Ein Frankfurter Patient, eine junge Kongolesin mit Skoliose und ihre doppelte Freude

6500 Kilometer zum OP-Tisch

Wildungen-Reinhardshausen - Aufrecht kehrt Dorothee Kilongo in den Kongo zurück. Aufrecht im Wortsinn, denn die 23-Jährige wurde vor kurzem in der Werner-Wicker-Klinik an der Wirbelsäule operiert.

Chefarzt Dr. Oliver Meier, Oberarzt Dr. Axel Hemfing und ihr Team haben mit dem Eingriff die Skoliose der jungen Zentralafrikanerin erfolgreich behandelt. Ihre von Geburt an verkrümmte Wirbelsäule wurde gestreckt. Die OP nahm ihr nicht nur die Schmerzen, sondern befreit sie von einem Stigma. Frauen mit einem derart verformten Rücken und der daraus resultierenden Körperhaltung gelten in Dorothee Kilongos Heimat als Hexen. Sie werden beschimpft und angefeindet.

Mit 87 Leiterin einer Missionsstation im Kongo

Davon berichtet die junge Frau nicht selbst, denn sie spricht Kiswahily und etwas Französisch. Ihre Geschichte wird erzählt von der 87-jährigen Klara Helene Ossendorf. Sie begleitete Dorothee Kilongo zum Klinikaufenthalt nach Reinhardshausen. „Dorothee arbeitet in der Küche unserer Missionsstation in Lubumbashi-Kenya“, fährt die 87-Jährige fort, die seit 2005 die Station leitet und seit Jahrzehnten selbst im Kongo lebt. Sie verdeutlicht das Ausmaß der Schmach, der Frauen mit einer Skoliose im Kongo ausgesetzt sind: „Wenn bekannt gewesen wäre, dass Dorothee in unserer Küche arbeitet, hätte niemand mehr bei uns gegessen.“

Schützling hat beide Eltern im Bürgerkrieg verloren

Das Leben hat dem jungen Schützling von Klara Helene Ossendorf nicht allein wegen der Fehlbildung bislang viel abverlangt. Einer der Bürgerkriege im Kongo nahm Dorothee als kleinem Mädchen beide Eltern.

Nach der gelungenen Operation freut sie sich umso mehr über das Glück, dass sie dieses Mal hatte: „Ich danke allen deutschen Menschen, die mir so sehr geholfen haben“, beschreibt sie ihre Gefühle, übersetzt von Klara Helene Ossendorf.

Hier könnte die Geschichte enden, aber dafür ist Dorothee Kilongos Weg aus Lubumbashi-Kenya auf einen Reinhardshäuser Operationstisch zu ungewöhnlich und fesselt zu sehr.

Nicht nur, weil sie keinen Pass besaß, das Visum schwer zu erhalten war und das deutsche Konsulat im Kongo von Chefarzt Oliver Meier eine Bestätigung des OP-Termins verlangte.

Nicht nur, weil Klara Helene Ossendorf die Anträge bezahlte und den Hinflug finanzierte, Oliver Meier auf sein OP-Honorar verzichtete und Christina Wicker von der Klinikgeschäftsleitung die Kosten für den Rückflug übernahm.

Zu alledem bietet Dorothees Weg ein Beispiel dafür, wie außergewöhnlich geteilte Freude sich vervielfacht: die Freude des Frankfurters Peter Müller. Er kam 2011 nach einer Ärzte-Odyssee mit einem schweren Rückenleiden in die Sprechstunde zu Oliver Meier in die WWK. Der Spezialist operierte Müllers Wirbelsäule mit Erfolg, und aus Begeisterung und Erleichterung über das Ergebnis sagte der Patient seinem Arzt: „Wenn Sie jemand Bedürftiges finden, der eine Operation dringend braucht – ich zahle.“

Versprechen des Frankfurter Patienten eingelöst

Das Versprechen des Frankfurter Patienten trug Meier mit sich – bis ihn im Januar vorigen Jahres der Albertshäuser Arti Sgobino fragte: „Was kostet die Operation einer jungen Kongolesin?“

Arti Sgobino kannte Dorothees Schicksal nur zu genau, weil Klara Helene Ossendorf seine Tante ist und er die Missionsstation 2000 selbst gründete. Die Erzählungen seiner Tante aus dem Kongo bei einem Besuch in Deutschland hatten ihn dazu bewogen.

Die Anfrage Sgobinos bot Meier die Gelegenheit, das Versprechen von Peter Müller einzulösen. Der Frankfurter übernahm die Kosten für die OP in Höhe von 22000 Euro.

Ende April war es so weit. Acht Stunden dauerte die Operation, ohne Pausen für die Ärzte. „Ich war weder Kaffeetrinken noch auf der Toilette“, sagt Meier.

Knapp eine Woche nach dem Eingriff wurde die junge Frau auf eine Normalstation verlegt – konnte zum ersten Mal in ihrem Leben aufrecht stehen und gehen. Physiotherapeuten der WWK behandelten sie weiter bis zum Abschied aus Reinhardshausen. Das Visum von Dorothee Kilongo endet heute.

Ihre Arbeit in der Küche der Missionsstation geht weiter, mit ganz anderer Lebensqualität für die junge Frau. Weiter geht auch das Engagement von Klara Helena Ossendorf und ihres Albertshäuser Neffen Arti Sgobino im Kongo (siehe „Hintergrund“).

Hintergrund: Hilfe für Kriegswaisen

Die 87-jährige gebürtige Kölnerin Klara Helene Ossendorf lebt seit 1952 im Kongo. Dorthin war sie mit ihrem belgischen Ehemann ausgewandert. Er hatte einen Montage-auftrag auszuführen, sie arbeitete als Krankenschwester, seit 1994 für die evangelische Kirche. 2000 gründete Arti Sgobino in der kongolesischen Siedlung Lubumbashi-Kenya die Missionsstation. Diese wird seit 2005 von seiner Tante geleitet, zunächst als Missionarin, inzwischen als Pastorin. Sie spricht das im Kongo als Amtssprache geltende Französisch – ein Überbleibsel aus der belgischen Kolonialzeit –, dazu einige Eingeborenensprachen und -dialekte. Davon wurden im Kongo mehr als 200 gezählt.

Arti Sgobino sammelt mit seinem Freund und Partner Hugo Völker aus Bad Wildungen für seine Initiative „Hilfe für Kriegs-Waisenkinder“ Sachspenden, etwa medizinische Hilfsmittel, die aus verschiedenen Gründen im reichen Deutschland nicht mehr gebraucht werden. Die Verteilung übernehmen seine Tante und der kongolesische Bischof Kassongo. Früher wurden die Spenden als Beipack im Container eines Maschinenausrüsters in den Kongo verschifft.

Da diese Möglichkeit nicht mehr besteht, wird bei einer entsprechenden Menge von Hilfsmitteln ein Container gechartert und Richtung Zentralafrika verschifft. Sgobino und Völker freuen sich über Spenden. Wer sich genauer informieren und helfen will: Arti Sgobino, 34537 Bad Wildungen-Albertshausen, Zum Paradies 4, Telefon 05621/966266, Handy 0160/8385010, E-Mail: articosgobino@yahoo.de.(sdh)

Stichwort: Kongo

Die seit Jahren wiederholt von Bürgerkriegen erschütterte Zentralafrikanische Republik Kongo mit der Hauptstadt Kinshasa ist gut sechsmal so groß wie Deutschland und damit fast so groß wie Europa, hat aber nur etwa 66 Millionen Einwohner. In Deutschland dagegen wohnen 82 Millionen Menschen. Nach der belgischen Kolonialzeit, die von 1919 bis 1960 dauerte, nannte sich das Land von 1971 bis 1997 Zaire. Die Republik Kongo liegt am Äquator, es gibt dort viel tropischen Regenwald und eine reichhaltige tropische Tier- und Pflanzenwelt. Die Republik Kongo ist reich an Rohstoffen. Deren Ausbeutung ist meist der Grund für kriegerische Auseinandersetzungen. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist im Kongo extrem groß.(sdh)

Kommentare