Frischquak

Baustellenblues

Bad Wildungen - Einen ganz privaten Verkehrsfunk könnte ich derzeit gebrauchen.

„Vorsicht auf der Brunnenstraße. Wegen einer Baustelle zwischen den Häusern 67 und 71 kommt es zu anhaltenden Beeinträchtigungen der fußläufigen Verbindungen. Die Umleitung führt heute über den dritten Pflasterstein von links am westwärts gewandten Hintern der dritten Kurschattenbrunnendame vorbei zur halb abgerissenen alten Treppe vor der Apotheke...“ Täglich aufs Neue ein Orientierungslauf, bis ich meinen Schreibtisch in der Redaktion erreicht oder in umgekehrter Richtung zum ausgelagerten Parkplatz zurückgefunden habe. Die Erde scheint permanent in Bewegung. Eben war noch hier ein Zugang offen. Als ich vom Brötchenholen fünf Minuten später wiederkehre, laufe ich durch frischen Splitt und bemerke zu spät die säuerlichen Blicke dreier Handwerker, denen ich justament durch ihr Arbeitsmaterial stapfe, weil ich nicht kapiert habe, dass der Zugang zur Haustür gerade 15 Meter weiter östlich verlegt wurde. Die Quittung erhalte ich eine halbe Stunde später, als ich erneut das Haus verlassen möchte, um zu einem Termin zu eilen. Ich gehe auf die Glastür zu, da schiebt sich von links in Zeitlupe, aber unaufhaltsam eine Respekt gebietende Radladerschaufel ins Bild, randvoll gefüllt mit etlichen Zentnern Schotter. Direkt vorm Eingang verharrt sie. Gefangen. So schießt es mir durch den Kopf. Draußen hebt ein lautes Stimmengewirr an. Offenbar laufen Verhandlungen darüber, wo wie viel von dieser Ladung abgelassen werden soll. Sekunden dehnen sich zu gefühlten Minuten, der Termin sitzt mir im Nacken. Schließlich neigt sich die Schaufel wie ein müdes Haupt und ergießt vorsichtig ihren Inhalt auf den Boden. Der Weg ist frei – sorry, aber ich muss wieder durchs frische Material latschen – und just als ich an der Pflaster-Kreissäge vorbei gehe, verabschiedet sich dort irgendein Schlauch von seiner Schelle und eine Flüssigkeit – hoffentlich Wasser – schießt in hohem Bogen auf mich zu. Volle Deckung. Der Schwall trifft eine der Kurschattenbrunnendamen. Die sind´s gewohnt und ich bin froh, das meine Reflexe noch leidlich funktionieren. Kollegen aus Korbach macht die Reise zu uns nach Wildungen derzeit besonderen Spaß, weil sie im Einerlei des Alltags spannenden Herausforderungen solcher Art begegnen dürfen. Unseren Kurier beobachten wir dieser Tage, wie er mittags mit seiner Fracht zu Fuß auf der anderen Seite der Straße alleeaufwärts marschiert, um den seit Tagen gewohnten Weg an der Apotheke vorüber zu unserer Haustür zu gehen. Meine Kollegin und ich schauen gespannt aus dem Fenster. „Ob er wohl noch merkt, dass er da jetzt in eine Sackgasse läuft und eigentlich geradeaus zu uns hätte kommen können?“, frage ich. Sie zuckt mit den Schultern. Er bemerkt die neue Wegeführung erst, als er vor der Absperrung steht und umkehren muss... Wir hätten ihn gerne aus dem Fenster heraus gewarnt, doch die einzigen, die sich über die Baggermotoren und Steinsägen-Geräusche hinweg bemerkbar machen können, sind einer der Baggerfahrer, der die unmotorisierten Teile der Bautruppe lautstark nach allen Regeln der Kunst in den Senkel stellt nach dem Motto: Alles Luschen, außer mir – und die zwei Pflasterleger, die immer zur selben Zeit nachmittags zu einem erregten Disput in türkischer Sprache ansetzen – vermutlich darüber, ob Besiktas, Trabzonspor oder Galatasaray der Fußballclub von Istanbul ist. Den Tonfall kenne ich vom direkten Aufeinandertreffen von Schalke- und BVB-Fans in der Kneipe.Ich bin gespannt, was uns unsere Baustelle am Scharnier in der kommenden Woche an Erlebnissen spendiert. Das Dschungelcamp ist ein Kindergeburtstag dagegen, meint euer Ederlurch.

Kommentare