Bad Arolsen

Wenn das Internet zur Heimat wird

- Bad Arolsen (-es-). Wenn Jugendliche fünf Stunden und mehr am Tag mit ihrem Computer in virtuelle Spielwelten eintauchen und dabei die Wirklichkeit um sich herum vergessen, liegt die Diagnose Online-Sucht nahe. Dass es so etwas wie Online-Sucht tatsächlich gibt, ist unter Experten längst unumstritten.

Bei der Podiumsdiskussion im Bürgerhaus schilderten Schulpsychologe Rudolf Weber und Online-Sozialarbeiter Phillip Theis im vom Kasseler Projekt „Reallife“, dass sich bei extremem Computer-Missbrauch neurophysiologisches Abhängigkeitsverhalten eindeutig nachweisen lässt. Viele Online-Rollenspiele arbeiten mit Belohnungssystemen, die bei den Nutzern ähnliche Glückshormone ausschütten und Verhaltensmuster auslösen wie sie bei spielsüchtigen Zockern beobachtet werden. In der Schule werden online-süchtige Jugendliche auffällig, weil sie wegen dauernden Schlafentzugs dem Unterricht nicht folgen können und ihre sozialen Kontakte vernachlässigen. Es kommt zu Schulverweigerung und Schulschwänzen, berichtete Rudolf Weber vom Schulamt in Fritzlar. Auch wenn die extremen Fällen mit ein bis vier Prozent aller Schüler noch relativ selten sind, ist doch ein Ansteigen der Zahlen in den vergangenen Jahren nicht zu übersehen. Das mag mit der rasanten Verbreitung des Internets zusammenhängen. Immer mehr Computer stehen in immer mehr Kinderzimmern. Die neuen Handy-Generationen machen den Zugang ins Netz auch unterwegs jederzeit möglich. Die technischen Möglichkeiten der Mobiltelefone erlauben ganz neue Formen des Missbrauchs. Schon verabreden sich Jugendliche zum „Happy Slapping“, zum fröhlichen Schlagen vor der Kamera. Die Filme vom erniedrigenden Umgang mit Klassenkameraden finden dann den Weg auf öffentliche Internetplattformen, die wie moderne Pranger wirken. Die Schulen mühen sich nach Kräften, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, wie CRS-Beratungslehrer Reinhard Mehles berichtete. An der Christian-Rauch-Schule sei ein Verhaltens-Kodex für den Umgang mit Handy beschlossen und für alle Schüler für verbindlich erklärt worden. Es gebe Aufklärung über die Gefahren von zu großer Offenheit auf Internetforen wie SchülerVZ, Facebook oder ICQ. Darüberhinaus werde jedem Hinweis von Online-Bullying nachgegangen. Dabei sei auch die Schulsozialarbeiterin eine wichtige Ansprechpartnerin für die Schüler. Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Entwicklung schneller voranschreitet, als Eltern und Lehrer mithalten können. Online-Beraterin Tigsty Asfaw vom Kasseler Beratungsprojekt „I-Punkt“ appellierte daher an alle Eltern und Lehrer, sich selber und gegenseitig über die Entwicklung auf dem Laufenden zu halten: „Wenn wir nicht aufpassen, haben wir in zehn Jahren riesige Probleme im Umgang mit dem Internet wie wir sie uns heute noch gar nicht vorstellen können.“ Dazu passen die Zahlen, die Ralf Schulte von der Fachstelle für Suchtprävention im Diakonischen Werk Waldeck-Frankenberg zusammengetragen hatte: „Um 50 Millionen Nutzer in Deutschland zu erreichen hatte das Telefon brauchte das Telefon 74 Jahre, das Radio 38, das Fernsehen 16, der PC und das Internet gerade mal vier Jahre. Die Generation TV hatte im Gegensatz zur Generation Internet viermal länger Zeit, den Umgang mit dem neuen Medium zu kultivieren.“ Im übrigen seien Computer und Internet gerade dabei, das Fernsehen als Leitmedium abzulösen. Der Computer gelte immer mehr Menschen als erste Informationsquelle. Im gleichen Maße wüchsen aber auch die Gefahren: Cyber-Bullying, also die üble Nachrede über das Medium Internet sei dabei ebenso ein Problem wie die Verbreitung von Killerspielen, das illegale Kopieren von urheberrechtlich geschützten Werken, die Abzocke im Netz und die Verbreitung von jugendgefährdenden Inhalten. Zum Missbrauch der an sich schönen, neuen technischen Möglichkeiten gehörten zudem der Datenklau, das „Happy Slapping“ (wie oben beschreiben9 und das Internet-Glücksspiel. Als Folgen des übermäßigen Internet-Konsums listete Schulte den Leistungsrückgang in Schule und Beruf auf, auffallende Müdigkeit und das Desinteresse an sozialen Kontakten. Die virtuelle Welt werde für Online-Süchtige zur Realität. Als Gründe für ihre Online-Sucht geben Betroffene oft an, dass sie in ihrere virtuellen Spielwelt das Gefühl bekommen, anerkannt zu sein. Sie genießen die Möglichkeit Befehle geben zu können und ihre Frustrationen abreagieren zu können. Abschließend machte Schulte deutlich, dass Computer, Internet und Computerspiele an sich nichts Schlechtes seien und nicht grundsätzlich verteufelt werden dürften. Es komme lediglich darauf an, den Missbrauch und übermäßigen Konsum zu verhindern .Hilfreich sei es auf jeden Fall, wenn Eltern den Computeraktivitäten ihrer Kinder nicht gleichgültig gegenüberstünden. Eltern seien aufgefordert, sich über die Spiele und Chatkontakte ihrer Kinder zu informieren und offen über die Gefahren zu reden.

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