Spendenaktion für Menschen im Baltikum

Die Würde der Überlebenden

Volkmarsen - Können Spenden erlittenes Unrecht ausgleichen? Hanna und Wolf Middelmann berichten in Volkmarsen über ihre seit den 90er Jahren laufende Hilfsaktion für baltische Juden, die den Holocaust überlebt haben.

In einer Sendung des ARD-Nachrichten-Magazins „Panorama“ war 1993 dargestellt worden, dass ehemalige Angehörige der SS in den gerade unabhängig gewordenen ehemaligen Sowjetrepubliken im Baltikum eine Invalidenrente bekamen, Überlebende des Holocaust jedoch leer ausgingen. Sie bekamen weder zur Zeit der UdSSR noch in den ersten Jahren nach der Ausrufung der Unabhängigkeit in Estland, Lettland und Litauen eine Entschädigung gezahlt, die deutsche Bundesregierung lehnte dies lange Zeit ab. Bis sich die amerikanische Regierung und die Jewish Claims Conference einschalteten und so großen Druck ausübten, dass die Bundesregierung eine Rentenzahlung für die überlebenden Opfer des Nazi-Regimes im Baltikum beschloss.

Hanna und Wolf Middelmann hatten jedoch unabhängig von diesen Entwicklungen 1993 die Initiative ergriffen und über den lettischen Vorsitzenden des im gleichen Jahr gegründeten Vereins der Überlebenden, Alexander Bergmann, eine Spendenaktion gestartet. Damit sollten die damals 1000 Menschen unterstützt werden, die von insgesamt 75 000 Juden im Baltikum am Leben geblieben waren.

Die Situation, wie sie sich dem Lehrer-Ehepaar aus Göttingen darstellte, war empörend. „Entweder sie leisteten sich etwas zu essen oder sie konnten die Miete zahlen. Für beides zusammen reichte das karge Einkommen nicht aus“, berichten die beiden. Entstanden ist ein großes Netzwerk von derzeit 200 Mitstreitern, die weiterhin zahlen, und es sind Freundschaften mit Menschen entstanden, die die grausame Verfolgung überlebten.Zweimal im Jahr machen sich die Middelmanns auf den Weg ins Baltikum, um die Opfer zu besuchen.

Wie ein Wunder war der große Lottogewinn, von dem ein deutscher Glückspilz dem baltischen Verein der Überlebenden einen hohen Betrag zur Verfügung stellte. Mittlerweile stellt der Sohn des Hauptverantwortlichen der Ermordung der estnischen Juden den wenigen Überlebenden dort Geld zur Verfügung. Sein Vater war mit 98 Jahren 2010 verstorben. Dass er der Vollstrecker des Massenmordes war, konnte er lange bor der Familie verbergen. Dabei wäre der promovierte Jurist nach dem Krieg um ein Haar zum Tode verurteilt worden.

Der Einsatz des Sohnes und der der Middelmanns ist auch Ausdruck des Konfliktes zwischen den Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie ein Aufbegehren gegen Verschweigen und Täuschen, gegen Zynismus das Leugnen jedweder Verantwortung durch die Täter: „Mein Vater war ein 300-prozentiger Nazi und ist es bis zu seinem Tod geblieben“, berichtet Middelmann, der in den 60er Jahren studierte hatte und danach in verschiedenen Ländern Europs im Schuldienst tätig war.

Auch wenn sich die Bundesregierung durchgerungen hatte, den Überlebenden des Holocausts im Baltikum Renten zu zahlen. Es reicht nicht für alle, die von der Verfolgung betroffen waren. Speziell Litauer, die zu jung waren, um im Ghetto zu arbeiten, erhalten die spät eingeführte Ghettorente nicht.

Ein Zeichen von Würde und Bescheidenheit kommt aktuell aus dem Baltikum: Der Verein in Lettland hat inzwischen beschlossen, nicht mehr um finanzielle Hilfe zu bitten. „Sie kommen auf der Basis der Renten zurecht“, schreiben die Middelmanns in ihrem jüngsten Rundbrief an die Spender.

Derzeit kommen im Jahr 40 000 bis 50 000 Euro an Spenden zusamen. Das Geld wird benötigt für die medizinische Versorgung, für Pflege und für die Begleichung von Bestattungskosten. In Lettland werden aktuell 25 (anfangs 116), in Estland 13 (15) und in Litauen 102 (200) Menschen durch Spender unterstützt.

Was auch nach dem Tod dieser Menschen bleibt, ist die Notwendigkeit, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Es bleibt angesichts antisemitischer Strömungen und dem immer wieder hochkommenden Ruf nach einem „Schlussstrich“ die Notwendigkeit, Fakten über den Holocaust auch im Baltikum, das Leiden der Überlebenden und den Umgang mit den Tätern auf der Grundlage gesicherter Informationen als Mahnung für die kommenden Generationen zu dokumentieren und darüber zu berichten. Erinnerung bewahren Das haben die Middelmanns, seit Jahren Verbündete mit dem Verein Rückblende - gegen das Vergessen unter Vorsitz von Ernst Klein, in der Geschichtswerkstatt Volkmarsen anhand von 50 illustrierten Portraits in einer Ausstellung und mit dem Dokumentarfilm von Jürgen Hobrecht über die baltischen Juden getan.

Spendenkonto: Hanna und Wolf Middelmann, Stichwort „Riga“, Sparkasse Göttingen, IBAN: DE28 2605 0001 0100 499 433, BIC: NOLADE21GOE, E-­Mail: wolf-­middelmann@t-­online.de ; Telefon/-fax: 0551 66985. (ah)

Kommentare