Theater Anu erzählt in dunkler Nacht Geschichte(n) an der Staumauer

Der (Alb)Traum vom Edersee

Hemfurth-Edersee - In finsterer Nacht am Fuß der Sperrmauer tauchen die Besucher der „Nachtmeerfahrt“ in eine Traumwelt ein. Mit einem Wasserbeutel in der rechten Hand, gefüllt mit Holz, Gold oder Steinen brechen sie auf zu einer fantastischen Zeitreise an den Edersee.

Ungewöhnlicher Spielort ist das Kraftwerksgelände an der 100 Jahre alten Edertalsperre. Zum Jubiläum hat die Berliner Theatergruppe Anu ein Edersee-Stück inszeniert. Es handelt von zwei Weltkriegen, einer gigantischen Staumauer, dem Verlust der Heimat und von viel Wasser. Markante Kapitel der Edersee-Geschichte werden an sechs Spielstationen präsentiert. Melancholisch beginnt die „Nachtmeerfahrt“ an der Ederbrücke. „Was ist mit meiner Heimat passiert?“ ruft ein Mann auf einem Boot verzweifelt in die Nacht. Er kämpft mit einem Fisch, doch der entkommt. Nach zwei Weltkriegen kehrt der Unbekannte zurück nach Berich und findet das Edertal überflutet vor. Schwermütig geht es weiter: Wehklagen bei einer Bewohnerin, deren Haus vor dem Aufstau des Edersees angezündet wird. „Nichts als Asche bleibt zurück ...“ Trübsal auch bei einer Szene am offenen Grab: Im Heimatboden bestattet werden – dieser Wunsch geht nicht mehr in Erfüllung. Im Dunkel der Nacht spazieren die Besucher weiter zur nächsten Station. Hunderte von beleuchteten Wasserbeuteln weisen den Weg zur gläsernen Staumauer. An einem Wall von 200 mit Wasser gefüllten Einweckgläsern tauchen die Zuschauer ein in den nächsten Traum – er handelt vom Bombenkrater an der Sperrmauer und der Riesenwelle im Edertal. Die tanzende Schönheit, die im Traum von den Fluten mitgerissen wurde, mutet hinter spiegelnden Gläsern an wie ein Fabelwesen in einer anderen Welt. Nach so viel Leid weckt ein verrückter Professor in der Kraftwerkshalle die Lebensgeister. In einem Kreis von Glühbirnen erzählt er vom Fortschrittsglauben vor 100 Jahren, schmiedet wirre Theorien und lechzt nach Wasser. Die gefüllten Beutel, die Zuschauer für seine große Welle zum Antrieb der Erdumdrehung spenden, fehlen nebenan für die Wassernixe. Sie windet sich auf einem Fischerboot vor der in zarten Blautönen erleuchteten Edertalsperre auf dem Trockenen. Diese Szenen mischen Fantasie und Realität, lassen Raum für eigene Interpretation und leiten über in die heutige, vom Tourismus geprägte Zeit. Pech für den Fischer, der die seltene Nixe an Land zog und auf einen stattlichen Gewinn hofft: „Edertal will meine Wassernixe nicht kaufen für den Edersee.“ Bevor die Zuschauer gegen Mitternacht aus ihrer Traumwelt heraustreten, begegnen sie den einsamen Mann auf seinem Boot wieder. Auf dem Fisch, mit dem er eingangs kämpfte, schwimmt er davon. – Versöhnliches Ende einer leidvollen Geschichte. „Jede Welt gebiert eine Neue“, sagt die wohlklingende Stimme im Lautsprecher. „Am selben Tag trauern Menschen um Angehörige, und andere stehen glücklich vor dem Traualtar.“Weitere Aufführungen der Nachtmeerfahrt im Rahmen des Kultursommers Nordhessen finden am 15. und 16. August statt. Karten (21 Euro/ermäßigt 17 Euro) gibt es noch für die Spätvorstellung um 22.30 Uhr. Von Conny Höhne

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