Eva Homberger erzählt von ihrer Flucht vor 70 Jahren

„Diese Bilder vergesse ich nie“

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Damals war Kinderreichtum ein Segen: Die kleine Eva (vorn rechts) mit ihren Eltern Luise und Ernst Eggert und ihren Geschwistern Margot, Vera, Christa, Wolfgang und Ulrich (von links). Das Familien-foto wurde 1941/42 aufgenommen.Foto: pr

Bad Wildungen - Gewalt, Kriege und Flucht sind heute so aktuell wie in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Die Bad Wil­dungerin Eva Homberger erinnert sich an ihre Flucht aus Westpreußen. Fast auf den Tag genau vor 70 Jahren brach die damals Achtjährige mit elf Familienangehörigen auf zu einem 1000 Kilometer langen Treck.

„Der 23. Januar 1945 war der Tag, welcher meine unbeschwerte Kindheit auf dem Land beendete“, blickt sie zurück auf die Flucht aus Okonin. „Der Ortsbauernführer erschien bei uns mit dem Befehl, den Wagen mit Pferdefutter und Verpflegung zu beladen und uns warm anzuziehen. In ein paar Tagen wären wir wieder zu Hause. Mein Großvater hatte den Wagen schon vorsorglich mit Gestänge und Planen überdacht, weil täglich Flüchtlinge aus Ostpreußen durch unseren Ort fuhren. Papa war im Krieg, meine Brüder Ulrich und Wolfgang beim Volkssturm eingezogen.“

Bei minus 30 Grad erfroren Säuglinge

Mutter Luise Eggert mit ihren Töchtern Margot, Vera, Christa, Eva - zwischen 8 und 18 Jahre alt - deren Großeltern und eine Schwester der Mutter mit ihren drei kleinen Töchtern schlossen sich dem Treck an. Der Großvater lenkte den Wagen, Oma und die drei kleinen Cousinen saßen in Bettdecken eingehüllt im Wagen. „Die Erwachsenen und wir größeren Kinder gingen fast den ganzen Fluchtweg zu Fuß“, weiß Eva Homberger noch wie heute.

„Bei Graudenz sollten wir die Weichsel überqueren. Schon beim Eintreffen sahen wir, wie viele Wagen samt Pferden und Menschen ins Eis einbrachen und versanken. - Schreie gellten durch die Nacht. Schon in den ersten Tagen erfroren von unserem Treck bei minus 30 Grad zehn Säuglinge. Tote Menschen und Pferde lagen am Straßenrand. Diese Bilder vergesse ich nicht.“ Bei einer Rast in einer Fabrik freuten sich die elf Familienangehörigen, dass sie sich einmal aufwärmen konnten. „Eine blinde Frau strich immer wieder mit den Fingerkuppen über die Tischplatte. Sie suchte vergebens nach etwas Essbarem“, beobachtete das Kind.

Eva Homberger erzählt: „Einmal kamen wir in ein verlassenes Haus, und es hieß freudig: Wasser! Wir haben uns dann alle in demselben wenigen Wasser gewaschen. Während einer Rast hatte Mutti Erbsensuppe gekocht. Die Hülsenfrüchte waren unsere Reserve. Bevor wir zum Essen kamen, hieß es: ,Sofort weiter, die Front rückt näher.‘

Mäuse nagten an Großvaters Fingern

Eilig wurde die Suppe in eine Milchkanne gefüllt, und als wir sie bei einer Pause essen wollten, war sie sauer. Vor Durst und Hunger haben wir Eis oder Schnee gelutscht. Gefrorene Äpfel, die wir fanden, waren ein Genuss. Meinem Großvater, der die Pferde lenkte, waren Finger und Zehen erfroren. Als wir in einem leeren, kalten Stall im Stroh übernachteten, haben die Mäuse Opas Handschuhe zerfressen und an seinen gefühllosen Fingern genagt. Vor Müdigkeit und Erschöpfung hatte er es nicht gemerkt. Von da an musste meine älteste Schwester Vera die Pferde lenken. Sie war es auch, die Opa auf ihrem Rücken in die Nachtlager trug.

Pferde mit Wagen gestohlen

Mutti mit Tante Traude war an einem Abend dem Treck vorausgegangen, um ein Nachtquartier für uns zu finden - ein verlassenes Haus, eine Scheune oder ein Stall. Als sie zurückkam, fand sie uns, ihre vier Töchter, am Straßenrand im Schnee auf einer Decke liegend. Wir waren so müde und erschöpft und wollten nur noch schlafen. Mutti war gerade noch rechtzeitig gekommen, um uns vor dem sicheren Erfrierungstod zu bewahren.“ Eine schreckliche Erinnerung ist dem Flüchtlingskind bis heute unvergesslich. „Eine Gruppe Menschen, in Decken gehüllt, die Füße mit Lumpen umwickelt, wurde an uns vorbeigetrieben. Eine ausgemergelte Frau kam auf den Hof, wo wir rasteten. Sie nahm aus einem Viehtrog gefrorene Kartoffeln mit Schrot und aß davon.“

Die Wildungerin schildert weitere Erlebnisse ihrer Flucht, die über Neuenburg, Berent, Bütow, Schlawe, Köslin, Treptow und Gollnow führte: „Einmal kamen wir an ein Haus, dessen Bewohner uns vorübergehend aufnahmen. Dort backte Mutti für mehrere Familien Brot, von dem sie für sich und ihre Angehörigen etwas abbekam.

Bei Stettin wurden wir von englischen Tieffliegern beschossen, das weiß ich von meiner Schwester Margot, die auch unseren Fluchtweg notierte. Er führte bei Stettin über die Oder, nach Prenzlau, Fürstenwerder, Feldberg, Neustrelitz, Wittenberge. Je weiter wir nach Westen kamen, desto milder wurde es, und wir waren dankbar nach den eiskalten Wochen. In Ludwigslust wurden nachts unsere Pferde mit Wagen gestohlen. Mit dem Zug fuhren wir weiter nach Dannenberg. Wir hatten nur noch das, was wir am Körper trugen, und Papas Rucksack mit einigen Wertsachen, Papieren und eine Puppe. Das wurde wohl später gegen Lebensmittel getauscht.

Nächste Station war Lüchow, und am 12. März, dem 19. Geburtstag von Vera, kamen wir nach Jeetzel im Wendland. Seit Wochen schliefen wir die erste Nacht wieder in einem Bett. Am nächsten Tag bekamen wir das Clubzimmer in einer Gastwirtschaft zugewiesen, fünf Personen in einem Zimmer. Wir waren unendlich froh, das Zigeunerleben war zu Ende, wie Mutti sagte. Wir waren bettelarm, hatten die Heimat verloren, unser Zuhause, Hab und Gut, Freunde, aber wir hatten uns.

„Froh, dass ich in Wildungen gelandet bin“

Alle Familienangehörigen hatten die Flucht überlebt und wohnten in einem Dorf. Das haben wir den Frauen und Müttern zu verdanken, die das geschafft haben. Mutti sagte immer: ,In wie viel Not hat doch der gnädige Gott über uns Flügel gebreitet.‘ Papa fand uns, er kam im Sommer zurück, Wochen später Ulrich und Wolfgang, unsere Familie war wieder vereint.“ Einige Angehörige überlebten aber den Krieg nicht, darunter Veras Mann, er wurde am 14. April 1945 von amerikanischen Soldaten in der fränkischen Schweiz erschossen.

In Niedersachsen wurde die Familie sesshaft, doch wohl gefühlt hat sich das Flüchtlingskind dort nie. Weil dann die Suche nach einem Ausbildungsplatz erfolglos war, kamen 1952 die 16-jährige Eva und ihre ein Jahr ältere Schwester nach Bad Wildungen. Eva arbeitete im Westfälischen Hof und lernte ihren späteren Ehemann Helmut Homberger kennen und lieben. Das Paar hat heute zwei Kinder und zwei Enkel. 63 Jahre lebt Eva Homberger inzwischen in ihrer Wahlheimat und versichert: „Ich bin froh, dass ich in Bad Wildungen gelandet bin.“

Von Conny Höhne

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