Jämmerliches Heulen: Unerklärliche Geschichte um einen alten Zugbrunnen

„Das Grauen uff Altwildungen“

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Vom Altwildunger Zugbrunnen existieren keine Abbildungen. Mit167 Metern soll er tiefer als der Wal­decker Schlossbrunnen gewesen sein (Foto), der 120 Meter in den Fels getrieben wurde.

Bad Wildungen - Eine unerklärliche Geschichte rankt sich um einen Zugbrunnen in Altwildungen. Der verschlammte und übel riechende Brunnen wurde vor langer Zeit zugeschüttet, ohne das schaurige Geheimnis zu lüften.

Bad Wildungen-Altwildungen. Graf Christian (1585 -1637) hat 1627 den Zugbrunnen in Altwildungen von dem Bergmann Gregor Krause aus Bergfreiheit besichtigen lassen. Demnach gab es damals einen in den Felsen rund gehauenen Brunnen, der aber nicht mehr zur Wasserversorgung genutzt wurde, da seit 1580 eine Wasserkunst betrieben wurde.

Die Verteilung des auf den Schlossberg gepumpten Wassers zwischen Grafenhaus und Altwildungen regelte Graf Günther (1557-1585) in einer Urkunde aus dem Jahr 1580. Der Bergmann aus Bergfreiheit gab die Tiefe des Brunnens bis auf den Schlamm mit 60 Lachtern an (ein Lachter sind 2,0924 Meter nach dem Waldeckischen Wörterbuch von Karl Bauer). Die Schlammabsetzung betrug 20 Lachter. Oben seien drei Lachter ausgemauert gewesen. Damit könnte der Brunnen 167 Meter tief gewesen sein. Der Schlossbrunnen in Waldeck ist im Vergleich dazu 120 Meter tief.

Junger Hund oder ein heiserer Mensch

Um Burgbrunnen ranken sich oft schaurige Geschichten. Zum Altwildunger Zugbrunnen offenbart der zweite Mängelbericht des Bergmanns Krause im Jahr 1639 sowie des Rentmeisters Simon Lucani und der Zeugen Adam Weber, Johannes Waldschmidt, Georg Schröder und Johannes Meister eine unerklärliche Geschichte.

Die Herren hatten bei ihrer Besichtigung für den Grafen Philipp VII. (1613 - 1645) das Heulen eines Hundes vernommen. Sie mutmaßten, der junge englische Hund Türck aus dem Vorwerk sei hineingefallen. Danach klang es aber wie eine heisere Stimme eines Menschen. Johann von Waldschmidt (* 1604) - genannt Johenchen von Armsfeld - fuhr mit einem brennenden Strohwisch in den Brunnen ein und leuchtete hin und her. Aber es wurde nichts gefunden, sodass man meinte, derjenige, der hineingefallen sei, ist im Sumpf zugrunde gegangen. Offensichtlich vermisste man auch keinen Menschen oder einen Hund, so dass die unerklärliche Begebenheit vermutlich keine weitere Beachtung fand.

Der stinkende Brunnen wurde nicht gereinigt, da die Kosten zu hoch erschienen. Vier Bergleute hätten sechs Wochen arbeiten müssen und keiner hätte dem Gestank länger als eine Stunde getrotzt. Außerdem müssten ein Haspel und Wellen mit eisernen Zapfen und Ringen beschlagen werden. Hinzu kämen zwei mit Eisen beschlagene Eimer zu je zwölf Maß (ein Maß wird im Waldeckischen Wörterbuch mit 1,428 Litern angegeben). So ist der Brunnen wohl wegen zu hoher Instandsetzungskosten zugeschüttet worden.

Die Mängelberichte aber - wie sie schon Luise Lorenz aus Altwildungen teilweise in Mein Waldeck Nr. 8, 2007, angeführt hat - können im Staatsarchiv Marburg unter der Kennzeichnung 115.4 Altenwildungen Nr. 284 eingesehen werden.

„Gregor Krause Bergkman von der Freÿheit“ schreibt darin, der alte Zugbrunnen „sej nicht reine gemacht worden so lange die cunst gangen hat, vnndt Innmittelst aller vnflat hinein geworfen worden, daß ein großer gestanck darin wehre, der Brunn hette damalß auch sollen reine gemacht werden, alß aber vberschlagen worden, was es costet, wehre es verplieben“.

„Gantz faul gewesen“

Im Mängelbericht von Krause und Lucani heißt es weiter:

„Hochgeborner Graff, genediger her, Ich hab verzeichen 28 hujus daß gehölz von dem Brunnen alhier abnehmen laßen, darbeÿ befunden, daß die dreÿ schwellen daruff daß gantze werck gelegen, gantz faul gewesen also dass man solches mitt den henden zerbrechen kann, muß wol sagen, wen nicht gott sonderlich verhutet hatt, daß diese faule hölzer vnmüglich die last dragen vndt lengst wol ein groß vngluck hatt geschehen können.

Als nun daß geholz all darvon war, hatt man ein heulen anfangs wie eines hundts darin gehört, dass ich auch vermeinet eß sey der Junge Englische hundt Türck auß dem vorwerk hinein gefallen, hernach ists eben wie eine haisher menschen stim gewesen hab so baldt einen man Johenchen gnant von Armbßfeldt hinein fahrn laßen, welcher mit einem Strowisch hin und wider geleuchtet aber nichts darin funden vndt wan man schon vermainen wolt, daß daß ienige so hinein gefallen in den sumpf zu grunde gangen seÿ, so gemißet doch niemandt weder menschen noch hundt alhier, daß heulen haben, Adam weber, Johannes waldtschmidt, Georg schröder, Johannes meister vnd andere mehr so wol auch Ich selbsten gehört habs S. hoch G. G. beneben freulicher empfehlung Gottlicher obacht hirmitt vnderthenig nicht verhalten sollen alten wildungen 30. octobris anno 1639. S. hoch G. G. vnderthenig gehorsam diener Simon Lucany dem hochgebornen Grafen vnndt hern, hern Philipsen Grafen zue waldeck vndt Pÿrmont hern zue Tonna Meinem genadigen hern Rentmeisters Simonis Lucani bericht wegen des Grauen uff altwildungen.“ (esa)

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