Hinter jedem Dokument steckt ein Schicksal · WLZ-FZ-Serie zur Arbeit des Internationalen Suchdienstes ITS (Folge 1)

Zentrale der Erinnerung für Opfer der NS-Verbrechen

- Die Historikerin Dr. Susanne Urban (42) leitet seit Mai 2009 die Forschungsabteilung des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen. WLZ-FZ- Redakteur Thomas Kobbe ging mit ihr ins Gespräch.

• Welchen Stellenwert hat der ITS-Datenbestand für die historische Forschung? Es gibt kaum ein anderes Archiv, das einen so umfassenden Überblick über die NS-Verfolgung von Menschen und deren Schicksale als Displaced Persons nach der Befreiung geben kann. Das ITS-Archiv ist eines der weltweit größten, das sich mit den Schicksalen von NS-Opfern befasst. • Sie haben vor einem Jahr den Forschungsbereich beim ITS übernommen. Hat sie an der Aufgabe gereizt, hier in weiten Teilen Pionierarbeit leisten zu können? Das stimmt schon. Etwas Neues aufzubauen, ist doch immer reizvoll. Außerdem soll der ITS als neuer Anlaufpunkt für die opfer-zentrierte Forschung etabliert werden, ohne aber 
dabei mit anderen Gedenkstätten in Konkurrenz zu treten. Dazu gehört auch, eine ITS-
eigene Pädagogik zu entwickeln. Damit ist nicht ausschließlich Arbeit für und mit Schülern 
gemeint. Vielmehr geht es auch um Lehrerfortbildung, um Bildungsangebote für Soldaten, Polizisten und Juristen. Also für all jene Berufsgruppen, die im Nationalsozialismus eher auf der Täterseite zu finden waren. Die Pädagogik soll jeweils auf die speziellen Bedürfnisse der Besucher zugeschnitten werden – für Schüler ist es wichtig, den Blick auf menschliche Schicksale zu richten, und in der Erwachsenenbildung sind zentrale Fragen nach Strukturen und Mechanismen der Verfolgung wichtig. • Nimmt die Bereitschaft dazu ab, weil der zeitliche Abstand zum Geschehen stetig wächst? Nein. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Opfern hat, bezogen auf Westdeutschland, ja erst Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre begonnen. Das Interesse hat sich seitdem allerdings verändert. Um dies zu erkennen und auch negativen Diskursen – wie Relativierungen und Minimalisierungen – auf die Spur zu kommen, muss man in den öffentlichen Debatten allerdings genau hinhören. Aus meiner Sicht ist das Interesse momentan darauf 
gerichtet, wie eine zukünftige Vermittlung aussehen kann, weil die Überlebenden uns als Zeitzeugen bald nicht mehr zur Verfügung stehen werden. • Welche Bedeutung hat das 
Archiv für das kollektive Gedächtnis? Individuelles, soziales und kollektives Gedächtnis bedingen sich permanent gegenseitig, wirken aufeinander ein und verändern sich dadurch auch ständig. Das öffentliche Gedächtnis hat sehr viel mit Erinnerungspolitik, also Debatten, Gedenktagen, Denkmälern, zu tun, entwickelt sich nicht unbedingt parallel zum individuellen Gedächtnis. Studien wie Harald Welzers „Opa war kein Nazi“ zeigen, dass die Geschichte in den Familien nicht selten ganz anders betrachtet wird als in öffentlichen Verlautbarungen. Folgen wir Welzer, wären nur drei bis fünf Prozent Antisemiten und ein Großteil der Deutschen im Widerstand gewesen. Häufig findet also für das individuelle Gedächtnis eine Art Transformation der Realitäten statt. Die apologetischen Strategien derjenigen Zeitzeugen, die beteuern, sie hätten von den Verbrechen nichts gewusst, sind eindeutig widerlegt. Im Grunde lässt sich die Situation mit der Feststellung: „Viele wussten vieles“ beschreiben. Natürlich wussten nicht alle alles, das ist auch klar. Die Soldaten haben jedoch in vielerlei Hinsicht das kommuniziert, was sie gesehen oder an was sie teilgenommen haben. Es gab Einsatzgruppen und Polizeibataillone, deren Mitglieder nach Hause geschrieben haben. Es gibt die Fotos von den Tätern, die sie an den Erschießungsgruben gemacht haben. Um im Kleinen anzufangen: Die Arisierung jüdischer Geschäfte wurde in Zeitungen annonciert. • Aber das kollektive Gedächtnis ist auch ständig in Bewegung... Genau. Es ist im besten Sinne nicht statisch. Das ist wichtig, weil sich bereits im Individuum die Erinnerung ständig neu formt. Ich erinnere mich mit 40 anders an meine Kindheit als mit 15. Die Reflexion gehört in diesen Prozess mit hinein. Insofern ist auch eine immer neue Reflexion der Erinnerungsstrategien im öffentlichen Raum wichtig, um nicht in einer statischen Betroffenheit zu verharren oder Ritualisierungen abzuspulen, die keinerlei Empathie mehr auslösen. • Welchen Beitrag kann der ITS zur Erinnerungskultur leisten? Das Archiv soll in Zukunft eine Zentrale der Erinnerung und Auseinandersetzung mit den Opfern des NS sein, wobei wir für unsere Arbeit insbesondere von den uns eng verbundenen Organisationen Yad Vashem in Jerusalem und des United States Holocaust Memorial Museums in Washington lernen können. Man muss bedenken: Der ITS-Standort befindet sich nicht auf einem ehemaligen Lagergelände. Es ist kein authentischer Ort der NS-Verfolgung, aber ein Ort, der dadurch eine Authentizität erhält, dass hier seit Jahrzehnten für die Überlebenden gearbeitet wurde und wird – nach Angehörigen gesucht, Schicksale geklärt usw. • Mit welchen Archiven arbeitet der Suchdienst zusammen? Wir bauen langsam, aber sicher ein Netzwerk auf zu anderen Gedenkstätten, z. B. Hinzert und Dachau oder Mauthausen. Über den Internationalen Ausschuss vertiefen wir Kontakte zu den Nationalarchiven, z. B. in Frankreich und Belgien. Wichtig sind aber auch die Verbindungen mit Jerusalem oder Washington. Die Zusammenarbeit versteht der ITS als Partnerschaft nicht im vertraglichen Sinne, sondern in der Absicht, gemeinsam diesen Weg zu beschreiten. Diese Kooperation funktioniert sehr unkompliziert und freundschaftlich auf gleicher Augenhöhe. In Richtung Osteuropa werden Kontakte geknüpft. Da Russland nicht zu den Staaten des Internationalen Ausschusses gehört, Polen jedoch schon, braucht es dort einfach ein wenig mehr Zeit. • Gibt es noch immer unentdeckte NS-Datenbestände? Die meisten Bestände sind bekannt. Einzelbestände können immer noch neues Licht auf Ereignisse werfen, z. B. Akten der vatikanischen Archive aus diesen Zeiten. Der große Wurf ist dabei aber nicht zu erwarten. Aber fehlende Puzzle-
steine könnten dort ebenso wie in Firmenarchiven auch kleinerer Unternehmen auftauchen. Viele Unternehmen haben ihre Datenbestände in den letzten Jahren offengelegt, damit die Entschädigung von Zwangsarbeitern endlich beginnen konnte. Dazu kam es nicht zuletzt durch einen Generationswechsel in den Vorstandsetagen. Fundstücke dürften sicher auch noch auf Dachböden und in Kellern von Privatleuten zu finden sein. Eben Dokumente von Angehörigen der Generation, die jetzt stirbt. Das können sowohl Täter wie Opfer sein. Jedes Foto zum Beispiel, das KZ-Häftlinge zeigt, einen Todesmarsch oder Zwangsarbeiter kann einen entscheidenden Hinweis liefern auf den Alltag der NS-Opfer. Große Lücken klaffen in den Lagerakten selbst, weil beim Vorrücken der Alliierten viele Beweise vernichtet wurden. Das wird nie mehr irgendwo auftauchen. Diese Lücken sind leider unersetzlich. • Wie kommt man an diese Dokumente? Oft nur durch Zufall. Denken Sie an die Auschwitz-Konstruktionszeichnungen, die in einer Wohnung in Berlin gefunden wurden und sich jetzt in Yad Vashem befinden. Wenn ein nun verstorbener Verwandter Massengräber oder Erschießungen fotografiert hat, liegt es an den Nachfahren, diese Dokumente 
der Forschung zukommen zu lassen. Diesen Nachfahren wird niemand einen Schuldvorwurf machen – doch wird es für diese dadurch nicht einfacher, damit umgehen zu müssen, was dieser Verwandter einst gesehen oder gar ideologisch mitgetragen und dadurch mit zu verantworten hatte. • Dokumente, mit denen sich Opfer-Schicksale klären lassen, enthalten oft auch Hinweise auf Täter. Wie werden diese Daten verwendet? Täter sind diejenigen, die Menschen zu Opfern gemacht haben. Die Daten verbergen wir oder schwärzen wir nicht. Dazu gibt es keinen Grund. Täterakten sind die Grundlage dessen, dass wir die Opfer sozusagen hier bergen und die Erinnerung an sie verwahren können. Auf vielen Dokumenten aus KZ oder der Zwangsarbeit findet man Namen, Unterschriften, Stempel, Beglaubigungen der Täter, der Administration usw. – und selbstverständlich wurde alles mit „Heil Hitler“ abgezeichnet. Investigativ gleichen wir diese Daten nicht ab. Es kommen aber auch heute noch Anfragen von Justizbehörden oder der Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Wenn in einem solchen justiziellen Antrag beispielsweise ein Überlebender von medizinischen Experimenten erzählt, die an ihm vorgenommen wurden, und dabei einen Namen erwähnt, der irgendwo auftaucht, dann recherchieren wir für die Justizanfrage in unseren Akten. Für den derzeit vor Gericht stehenden Iwan Demjanjuk existieren im ITS Dokumente, die beweisen, dass er sich nach Kriegsende mit falschen Angaben zu der Kriegszeit als „Displaced Person“ ausgegeben hatte • Bleiben wir bei Demjanjuk. Mein Eindruck ist: Mehr als über seine Kriegsverbrechen wird in der Öffentlichkeit über die Frage diskutiert, was mit 
einer Verurteilung 65 Jahre nach Kriegsende noch erreicht werden kann? Gleich zu Beginn des Prozesses drückte es ein Holocaust-Überlebender so aus: Herr Demjanjuk hatte ein langes und sehr gutes, zufriedenes Leben mit einer ganzen Familie. 29 000 Menschen, die in Sobibor in die Gaskammern geschickt wurden, hatten diese Chance nicht. Demjanjuk hatte bisher keinerlei Nachteile aus dem, was er mutmaßlich getan hat. Jemand, der nach geltendem Recht Untaten begeht, muss sich verantworten. Da diese Taten nicht verjähren, ist es egal, ob der Angeklagte 35 oder 95 Jahre alt ist. • Die Standortwahl fiel 1946 aus logistischen Gründen auf Arolsen. Gibt es noch andere Standortvorteile? Für die Region sicherlich – zum einen ist der ITS ein relevanter Arbeitgeber in der Region. Hinzu kommt der wirtschaftliche Nutzen für Arolsen angesichts der Besucher, die zum ITS reisen. Ich persönlich habe ja auch schon in Yad Vashem gearbeitet und angesichts der Fülle von Schicksalen und Themen zur nationalsozialistischen Verfolgung habe ich gelernt, dass es wichtig ist, auch einmal abzuschalten und sich nach der Arbeit auf andere Dinge einzulassen. Dazu gibt die Region ebenfalls genug Möglichkeiten. • Welchen Einfluss hatte die SS-Vergangenheit der Stadt auf die Arbeit des Suchdienstes? Für den ITS eigentlich keinen. Man erwähnt es selbstverständlich bei Führungen. Ich hoffe, dass die Anwesenheit von so vielen „Displaced Persons“, die hier zu Beginn auch im Suchdienst beschäftigt waren, auch eine Lernmöglichkeit für die Arolser war. Die Nazis sind ja nicht alle mit dem Kriegsende verschwunden. • Anne Franks Karteikarte aus dem Durchgangslager Westerbork in der Hand zu halten, ist etwas anderes als eine antike Münze zu betrachten: Sollten sich Historiker von dieser Beklemmung in jedem Fall zu lösen versuchen? Das Beispiel mit der Münze ist interessant. Man sollte auch die Empathie zu anderen Ereignissen nicht verlieren. Etwas empfinden, wenn man eine Deportationsliste – oder, angesichts des Zustandes des Originals, auch nur eine Kopie – in der Hand hält, sollten nicht nur Jugendliche und Erwachsene, das sollen und dürfen Forscher auch. Alles, was man hier im Archiv in den Händen halten kann oder als Digitalisat (ein Dokument, das für eine elektronische Verbreitung aufbereitet wurde, d. Red.) ansieht, kann Empfindungen auslösen – von Traurigkeit bis zum emotionalen Sturm. Für die Auswertung und die Darstellung muss man dann wieder eine sachliche Balance finden. Aber ich kann auch für mich persönlich sagen: Manche Dokumente oder ein Brief eines Überlebenden lassen selbstverständlich auch in mir Tränen aufsteigen – und das lasse ich auch zu. Sonst würde ich nur etwas verwalten, und das wäre dem, was den Menschen angetan wurde, nicht angemessen. Bei der Begleitung eines Überlebenden muss man jedoch sich selbst zurücknehmen, denn es geht darum, diesem Menschen zur Seite zu stehen – und darauf zu achten, dass der Überlebende in diesem Moment der Erinnerung und des Berichtens nicht von seiner eigenen Geschichte retraumatisiert wird. Kurz: In der Arbeit mit Überlebenden geht es darum, darauf zu achten, dass der Überlebende seine Geschichte beherrscht und nicht die Geschichte ihn • Warum haben die Nationalsozialisten ihre Verbrechen so akribisch festgehalten? Vor allem, weil der Holocaust wirklich ein Verwaltungsakt war. Sie müssen sich vorstellen, dass die Ermordung von elf Millionen Juden geplant war. Sechs Millionen davon hat man quasi „abgearbeitet“. Als der Massenmord im Januar 1942 geplant wurde, wusste man, dass die Tötung von elf Millionen Juden nur mit einem wahnsinnig hohen bürokratischen Aufwand zu bewerkstelligen ist. Deswegen wurden beispielsweise von der Reichsbahn extra Fahrpläne angelegt, deren Kopien sich auch im Suchdienst-Archiv befinden. Die normalen Züge mussten ja trotz der Häftlingstransporte weiter fahren. Was den Holocaust und andere Verbrechen des Nationalsozialismus betrifft, so hatten viele Täter das Gefühl: Das ist eine historische Aufgabe, geradezu eine Mission, an der ich mitarbeite. Täter empfanden sich als Teil einer großen Idee, und man wollte an dieser Zukunft Deutschlands mitarbeiten. Die Täter entwickelten eine Binnenmoral, die funktionierte. • Ereignisse und Personen aus der NS-Zeit garantieren auch 65 Jahre nach Kriegsende immer noch Kinoerfolge und Bestseller. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Als kommerziell erfolgreich erweisen sich meistens Filme oder Bücher, die nicht unbedingt die Geschichte der Opfer erzählen. Von „Schindlers Liste“ einmal abgesehen. Der Trend geht zu historisch sicher seriös, aber in ihrer Machart reißerisch dargestellten Kriegsereignissen oder Lebensläufen. Dokumentation, Filme und Bücher, die nicht in dieses Schema passen, werden hierzulande keine Bestseller. Manche Ereignisse insbesondere zur deutschen Geschichte im Krieg oder aus dem Nachkrieg werden auch allzu isoliert betrachtet, die Ursachen dabei ausgeblendet. Das ist aus meiner Sicht nicht gut. Dieser Entwicklung muss man mit pädagogischen und anderen Mitteln entgegenwirken, damit sich die Menschen weiter für die Opfer der Naziverbrechen interessieren und nicht den Weltkrieg als Spektakel sehen. • Aber ist eine nicht korrekte Perspektive nicht doch besser, als das Thema ganz auszublenden? Nein. Wenn das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg auf die Bombennacht in Dresden 
reduziert werden, dann ist das keine Perspektive, die ausreicht. Weil ich als Rezipient nicht weiß: Warum und weshalb gab es die Luftangriffe? Wer war in der Stadt? Dann ist es entkontextualisiert. Der ITS ist jedoch keine Anlaufstelle für Fragen nach z. B. dem Bombenkrieg – zumal es zuerst deutsche 
Bomben auf Warschau oder Rotterdam gab. Wir sind dazu da, die Erinnerung und die wissenschaftliche Auseinanderset-zung an und mit den Opfern des Nationalsozialismus mit unseren Beständen zu sichern. Wer sich nicht mit den Opfern befasst, wird alliierte Entscheidungen kaum verstehen.

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