Nicht therapierbarer Alkoholiker saß bereits sieben Jahre wegen vergleichbarer Delikte im Gefängnis

Brandstifter zu drei Jahren Haft verurteilt

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Der Feuerwehreinsatz am Talitha vorigen November.Foto: Archiv

Bad Wildungen/Fritzlar - „Es war reine Glücksache, dass nicht mehr passiert ist“, sagte ein Korbacher Kripo-Beamter gestern im Zeugenstand des Fritzlarer Schöffengerichts.

Der Qualm aus den angesteckten Müllsäcken im Kellereingang des Hauses Talitha sei am späten Abend des 24. November durch einen Fahrstuhlschacht ins Innere gezogen: Bei Feuern sterben die meisten Menschen an Rauchvergiftung statt an Brandverletzungen. Ein Kollege von der Wildunger Polizeistation erinnerte sich, wie er mit weiteren Beamten und den Feuerwehrleuten durchs Haus geeilt war, um schlafende Mütter und Kinder zu retten, die den Alarm überhört hatten.

Der Mann, der die Beinahe-Katastrophe verursacht haben soll, saß gestern in Fritzlar auf der Anklagebank: ein 55 Jahre alter Maler und Lackierer, aus Westfalen stammend und im Februar 2014 von Kassel nach Bad Wildungen gezogen. Er verweigerte die Aussage, „denn ich habe es nicht getan.“

Eine Serie von zehn Brandstiftungen im November 2014 gipfelte im Feuer am Talitha. Allein an dem Abend des 24. ließen fünf Fälle binnen eineinhalb Stunden Polizei und Feuerwehr von Alarm zu Alarm hetzen. Die Handschrift war stets dieselbe: Abfall entzündet.

Zum fünften und letzten Mal loderten Flammen aus einer blauen Tonne in der Severinstraße am Hotel Isabell. Sie wurden entdeckt von einer Wildunger Polizistin, die gerade wenige Meter davon entfernt mit einem Kollegen die Personalien des Mannes kontrollierte, der gestern vor Gericht stand.

Die beiden Beamten waren als Zivilstreife in der Stadt unterwegs, denn die Polizeistation wollte dem nächtlichen Feuerspuk der vorausgegangenen Wochen ein Ende bereiten. Parallel zu den Löscharbeiten am Talitha beobachtete das Gespann das Umfeld, bemerkte in der Severinstraße eine Gestalt und fuhr zwecks Personenkontrolle dorthin. Der Unbekannte schien „wie vom Erdboden verschluckt“, berichtete die Beamtin. Zufällig entdeckte sie den Angeklagten, der hinter einem Auto hockte. Die Polizisten stellten den Verdächtigen, da loderte das Feuer in der blauen Tonne auf.

Widerstandslos ließ der heute 55-Jährige sich festnehmen und verhielt sich in der Vernehmung sehr routiniert. Er schwieg zu allen Fragen, auch die nach seinen Wohnungsschlüsseln oder etwaigen Feuerzeugen. Nichts fanden die Beamten bei ihm – bis auf Tabak und Blättchen. Auf dem Revier bat der Mann um Feuer, weil er stark raucht. Die Wildunger Polizisten inspizierten nochmals den Ort der Festnahme und wurden unter dem Auto fündig, hinter dem sich der Mann versteckt hatte. Dort lagen der Schlüssel und drei Feuerzeuge. An ihnen hafteten Gen-Spuren des Angeklagten, ergab ein DNA-Test. Nach der Aufnahme des Handwerkers in U-Haft riss die Brandserie ab.

Der 55-Jährige ist Trinker. Ab 1991 fiel er wegen zunächst kleinern Straftaten unter erheblichem Alkoholeinfluss auf. 2004 folgten 3 Jahre und 9 Monate Gefängnis wegen schwerer Brandstiftung, 2008 die nächste Haftstrafe von 4 Jahren und 5 Monaten wegen schwerer Brandstiftung. Rache an einem ehemaligen Arbeitgeber und einem ehemaligen Vermieter zählten zu den Motiven. Er wurde in die Entziehungsanstalt Merxhausen eingewiesen, doch als nicht zu therapieren entlassen. Die restliche Strafzeit saß er ein.

Sein Leben in Bad Wildungen beschrieb er vor Gericht so: „Ja, ich trinke, abends hinter verschlossener Tür, aber ich habe zwei Jahre gearbeitet, gut gearbeitet, einen Freundeskreis aufgebaut und gelernt, meine Probleme zu lösen.“

Ob er eine zweite Entzugstherapie antreten würde, wollten Staatsanwalt Dr. Roth und Psychiaterin Dr. Kielisch als Sachverständige wissen.

„Nein!“, antwortete der Angeklagte entschieden. Darin sehe er keinen Sinn. Die Gutachterin bestätigte seine Ansicht.

„Eine Sucht ist eine Sucht“, meinte der Angeklagte. Er habe die Brände am 24. November in Bad Wildungen nicht gelegt und wolle sein Leben weiterführen wie zuletzt.

Im Gegensatz zum Prozess hatte der Mann in einem Gespräch mit der Psychiaterin eine Erklärung für sein Verhalten am 24. November geliefert: Er wollte demnach gegen 22 Uhr zu einer Unterredung über einen möglichen neuen Job gehen. In der Severinstraße sei er gestolpert und habe seinen Schlüssel und seine Uhr aus der Tasche verloren. Das Ganze habe er aus Angst vor der Polizei unters Auto geschoben.

Der Staatsanwalt sah in seinem Plädoyer die Anklagevorwürfe belegt durch das von den Polizisten dargelegte „Beweismosaik“. Roth beantragte in der Summe eine Haftstrafe von 3 Jahren und 11 Monaten.

Der verteidigende Rechtsanwalt Mauermann bezeichnete das Verfahren als klassischen Indizienprozess: „In keinem einzigen Fall gibt es einen Tatzeugen, in keinem einzigen Fall einen Sachbeweis.“

Es sei klar: Wer bei diesen Vorstrafen in eine solche Situation gerate, „macht sich dünne.“ Das Abducken vor der Polizei oder das Verstecken der Feuerzeuge seien „völlig nachvollziehbar“.

Einzige Achillesverse der Verteidigung stelle die brennende Mülltonne im Rücken des Festgenommenen dar. „Im Zweifel für den Angeklagten“ gelte aber auch in diesem Punkt, da die Polizisten kurz zuvor einen jungen Mann kontrolliert, aber als unverdächtig wieder hätten ziehen lassen. Die Beamten konnten nicht mit letzter Sicherheit behaupten, alle Taschen dieses zweiten Kontrollierten auf Feuerzeuge durchsucht zu haben. Der Anwalt plädierte daher auf Freispruch.

Das Gericht unter Vorsitz von Richterin Eichler lehnte diese Argumentation ab. „Wenn der Angeklagte Angst hatte, verdächtigt zu werden: Warum ging er nicht auf kürzestem Weg in seine Wohnung in der Nähe zurück und verhielt sich möglichst unverdächtig?“, fragte Richterin Eichler. Den Schöffen und ihr selbst waren das „zu viele Zufälle“, um vernünftige Zweifel an der Schuld des 55-Jährigen zu hegen. Das Gericht verurteilte ihn – mit Blick aufs Talitha – unter anderem wegen schwerer Brandstiftung zu drei Jahren Gefängnis.

Und danach? „Wir werden nicht informiert, wenn jemand mit einschlägigem Hintergrund in unseren Bezirk umzieht. Darum tappt die Polizei bei solchen Taten oft erst im Dunkeln“, hatte der Korbacher Kripo-Beamte zu Beginn des Prozesses erklärt.

Von Matthias Schuldt

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