Odershäuser Unternehmerin und Frankfurter Stiftung bieten Volontariat für Sehbehinderte oder Blinde

Berufsperspektiven auch ohne Sehen

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Regina Raab (05621-9637766/www.kommundwerb.de) bietet einen Volontariatsplatz „PR-Juniorberatung“ für sehbehinderte oder blinde Interessierte an.

Bad Wildungen-Odershausen - Berufsperspektiven eröffnen in einer Gesellschaft, die geprägt ist von der Flut der Bilder. Dieses Ziel steht auf der Fahne der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Die Odershäuser PR-Beraterin und Unternehmerin Regina Raab bietet gemeinsam mit der Stiftung eine berufliche Qualifizierung ab 1. April an.

Binnen zwei Jahren kann sich der oder die sehbehinderte/blinde Interessierte aus- und weiterbilden zum PR-Juniorberater, zur PR-Juniorberaterin. „Die Frankfurter Stiftung arbeitet bundesweit mit betrieblichen Partnern zusammen“, erklärt Regina Raab. Sie war als Dozentin in einem PR-Seminar für die Frankfurter Stiftung tätig und wurde von der Geschäftsführerin Ursula Hollerbach angesprochen, ob sie nicht als Erste in Waldeck-Frankenberg einen solchen Volontariatsplatz einrichten wolle.

Attraktiv für Arbeitgeber an dem Modell: Die Stiftung kooperiert mit der Agentur für Arbeit, die sowohl das Gehalt während der Aus- und Weiterbildung als auch die Einrichtung des Arbeitsplatzes finanziert.

Nach den Erfahrungen in ihrem ersten Seminar mit Sehbehinderten und Blinden brauchte Regina Raab nicht nachzudenken über den Vorschlag der Stiftungs-Geschäftsführerin. „Die Ausbildung stellt die gleichen Anforderungen an die Teilnehmer, wie es für Sehende der Fall ist. Der Kursus hat diese Anforderungen hervorragend erfüllt“, zieht die PR-Beraterin als Resümee.

Sie habe sich zu Beginn auch gefragt, wie sich Sehbehinderte und Blinde auf diesem Feld zurechtfinden, auf dem optische Eindrücke sehr häufig eine Rolle spielen. „Auch ein Sehbehinderter oder Blinder muss mit dem Begriff ‚Corporate Design‘ etwas anfangen können. Im Netz gibt es aber sehr viele Hilfen, etwa indem Bilder, Farben und Logos in Worten beschrieben werden“, erklärt Regina Raab. Programme zum Vorlesen von Texten beseitigen Barrieren.

Hinzu kommt, dass die weitaus meisten der Absolventen nicht von Geburt an eine sehr schwache Sehkraft haben oder erblindet sind. Sie büßten im Lauf ihres Lebens nach und nach oder plötzlich ihre Sehfähigkeit ein. „Sie können sich deshalb zum Beispiel etwas unter Farben vorstellen“, ergänzt die Odershäuserin.

Weil das Abitur sowie ein Studium und/oder eine Berufsausbildung Voraussetzung für die Teilnahme an der Qualifizierung sind, haben viele der frisch gebackenen PR-Juniorberater aus dem Kursus Berufserfahrungen mit eingebracht.

Sehr zielstrebige und positive Menschen hat Regina Raab im Rahmen des Seminars kennengelernt. Wie den Mann, der ein gewöhnliches Leben führte, bis er sich eines Tages während einer Autobahnfahrt über plötzlich aufziehenden Nebel wunderte - den nur er wahrnahm, wie sich herausstellte. Eine genetisch bedingte Krankheit, ausgelöst durch eine Virusinfektion, zwang ihn dazu, eine neuen Berufsweg einzuschlagen.

Oder die Dekorateurin, der die Ärzte sagten: „Sie werden in zwei Jahren erblinden.“ Die Mutter zweier Kinder wollte berufstätig bleiben und begann deshalb ihre Qualifizierung zur PR-Juniorberaterin bei der Frankfurter Stiftung noch als Sehende.

Regina Raab hat die speziellen Fähigkeiten Sehbehinderter und Blinder schätzen gelernt. „So können sie sehr gut zuhören, lassen sich im Gespräch weniger ablenken als Sehende“, hat sie als Eindruck gewonnen. Public Relation ist Kommunikation und hält deshalb eine Menge Aufgaben auch für sehbehinderte oder blinde Mitarbeiter bereit: Kundenakquise, Recherche, das Erarbeiten von Konzepten. „Speziell bei mir geht es um die Mitarbeit an einem bestehenden Projekt, um Telefonieren und Textarbeit“, erklärt Regina Raab.

Sie hofft, im Landkreis jemand an der Qualifizierung Interessierten zu finden, denn auch das gehört zum Konzept der Frankfurter Stiftung: wohnortnahe Ausbildung.

Das Volontariat besteht aus innerbetrieblicher Qualifizierung und Seminaren in der Frankfurter Stiftung über die gesamte Laufzeit. Die Aus- und Weiterbildung schließt ab mit einer Prüfung und einem Zertifikat.

Neben der Qualifizierung PR-Juniorberatung gehören „Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste“, „wissenschaftlicher Dokumentar“, „Online-Journalist“ und „Audiotechniker“ zu den Aus- und Weiterbildungen im Repertoire der Stiftung. Berufsbegleitende Reha, blindentechnische Grundausbildung und die Reha von sehbehinderten oder blinden Migranten komplettieren die Aufgabenfelder.

„Vielleicht haben ja weitere Arbeitgeber Interesse an diesem Modell“, schließt Regina Raab.

Die Blista und der Biathlonstar

Hessen spielt in Deutschland eine zentrale Rolle bei der Ausbildung sehbehinderter und blinder Menschen. Nicht in erster Linie, weil es die Frankfurter Stiftung (siehe Stichwort) gibt, sondern weil in Marburg die 1916 gegründete Deutsche Blindenstudienanstalt, kurz Blista, ihren Sitz hat. Sie unterhält Deutschlands einziges Blindengymnasium. Angeschlossen ist ein Internat, in dem aktuell mehr als 300 Schülerinnen und Schüler leben. Die Carl-Strehl-Schule führt in neun Jahren zum hessischen Zentral-Abi. Ein berufliches Gymnasium mit Schwerpunkt Wirtschaft, die Fachoberschulen Sozialwesen und Wirtschaft und weitere Angebote zählen zum Programm. Eine der bekanntesten Absolventinnen ist Verena Bentele, fünffache Goldmedaillengewinnerin im Biathlon bei den Paralympics in Vancouver vor vier Jahren. Anfang Januar übernahm sie die Aufgabe als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, zugehörig dem Arbeits- und Sozialministerium . Mehr Infos: www.blista.de.

Die SBS

Die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte Frankfurt wurde 1837 gegründet. Zweck und Ziel ist die gesellschaftliche und berufliche Rehabilitation und Integration sehbehinderter und blinder Menschen jeden Alters. Weitere Infos: www.sbs-frankfurt.de.

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