Therapiehund unterstützt Sozialarbeiterin Heike Eschler aus Ober-Werbe beim Landkreis und in Praxis für systemische Therapie

Calle öffnet Herzen und Haustüren

Waldeck-Oberwerbe - Wo Worte an verschlossene Menschen nicht ankommen, öffnet ein sanfter Hundeblick plötzlich die Seele. Das hat Heike Eschler beobachtet, die ihren Dalmatiner Calle zum Therapiehund ausbildete. „Er ist mein Türöffner“, sagt die Sozialarbeiterin und Systemische Therapeutin schmunzelnd.

Tiere sind Balsam für Körper und Seele. Ihren Einsatz in der sozialtherapeutischen Arbeit hatte die Knabstrupper-Pferdezüchterin bereits bei ihrer Diplomarbeit 1999 im Blick. Aber erst mit ihrem Dalmatinerrüden Calle setzte sie die Idee in die Tat um.

Los ging es mit Hundeführerschein, Familienbegleithundprüfung und einem Therapiehundekurs. „Jede Menge Theorie und Praxis für Hund und Frauchen steckt darin“, betont die Ober-Werberin. Die Tierfreundin ist sich sicher: Sorgfältig ausgebildet kann das Team „Mensch-Hund“ seelisches Wohlbefinden angeschlagener Mitmenschen fördern. Kindheitserinnerungen werden wach

„Der Hund erfüllt das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Körperkontakt, kann trösten, Spannungen lindern, motivieren und einfach Spaß bringen.“ Das sind die Ziele des Vereins für tiergestützte Therapie, dem sich die Ober-Werberin angeschlossen hat.

Anders als sein Frauchen erwartet den vierbeinigen Kollegen kein langer Arbeitstag. „Nur ein bis zwei Stunden in der Woche darf Calle arbeiten, und nur bis zu einem bestimmtem Lebensalter“, schildert die 50-Jährige. Regelmäßige Tierarzt-Checks sind Pflicht. „Hundherum glücklich“ ist der Dalmatiner, wenn er täglich ausgelassen bei Spaziergängen toben kann. Nach soviel Bewegung schnarcht der gefleckte Jüngling dann ungeniert auf dem Hundesofa.

Vor allem körperlich oder geistig behinderte Menschen, Verhaltensauffällige und psychisch Kranke sowie Senioren und speziell auch Demenzkranke sprechen oft auf Hunde an, weiß Eschler. Mit dem braunweißen Dalmatiner besucht sie Seniorenheime, Kindergärten und Behindertenwohnheime.

Die Sozialarbeiterin beim Landkreis, die freiberuflich noch eine Praxis als systemische Therapeutin betreibt, nimmt die Hilfe des vierbeinigen Therapeuten gern in Anspruch, um Herzen zu öffnen. „Bei psychischen Problemen oder einem Trauma ist der positive Effekt von Tieren auf den Krankheitsverlauf bekannt“, sagt die 50-Jährige. Körperwärme, sanfter Hundeblick oder Spielfreude locken manch vereinsamten oder verschlossenen Menschen aus der Reserve. „Da werden Kindheitserinnerungen an eigene Haustiere wieder wach.“ Schweigsame und verschlossene Menschen fangen plötzlich zu reden an.

Insbesondere bei schweren Depressionen, wo Menschen den Lebensmut verloren haben, fördere tierische Unterstützung die Genesung. Auch beim Abbau von Phobien und Ängsten kann „Kollege Calle“ helfen, erläutert die Ober-Werberin. Kleine Spielchen mit dem Dalmatiner fördern obendrein die Motorik. Eschler: „Wenn ein Rollstuhlfahrer, der sich lange gar nicht mehr bewegt hat, plötzlich den Hund streichelt, ist das ein toller Erfolg.“

Brückenbauer an der Haustür

Inzwischen hat der Dalmatiner auch die Erlaubnis aus dem Kreishaus, sein Frauchen bei Behördengängen im Sozialpsychiatrischen Dienst zu begleiten, der bei Schwierigkeiten im Alter oder bei Pflegebedürftigkeit, seelischen Problemen oder Suchtverhalten Hilfe anbietet.

Wenn beispielsweise Menschen Unterstützung benötigen, die sich zurückziehen, sich in Krisen oder Notlagen befinden, oder einfach einmal mit einem Außenstehenden reden möchten, dann werden Hausbesuche oder persönliche Gespräche angeboten.

Nach vorheriger Absprache kommt gelegentlich auch Dalmatiner Calle zu Hausbesuchen mit. Auch wenn es hier nicht um Therapie geht, sei der Hund eine wertvolle Hilfe. „Zum Beispiel als Brückenbauer an der Haustür“, sagt die Sozialarbeiterin beim Fachdienst Gesundheit, aber auch bei Menschen, mit denen man schlecht ins Gespräch kommt. „Er verbreitet einfach eine gute Atmosphäre.“

„Manche Pille könnte gespart werden“

Im deutschen Gesundheitssystem könnte mit dem Einsatz von Tieren noch viel mehr erreicht werden, glaubt Eschler. Nachbarländer wie Österreich oder die Schweiz hätten dies längst erkannt. „Dabei könnte manche Pille gespart werden, wenn man Menschen, die krank sind, einen Hund geben würde“, ist sich die Tierfreundin sicher. Eine Aufgabe haben, sich kümmern müssen, der tägliche Gang vor die Haustür – all das seien gute Gründe für das Haustier. Hunde sind Zuhörer, Tröster, Freunde – sie akzeptieren Herrchen oder Frauchen mit all ihren Eigenschaften. „Ein gutes Rezept gegen Einsamkeit“, meint Eschler.

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