In einem Kraftakt hat Professor Lutz Ricken ein Traditionsgebäude in der Hufelandstraße saniert

Einstiges Hotel wird zur Zahnklinik

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Rund 100 Jahre alt ist diese Postkarte, die das damalige Hotel Kraushaar abbildet.

Bad Wildungen - Ein lange andauernder Leerstand im Wildunger Kurviertel neigt sich dem Ende zu. Das 120 Jahre alte Haus Bathildis, einst als vornehmes Hotel Kraushaar eröffnet, wandelt sich zur Zahnklinik.

Professor Lutz Ricken will mit seinem Team vom ehemaligen Liborius-Krankenhaus in die Hufelandstraße umziehen. Die Restaurierung des traditionsreichen, für die Straße charakteristischen Gebäudes erweist sich als enorme Kraftanstrengung. Ricken: „Mein Ziel ist es, die alte Bausubstanz, wo immer es möglich ist, zu erhalten und trotzdem auf den technischen Stand eines Neubaus zu bringen.“ Noch in diesen Frühjahr will Ricken, seit 2010 Eigentümer der Immobilie, die Sanierung abschließen. Ein besonderes Schmuckstück des soliden Backsteinbaus ist der Speisesaal des einstigen Hotels. Dieser Raum mit Tageslichtkuppel in bunten Glasmosaiken ist von überregionaler Besonderheit, sagt Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab. Der Denkmalschützer teilt die Begeisterung des Professors für die alte Bausubstanz.

Langer Leerstand hat jedoch unübersehbare Schäden im Kern des Gebäudes angerichtet, so dass auch das Glasmosaik des Speisesaals während der Sanierungsarbeiten, die 2010 begannen, abgenommen werden musste. Zurzeit befindet es sich in einer Fachwerkstatt zur Restauration. Ähnlich wurde mit Stuckelementen verfahren. Sie sind aufgearbeitet und harren darauf, an ihren angestammten Platz zurückzukehren.

„Mittagstisch je Gedeck zwei Mark“

Dort, wo es einst „Table d’ hote á Couvert zwei Mark“ gab, so die zeitgenössische Eigenwerbung des ersten Hotelbetreibers (etwa „Mittagstisch je Gedeck zwei Mark“), sollen demnächst Implantat-Operationen aus den benachbarten OP-Räumen per Video übertragen werden. Der Speisesaal dient Zahnärzten als Schulungsraum.

Eine weitere Besonderheit des Gebäudes sind das Eingangsportal mit dem Kopf eines Fabelwesens (siehe Hintergrund) sowie das gusseiserne Treppenhaus mit seiner beinah schwerelos anmutenden filigranen Bauweise. Auch an ihnen hat der Zahn der Zeit genagt und der alte Glanz muss mühsam wiederhergestellt, zum Teil von alten Fotos, ähnlich wie bei der Dresdner Frauenkirche, rekonstruiert werden. Diese Charakter gebende Bauarchitektur steht später in Kontrast zur modernen funktionalen Gestaltung der Klinik. Sie ist künftig mit Labor, Zahnarztpraxis und stationärem Bereich sowie der Verwaltung auf den ersten drei Ebenen des Gebäudes zu finden und barrierefrei über einen neu eingebauten Fahrstuhl zu erreichen. Im zweiten Obergeschoss und dem Dachgeschoss sollen zehn Wohnungen zwischen 45 und 60 Quadratmetern entstehen, die ebenfalls per Aufzug erreichbar sind. Sie erhalten neue Balkone, denn wegen Fäulnisschäden wurden die alten samt ihrer Balken, die durch die Zimmerdecken führten, beseitigt. Stahlträger traten an die Stelle der Balken. Auch hier wird die Liebe des Bauherrn zu der ursprünglichen Architektur deutlich. Die Balkone werden nach ihren historischen Vorbildern rekonstruiert und mit den neuen Trägern verbunden.

Gepeinigtes Fabelwesen

Besonders gelitten hat das Fabelwesen am Eingangsportal durch starke Wasser- und Frostschäden an der Fassade. Bis zum Jahr 2004 war es unversehrt, wie das Archivfoto dokumentiert, das jetzt bei der Rekonstruktion helfen soll. Eingedrungenes Wasser hat in Verbindung mit Frost das Gesicht vor knapp zehn Jahren völlig zerstört. Der kraftstrotzende Männerkopf ist kein menschliches Abbild, sondern verkörpert ein Mischwesen, dass Tierisches und Menschliches miteinander vereint. Mit eindringlicher Mimik repräsentiert er die ursprünglichen Lebenskräfte der Natur, die noch nicht durch kulturelle Einflüsse gebändigt und verändert sind. Ein Erkennungsmerkmal hierfür sind die Akanthusblätter, die kunstvoll einen Männerbart nachbilden und das Kopfhaar zum Teil bedecken. Dieser Blattschmuck war besonders beliebt in der griechischen Antike und in der späteren Renaissance. Ende des 19. Jahrhunderts besann man sich auf den alten Baustil, den man in die moderne Villenarchitektur integrierte. Noch heute kann der Besucher der Hufelandstraße diese alten Baustile entdecken. Beim benachbarten Haus Waldeck ist sogar die komplette Fassade im Renaissancestil ausgeführt und erhalten. Das Mischwesen sorgte mit seiner furchterregenden Mimik für den Schutz des Hauses, indem es Böses noch am Eingang abwehrte. Eine solch furchterregende Gestalt war zum Beispiel der Hirtengott Pan. Der bocksbeinige behörnte Waldgott versetzte durch sein plötzliches Auftauchen die anderen in Schrecken. Dadurch verursachte er panische Angst und das Wort Panik entstand durch seinen Namen.

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