Wettesingen setzt als künftiges Bioenergiedorf auf Einsatz erneuerbarer Energien

Vollversorgung durch Biogas

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Das Ziel fest im Blick: Wettesingen will neues Bioenergiedorf werden.

Breuna-Wettesingen - Zum größten Bioenergiedorf der Republik will sich Wettesingen entwickeln. Die Bewohner des Breunaer Ortsteils wollen ihre Häuser mit der Abwärme der Biogasanlage beheizen und setzen auf Strom aus nachwachsenden Rohstoffen.

Von der Ferne sind schon die Windkraftanlagen zu sehen, bei näherer Betrachtung des Dorfes erblickt der Besucher die riesigen Behälter der Biogasanlage, und von vielen Dächern funkeln die Kollektoren von Photovoltaikanlagen - alles Stoff für eine nachhaltig spannende und kontroverse Diskussion in der Bevölkerung. Doch in Wettesingen ist es gelungen, den größten Teil in der Menschen für den Einsatz der erneuerbaren Energien zu gewinnen - zum eigenen Nutzen, aber auch zum Schutz der Umwelt und des weltweiten Klimas.

Die Gemeinde Breuna gab auf Anstoß des früheren Landrats Dr. Udo Schlitzberger Studien über das Potenzial an erneuerbaren Energien in Auftrag, vor zwei Jahren wurde der Grundstein für die von Bürgern gebildete Wettesinger Energie-Genossenschaft (WEG) gelegt, und sobald der Frost aus dem Boden gewichen ist, soll mit dem Aufbau eines Nahwärmenetzes für rund 180 Haushalte in dem Breunaer Ortsteil (1249 Einwohner) und der technischen Anlagen begonnen werden. Generalunternehmer für das 5,2 Millionen-Euro-Projekt ist der Heiztechnik-Spezialist Viessmann in Allendorf (Eder).

Die Vorbereitungen, flankiert von Wirtschaftlichkeits- und Machbarkeitstudien, waren zeitraubend, aber sollen sich durch niedrigere Energiekosten für die Bürger und den positiven Effekt für die Umwelt auszahlen. Nachdem die Möglichkeiten für eine eigenständige Versorgung mit Strom und Wärme aus Biomasse ausgelotet worden waren, rückte schnell die 2007 in Betrieb genommene Anlage der BBB Biogas Breuna GmbH & Co. KG in den Blickpunkt, die 500 kW leistet. Ein Drittel der Biomasse (Mais, Silage, Getreideschrot und Mist) stammt von den Betrieben der beteiligten Landwirte, der Rest wird von etwa 20 Bauern aus einem Umkreis von acht Kilometern angeliefert. Sie erhalten die Gärreste, die sie als Dünger verwenden können: ein regionaler Kreislauf, mit dem das künftige Bioenergiedorf zusätzlich punkten kann.

Wichtige Stromerlöse

Während der Strom vollständig an den heutigen Konzessionsträger Energie Waldeck-Frankenberg zu den gesetzlich garantierten erhöhten Abnahmepreisen verkauft wird, wurde die Wärme nur vom Bauernhof und in einem Nachbarhaus genutzt. Mit dem Nahwärme-System soll endlich auch die weitgehend ungenutzte Heizenergie sinnvoll eingesetzt werden.

Die Biogasanlage bildet einen wichtigen Mosaikstein in den ehrgeizigen Bioenegiedorfplänen: Sie wird die sogenannte Mittellast übernehmen, wenn im kommenden Jahr die Gebäude mit Wärme beliefert werden. Die Grundlast wird durch ein Ende 2011 fertiggestelltes Blockheizkraftwerk getragen. Die Spitzenlast soll durch ein Heizhaus mit drei pelletbeheizten Kesseln abgedeckt werden. Um die 100-prozentige Garantie für die Lieferung von Wärme aus Biomasse das ganze Jahr über zu garantieren, entsteht am Dorfrand in Richtung Warburg noch ein Kesselhaus.

Biogas besser nutzen

Eine technische Besonderheit ist das neben der Biogasanlage geplante Kesselhaus, in dem das Rohgas effektiver genutzt werden kann und nicht in die Atmosphäre hinein abgefackelt werden muss, wie Dipl.-Ing. Marco Ohme erklärt. Ohme ist Geschäftsführer der Biogas-Gesellschaft, war an der Uni Kassel im Bereich Bioenergie tätig und arbeitet nun für Viessmann.

9734 Meter Stahlrohre müssen verlegt werden. „Das wird eine große Herausforderung und auch eine Belastung für die Bürger“, ist sich der Vorstandsvorsitzende der Bürgergenossenschaft, Dieter Hösl, mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Fritz Rappe und Ortsvorsteher Friedbert Kanne einig, der ebenso wie Bürgermeister Klaus-Dieter Henkelmann das Projekt nach Kräften unterstützt.

Das Vorhaben wird durch Anteile der Genossen - jeweils 4000 Euro einmalig pro Anschluss -und Kredite finanziert, drei Millionen Euro müssen durch Darlehen aufgebracht werden. Doch die Wirtschaftlichkeit wird in hohem Maße auch durch die Erlöse aus der Stromeinspeisung sichergestellt. „Ohne die wäre dieses Vorhaben nicht möglich“, sagt Hösl. Pro Kilowattstunde müssen 6,9 Cent gezahlt werden, das sind drei Cent weniger als bei Öl oder Erdgas. Zudem entfallen die Kosten für den Betrieb einer eigenen Heizung. Und der Schornsteinfeger verliert fast 180 Kunden...

Wertsteigerung

Die Anschlüsse werden hauptsächlich im alten Ortskern geschaffen, im Neubaugebiet haben viele Häuslebauer bereits in gut wärmeisolierte Eigenheime mit effizienten Heizungsanlagen und Sonnenkollektoren investiert. Alte Häuser in der Ortsmitte, die nur für viel Geld wärmegedämmt werden können, dürften durch den Anschluss an die Nahwärmeleitung an Wert gewinnen, stellt Henkelmann im Gespräch mit der WLZ fest.

Allerdings wird der am Ortsrand wohnende Genossenschaftsvorsitzende Hösl nicht zu den Kunden zählen: Der Bau einer Heißwasserleitung würde zu teuer werden. Dennoch ist er mit Begeisterung an dem Projekt beteiligt: „Die Arbeit in der Genossenschaft läuft ehrenamtlich, und Mitarbeiter von Handwerksfirmen, Banken oder vom Finanzamt, die zu den Mitgliedern zählen, helfen mit ihrem fachmännischen Rat.“

Ab dem Frühjahr wird Wettesingen zu einer Baustelle, werden Straßen und Wege aufgerissen. Zu Beginn der Heizperiode 2014 werden die ersten Häuser mit aus Biomasse erzeugter Nahwärme beheizt. Dann haben die Genossen Interessierten aus nah und fern viel zu zeigen und zu erklären: Schließlich sollen Bioenergiedörfer wie dieses künftige zur Nachahmung empfohlen werden.

Hintergrund

Das Allendorfer Energietechnik-Unternehmen Viessmann ist an der Entwicklung von Konzepten für neun weitere Orte beteiligt, die Bioenergiedorf werden wollen. Das Gros liegt in Waldeck-Frankenberg, ferner zählen dazu Gemeinden in Sachsen und Baden-Württemberg. Bis 2020, so berichtet Biogasanlagen-Geschäftsführer und Viessmann-Mitarbeiter Dipl.-Ing. Marco Ohme, dürfte es in der Bundesrepublik 600 Bioenergiedörfer geben, derzeit sind es 150.

Das Potenzial ist groß: Von den 7500 Biogasanlagen in Deutschland liefen 70 Prozent ohne Nutzung der Wärme. „Wettesingen wird vielleicht nicht das größte Bioenergiedorf sein, bietet aber als einziges Dorf diese Kombination an technischen Anlagen an“, erklärt Ohme. Die von der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe zusammen mit der Uni Göttingen entwickelten Kriterien für die Vergabe des Titels Bioenergiedorf werden locker erfüllt. 100 Prozent des Eigenstrombedarfs sollen aus erneuerbaren Energien produziert:

Diese Forderung wird um das 14-Fache übererfüllt, wie der Ingenieur vorrechnet. Zusammen mit allen Photovoltaikanlagen und den Windenergieanlagen kommt Wettesingen sogar auf das 20-Fache. Mindestens die Hälfte der benötigten Wärmeenergie soll aus Biomasse stammen.

Neben 178 von insgesamt 440 Haushalten in Wettesingen sind der Kindergarten, die Mehrzweckhalle, die alte Schule, das ehemalige Rathaus (Gaststätte), die katholische Kirche, das Feuerwehrhaus und die Gärtnerei beteiligt, die bisher im Jahr 60 000 Liter Öl verbrauchte. 70 Prozent der infrage kommenden Gebäude können durch den Einsatz von Bioenergie beheizt werden. ?50 Prozent der Anlagen sollen im Besitz der Bürger und Landwirte sein, in dem Breunaer Ortsteil sind es 100 Prozent. Ohme betont, dass durch den Mehrbedarf an Biomasse unterm Strich nicht mehr Mais angebaut werde und in Wettesingen sogar der Bedarf weiter reduziert worden sei. Zudem würden die Pachtpreise nicht in die Höhe getrieben. Lieferanten seien zugleich Wärmeabnehmer. Im Zuge einer Vier-Felder-Wirtschaft ergäben sich auch Möglichkeiten für eine Beweidung durch eine Schafherde. (ah)

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