner Familie, deines Lebens gefunden.“

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