Geschichte der Displaced Persons

Wege der Entwurzelten führen nach Arolsen

Bad Arolsen - Bad Arolsen. Auf die Spuren der „Displaced Persons“ in Arolsen hat sich René Bienert, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Internationalen Suchdienst (ITS), bei einem Vortrag im Christian-Daniel-Rauch-Museum begeben.

Das Forum für Zeitgeschichte „Historicum 20“ hatte zu der Veranstaltung eingeladen, die auch einen Beitrag zum 70. Jahrestag der Befreiung und dem Ende der NS-Herrschaft darstellte. Displaced Persons (DPs) wurden die Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung genannt, die nach ihrer Befreiung durch die Alliierten außerhalb ihrer Heimatländer aufgefunden wurden. Die Größenordnung ist gewaltig: rund zehn bis elf Millionen Menschen waren in den Kriegsjahren vornehmlich als Zwangsarbeiter in das damalige Deutsche Reich verschleppt worden. Erste strategische Planungen, diesen Menschen zu helfen, liefen 1943 durch Hilfsorganisation wie der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) an. Zahlreiche Auffanglager für die zunächst heimatlosen Displaced Persons, sogenannte DP-Camps, wurden eingerichtet. Nach Kriegsende ging es zunächst darum, diese Menschen zu registrieren, um ihnen ein Stück weit ihre Identität zurückzugeben und auch, um möglichen Angehörigen die Suche nach ihren Verwandten zu erleichtern. Ziel war es, den Displaced Persons eine Rückkehr in ihre Heimatländer zu ermöglichen – oder ihnen, im Falle der jüdischen DPs, eine Auswanderung zu ermöglichen. Weniger bekannt sei, dass im Jahr 1946 noch rund 2 bis 3 Millionen Displaced Persons in Camps auf deutschem Boden verblieben und dort weiter betreut wurden, erklärte Bienert. Auch in Arolsen, bis Kriegsende noch Standort einer SS-Führerschule mit Außenlager des KZ Buchenwald, waren Displaced Persons untergebracht. Nicht wenige von ihnen fanden beim ITS oder dessen Vorläuferorganisationen IRO und UNRRA Arbeit in der Residenzstadt. Die Mehrheit der Displaced Persons sei zwischen 1947 bis 1950 nach Arolsen gekommen, erklärte Bienert, der die Schicksale einzelner verschleppter Häftlinge und Zwangsarbeiter nachzeichnete, die es damals nach Arolsen verschlug. Die Fluktuation der Menschen, die zumeist aus Osteuropa und dem Baltikum stammten, sei hoch gewesen. Ein Grund für die DPs, nach Arolsen zu kommen, sei sicherlich der Suchdienst-Standort gewesen. „Viele machten Kurse oder arbeiteten dort“, erläuterte der Referent. Einen weiteren interessanten Aspekt beleuchtete der Vortrag mit der Vielzahl an Sammel- oder Einzelunterkünften für DPs in Arolsen. So waren zum Ende der Vierzigerjahre Displaced Persons unter anderem in der Kaserne, in einem ehemaligen Hotel an der Fürstenallee, im früheren Jugendheim am Tannenkopf oder dem – bis 2014 als Obdachdachlosenunterkunft genutzten – Eckgebäude am Birkenweg untergebracht. Auch von Unterkünften in Landau und einem Korbacher DP-Camp auf dem Gelände des Contiwerks sprach der Referent. „Die DP-Camps hatten in Arolsen bis 1951/52 Bestand“, sagte Bienert auf Nachfrage. Arolsen sei für viele DPs aber lediglich eine Station vor der Auswanderung gewesen. Einzelne von ihnen fanden in Arolsen jedoch auch eine neue Heimat, wie Historicum-Vorsitzender Udo Jost im Anschluss ergänzte. In den Achtzigerjahren habe der spätere ITS-Archivleiter noch Gelegenheit gehabt, einige beim Suchdienst beschäftigte ehemalige „Displaced Persons“ kennenzulernen.(sim)

Kommentare