Jahre lang kämpfte Achim Schmidt vor Gericht wegen OP-Fehlers

Arzt lässt Schraube weg

Edertal - In den USA wäre Achim Schmidt vielleicht Millionär geworden. In Deutschland reichte es für 1200 Euro Schmerzensgeld. Wichtiger für den heute 61-Jährigen ist ihm sein innerer Frieden nach einem Jahrzehnt des Kämpfens gegen einen Arzt und eine Klinik vor Gericht.

Der Bergheimer ist einer von Zehntausenden Deutschen, die alljährlich ein künstliches Kniegelenk eingesetzt bekommen. Die Operation soll den Patienten Schmerzen nehmen und ihnen mehr Beweglichkeit zurückgeben, wenn das Gelenk, zumeist in Folge von Arthrose (verschleißbedingtem Knorpelabbau), stark geschädigt ist.

Dieser Ansatz schlug bei Achim Schmidt gründlich fehl. „Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich Probleme mit dem Knie“, schildert er. Schmidt arbeitete im Schwerlastverkehr, wuchtete dabei Getränkekisten und bewegte andere schwere Lasten. Fußball als sein damaliges Hobby steht auch nicht im Ruf, Kniegelenke zu schonen.

„Ich schob eine Operation so weit hinaus wie möglich“, erinnert er sich und hielt sich damit an die Empfehlung vieler Orthopäden.

„60- bis 70-Jährige überholten mich leicht“

1999 hatten die Beschwerden aber so zugenommen, dass er sich einer „Umstellungsosteotomie“ unterzog. Aus O- wurden X-Beine, um den Druck auf die belasteten Innenseiten der Kniegelenke zu mindern.

Der Erfolg blieb aus. Ein Jahr später erhielt der Bergheimer von der Uni-Klinik Heidelberg die Diagnose: fortgeschrittene Arthrose. In einer Kasseler Klinik implantierte ihm ein Orthopäde im Juni 2001 links eine Knie-Teilprothese. Achim Schmidt ging im Anschluss an die OP zur Reha in die Reinhardshäuser Klinik Birkental.

„Ich war mit den Fortschritten unzufrieden. 60- bis 70-Jährige überholten mich leicht, wenn ich spazieren ging“, erinnert er sich. Die Ärzte mahnten zur Geduld, die Genesung brauche Zeit. Dann mussten die Mediziner die Reha abbrechen, weil sich ein Erguss im Knie bildete.

Der Weg führte Schmidt zurück zu dem Kasseler Klinik-Arzt, der zunächst eine Arthroskopie (OP per Endoskop) und im Dezember 2001 eine weitere, größere Operation vornahm. Die anschließende Reha brachte erneut keine Besserung. 2002 öffnete der Arzt in Kassel das Knie ein drittes Mal und tauschte die Prothese aus.

Kribbeln, Taubheitsgefühl, die Kniescheibe schmerzt

„Inzwischen hatten sich zusätzliche Beeinträchtigungen eingestellt: Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen über der Kniescheibe und Missempfindungen bei Wärme und Kälte“, berichtet Achim Schmidt. Der linke Fuß verlor zu all dem an Beweglichkeit.

Das Vertrauen in den Kasseler Orthopäden hatte er verloren und wandte sich darum ans Frankenberger Krankenhaus. Einen vernarbten Nerv und Ergussbildung machten die Ärzte dort als mögliche Ursache der Beschwerden aus. Sie schlugen eine neue Knie-Prothese vor, nicht ohne vorher einen Allergietest auf Verträglichkeit des Materials durchzuführen. „Das hatte man in Kassel versäumt“, fügt Schmidt hinzu.

Als die Frankenberger Operateure das Knie öffneten, erlebten sie eine Überraschung. Der Kasseler Orthopäde hatte beim Einbau der zweiten Prothese einfach auf eine Schraube verzichtet - entgegen der Bedienungsanleitung des Herstellers.

Das brachte für Achim Schmidt das Fass zum Überlaufen. Er zog vor Gericht. Es folgte ein Prozess, der sich über Jahre und mehrere Instanzen hinzog. Der Arzt, der nach eigenem Gutdünken die Prothese bewusst ohne alle dazugehörigen Teile einsetzte, verstarb in der Zwischenzeit, so dass Schmidt am Ende allein gegen die Klinik prozessierte.

„Das alles belastete meine Familie und mich sehr“, erzählt er. Besonders wurmt ihn, dass er unterschwellig bis offen verdächtigt wurde, ein Simulant zu sein. Viele Versuche der Ärzte, die Schmerzen in den Griff zu bekommen, erzielten nur für begrenzte Zeit Erfolg. Sogar elektrische Impulsgeber für die Nerven im Knie wurde ihm eingepflanzt.

„Ich habe mein Arbeitsleben verloren, weil ich berufsunfähig geschrieben wurde“, sagt der Bergheimer. 2007 wurde er letztmals operiert. „Der Arzt sagte mir, als nächstes könne man das Knie nur noch versteifen.“

Als nächstes müsste das Gelenk versteift werden

Auf Grundlage eines Gutachtens stellte das Oberlandesgericht Frankfurt am Ende fest, dass der Kasseler Orthopäde 2002 einen groben Behandlungsfehler beging, als er ohne Not und Begründung auf eine Schraube und Befestigung verzichtete: eine Genugtuung für Achim Schmidt, die ihm finanziell wenig brachte.

Denn all seine Beschwerden seien nicht auf diesen Fehler zurückzuführen, besagt das Gutachten. Die negativen Folgen der OPs in Kassel zählten zu den Risiken, über die der Patient zuvor aufgeklärt wurde. Der einzige Schaden, der ihm entstanden sei, bestehe in der Verlängerung der Operation 2003 in Frankenberg, als die Ärzte dort das Fehlen der Schraube entdeckten.

Zweifel beim malträtierten Patienten bleiben: „Weshalb wurde in Kassel die erste Teilprothese damals überhaupt ausgetauscht? Dazu hat mir nie jemand etwas gesagt.“

Von Matthias Schuldt

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