Erstes Buhlener Neandertalerfest nahe der Eiszeit-Fundstätte gelungen

Die älteste Leuchte der Menschheit - Video

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Spaß muss sein, auch wenn ein Neandertaler so nie herumgelaufen wäre in der bitterkalten Eiszeit: Über Werner Graichens Auftritt freuten sich Kerstin Graichen, Roswitha Stöhr, Jutta Gloger und Gisela Ochs vom Buhlener Mammutgrill.

Edertal-Buhlen - Was haben die Klitschkos mit Neandertalern gemeinsam? Wie konnte den Buhlener Urururur-Ahnen vor 90 000 Jahren schon ein Licht aufgehen? Und woher kam eigentlich der „wilde Mann“ mit der Keule?

Fragen über Fragen, eine spannender als die andere. Jede Menge Antworten gab´s auf sie und auf weitere Rätsel der Urzeit beim ersten Buhlener Neandertalerfest nahe der paläontologischen Eiszeit-Fundstätte.

Professor Dr. Lutz Fiedler, der leitende Ausgräber in Buhlen bei den Aktionen in den 1980er-Jahren, entführte sein Publikum in Vorträgen tief in die Vergangenheit, als vor rund 200 000 und rund 90 000 Jahren Mammuts, Wollnashörner, Pferde, Rentiere und Wildschweine an den Ufern der Ur-Netze entlang zogen.

Tierknochen verfeuert

Am Ortsausgang des heutigen Buhlen wurden die Tiere erwartet von den Menschen der damaligen Eiszeit, den Neandertalern. Als Jäger lebten sie von den umherziehenden Großsäugern, verwerteten sie komplett: das Fleisch als Nahrungsquelle, die Knochen als Werkzeuge und Brennmaterial in einer steppenartigen, baum- und straucharmen Landschaft, die Felle und Häute als Rohstoff für Bekleidung. „Vergessen Sie das Bild vom wilden Mann mit dem Fell um die Hüften und der Keule in der Hand.

So wären unsere Urahnen erfroren und hätten kein Wild erlegt“, schilderte Fiedler. Speere waren die Jagdwaffen der Neandertaler. Bei der Herstellung ihrer Geräte setzten die Eiszeitjäger einen künstlichen Klebstoff ein: Birkenpech, das sie aus der Rinde der Bäume gewannen. Steinerne, bearbeitete Messer, die wie heutige Teppichmesser verwendet wurden, dienten dazu, das Fleisch von den Knochen und Häuten abzuschaben. Dicke, wärmende Kleidung fertigten sich die Neandertaler aus den Fellen, ist Fiedler überzeugt.

Sie konnten sprechen...

Laut seiner festen Ansicht hatten unsere Verwandten aus der Urzeit – früher meist als ungeschlacht dargestellt – eine Sprache, „denn ihr Kehlkopf war genauso ausgebildet wie der unsrige. Nachdem die Wissenschaft sie über lange Zeit aus unserer Ahnenreihe verbannt hatte, gelten sie heute wieder als einer unserer Vorfahren.“

Die Augenwülste, die vorspringenden Zähne; Fiedler ist sicher, dass diese Merkmale nicht in erster Linie auf das Erbgut des Neandertalers zurückgehen, sondern auf seine harte Lebensweise: „Die Zähne dienten als Werkzeug zum Festhalten von Dingen bei der Arbeit. Felle wurden durchgekaut, um sie geschmeidig zu machen.“

So verformten sich die Zähne, die extreme Beanspruchung der Kaumuskeln spiegelte sich in den Augenwülsten wider. „Sie sehen das bei Boxern wie den Klitschkos, die auf ihrem Beißschutz während der Kämpfe und Sparrings herumkauen“, sagte Fiedler und verwies auf die Unterschiede im Erscheinungsbild von Inuit-Frauen (Eskimos) einst und heute.

Vor hundert Jahren kauten auch sie Felle weich, „heute sehen sie aus wie Fotomodelle.“ Weshalb schlugen die Neandertaler über Zigtausende von Jahren ausgerechnet in Buhlen ihre Jagdlager auf? Vielleicht pflegten sie Erzähltraditionen wie die nordamerikanischen Prärieindianer oder die australischen Aborigines und gaben so die Informationen über diesen geeigneten Platz weiter.

Das kann sich Fiedler gut vorstellen. Die Neandertaler wählten den Ort sehr bewusst aus, denn er schützte vor den eisigen Nordostwinden und bot beste Aussicht. Für jede Arbeit hatten sie einen Bereich: An einem Punkt wurden die Felle aufbereitet, am nächsten Werkzeuge gefertigt, am dritten Beutetiere zerlegt.

Spuren einer Behausung

Fiedler schreibt dem Fundplatz in Buhlen große Bedeutung mindestens auf europäischer Ebene zu. Zwei seiner Gründe: Die Forscher fanden in den 80er-Jahren einen Steinkreis in Buhlen, in dessen Mitte sie Reste einer Feuerstelle sicherten.

Für Fiedler und andere Wissenschaftler der Beweis, dass der Steinkreis als Fundament/Befestigung für ein Zelt oder eine Hütte seinen Zweck erfüllte. Solche Belege sind selten. Bislang sogar einmalig in der Welt ist ein weiterer Fund, „den ich fast übersehen hätte“. Ein Kalkstein mit einer Delle in der Mitte, die rötlich eingefärbt war.

„Das passiert, wenn der Stein Hitze ausgesetzt wird“, erläuterte Fiedler. Die Erklärung: Die Neandertaler müssen Tierfett in die kleine Kuhle gegossen haben. Moos oder Ähnliches diente vermutlich als Docht wie bei einer Kerzenleuchte: In Buhlen wurde die bislang mit etwa 90?000 Jahren älteste Lampe der Menschheitsgeschichte gefunden, sagte Fiedler.

Der „moderne Mensch“ verwandte solche Leuchtensteine ebenfalls, als er die berühmten Höhlenmalereien im französischen Lascaux anfertigte. Für Fiedler ein weiterer Hinweis, wie bitter Unrecht dem Neandertaler durch die Nachwelt widerfuhr, die ihn lange für ein minderbemitteltes, eher affenähnliches Lebewesen hielt. Der Professor glaubt auch nicht, dass Neandertaler Kannibalen waren, obwohl an den Knochen ihrer Verstorbenen die Spuren vom Abschaben des Fleisches zu finden sind: „Stellen Sie sich vor, während einer Jagd damals kommt ein Mitglied der Gruppe um. Wollen Sie in Eiseskälte über viele Kilometer den Toten zum Lager tragen?“ Die Leiche sei entbeint, die Skelett-Teile mitgenommen worden, um sie dann bei der Gruppe – anatomisch richtig angeordnet – zu beerdigen. Das zeigten die Auswertungen von gefundenen Gräbern.(su)

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