Das Schicksal der Familie Martens im Zweiten Weltkrieg · WLZ-FZ-Serie über die Arbeit des Internationalen Suchdienstes (Folge 12)

Zwangsarbeit „Wir zogen um, sobald jemand Fragen stellte“ Mehr als zwölf Millionen Zwangsarbeiter

- „Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut 
In der wir untergegangen sind
 Gedenkt
 Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.“ (Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen)

Bad Arolsen. Fast „öfter als die Schuhe die Länder wechselnd“ wich Familie Martens dem Frontverlauf des Zweiten Weltkriegs aus. Was sind da 65 Jahre später schon die 1725 Kilometer zwischen der ukrainischen Hauptstadt Kiew und Bad Arolsen. Wadim Martens (73), sein Sohn Sergej (47) und dessen Frau Valentina standen Mitte Juli unangemeldet vor dem Eingang des Internationalen Suchdienstes (ITS) in der Großen Allee. Sie wollten „Danke“ sagen. Denn der ITS hatte sie zu Verwandten in Australien geführt. „Ein Brief oder eine Postkarte wären nicht genug gewesen“, sagte Sergej Martens. „diese Reise mussten wir einfach für unser Herz und unsere Seele machen.“

„Dyakuyu“ oder „Spasibi“ heißt Danke in der Ukraine, „Thank you“ in Australien. Muttersprache? Vaterland? Für eine Familie wie die Martens sind das kriegsbedingt dehnbare Begriffe. Im 19. Jahrhundert war der Großvater Karl Martin aus Deutschland in die Ukraine ausgewandert. Anfang November 1943 hatte die Rote 
Armee weite Teile der Ukraine 
einschließlich Kiews von der Wehrmacht zurückerobert. Familie Martens blieb kaum eine andere Wahl, als wieder zurück nach Deutschland zu ziehen. Für die Nationalsozialisten galten die Martens somit als mögliche „Volksdeutsche“, in den 
Augen der Roten Armee waren sie Verräter. Ihnen drohte das Arbeitslager in Sibirien.

Der Vater der Familie wurde in Deutschland zur Arbeit unter anderem in den Baulagern des Flugzeugwerkes REIMAHG (steht für Reichs Marschall Hermann Göring) in Kahla, Thüringen, verpflichtet. Als Volksdeutscher galt Martens jetzt nicht mehr. In den Listen der Zwangsarbeiter (siehe Hintergrund)führten ihn die Nationalsozialisten nun als „Russen“. Der älteste Sohn Willi ging zur Armee. „Melde dich lieber freiwillig zur Wehrmacht. Dann kannst du der SS entgehen“, hatte ihm sein Vater geraten. Die Eltern und die übrigen vier Kinder überstanden den Krieg unbeschadet. „Ich kann mich noch erinnern, wie wir bei den Fliegerangriffen immer in den nahegelegenen Wald rannten“, erinnert sich Wadim noch heute.

Bei Kriegsende hatten zunächst US-Truppen das Umland Geras besetzt, doch An-
fang Juli 1945 übernahm die Rote Armee das Kommando in Thüringen. In der Sowjetzone konnte die Familie nicht bleiben. Die Martens beschlossen, auf eigene Faust in die Ukraine zurückzukehren und ihren Aufenthalt in Deutschland zu vertuschen. So ganz gelang es nicht. Ein Onkel wurde erschossen, ein anderer ins Arbeitslager verschleppt. Wadim, seine Geschwister und Eltern hatten Glück. „Den Fußmarsch zurück in die Ukraine werde ich nie vergessen“, sagt der 73-Jährige.

Niemand durfte erfahren, dass sie in Deutschland gewesen waren. „Wir hatten Angst. Mein Vater ließ uns alle schwören, dass wir niemals darüber reden werden“, erzählt Wadim. Über ein Jahr konnte der inzwischen Neunjährige nicht in die Schule gehen, da ihn Mitschüler gleich als „Deutschen“ beschimpften: „Wir zogen um, sobald jemand Fragen stellte.“ Erst vor 15 Jahren fand er die Kraft, das lang gehütete Familiengeheimnis zu lüften. Bei einem Waldspaziergang kamen ihm die Bilder vom langen Fußmarsch in die Ukraine wieder in den Sinn. Er erzählte seiner Frau von seinen deutschen Vorfahren und der Odyssee zwischen den Fronten.

Ein Foto und eine Postkarte vom 28. Mai 1944 waren die einzigen Erinnerungsstücke, die Wadim Martens von seinem Bruder Willi geblieben waren. Und die vage Erinnerung eines damals siebenjährigen Kindes an einen Ort bei Gera, das Weihnachtsfest, einen Kinobesuch und deutsche Kinderlieder. „Wir hatten immer vermutet, dass mein ältester Bruder im Krieg umgekommen sei“, sagt Wadim. Die vage Hoffnung auf ein Wiedersehen gab er dennoch nie auf. Er hörte von anderen, geglückten Familienzusammenführungen und fragte 1998 beim Roten Kreuz in Kiew an. Die Hilfsorganisation wandte sich wiederum an den Suchdienst in Bad Arolsen. Die Lösung brachte letztlich ein Antrag auf Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter, den Willi bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 2001 in Genf gestellt hatte. Über eine Nachfrage bei der IOM stieß der ITS auf die Adresse der Familie Martens in Australien.

Im September 2007 kam es dann endlich zum lang ersehnten Wiedersehen. Willi selbst erlebte es nicht mehr. Er war einige Jahre zuvor bereits verstorben. „Nichts hätte ihn glücklicher gemacht“, schrieb seine Tochter Masha. Er hinterließ vier Kinder, neun Enkel und zwei Urenkel. Doch Wadim konnte den australischen Zweig der Familie kennenlernen. „Es sind viele Tränen geflossen – der Trauer wie der Freude“, berichtet er. „Wir haben viel aus dem Leben der anderen erfahren.“

Willi hatte den Krieg ebenfalls überlebt, war in Kriegsgefangenschaft geraten und dann in Lager für Displaced Persons (DP) in Österreich gekommen. Am 24. August 1950 wanderte 
er mit seiner Frau, die er im DP-Lager kennengelernt hatte, 
und seinem inzwischen dreijährigen Kind nach Australien aus. Jahrzehntelang hatte er 
vergeblich versucht herauszufinden, was aus seiner Fa-milie geworden war. Der Kalte Krieg verhinderte jede Verständigung. Selbst als Willis Familie 1995 in die Ukraine flog, fand sie keine Hilfe. „Mein Bruder hatte immer ein Foto von mir und meiner Schwester an der Wand“, weiß Wadim heute.

Sie hätten mit einem Mal eine 
große Verwandtschaft dazugewonnen, freut sich auch sein Sohn Sergej. Mit der Reise nach Bad Arolsen habe sich für die Familie jetzt der Kreis geschlossen. Er schrieb ins ITS-Gästebuch: „Mit dem Gefühl tiefer Anerkennung und grenzenloser Dankbarkeit verneigen wir unsere Häupter vor ihrer Arbeit. Ihr Professionalismus und ihr menschlicher Spürsinn verhelfen dazu, dass sich verwandte Seelen wieder vereinen.“

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