Landgericht Kassel will Überfall auf Zweiradhändler klären · Vier Angeklagte und ein Opfer im Zwielicht

Eistee, Kabelbinder und McDonald’s

Kassel/Edertal - Was steckt hinter dem Überfall auf einen Edertaler Zweiradhändler im August vergangenen Jahres? Auf diese Frage sucht seit gestern das Kasseler Landgericht eine Antwort. Spätestens Mitte August will die Sechste Strafkammer ein Urteil fällen.

Es ist der Stoff für einen Film, den die Angeklagten am Freitag während der sechsstündigen Eröffnung zusammenstellten: Drogen und Prostituierte, ausgefeilte Überfallpläne und Einschüchterungsversuche, Knast und Bewährung sowie Big Mac und Eistee verweben sich zu einer Geschichte, die nur die Wirklichkeit schreiben kann. Zu Prozessauftakt verwoben sich die vier Angeklagten aus dem Koblenzer Raum aber erst einmal in Widersprüche. Staatsanwaltschaft, der psychologische Gutachter und die Nebenklage sahen sich vier Angeklagten und fünf Verteidigern gegenüber – und fast ebenso vielen Varianten derselben Geschichte. Sicher ist nur: Die vier Männer (19, 20 und 41 Jahre alt) wollten vor zehn Monaten einen Edertaler um vermeintliches Drogengeld erleichtern. Deshalb statteten sie ihm einen „Besuch“ ab. Ein Angeklagter schlug ihn mit einer Fahrradkette nieder, dann fuhren sie laut Staatsanwaltschaft mit 15 000 Euro in der Tasche wieder nach Hause. Ein späterer Erpressungsversuch scheiterte, weil inzwischen die Polizei eingeschaltet worden war. Seitdem laufen die Ermittlungen, Tausende Seiten Unterlagen sind zusammengekommen, unter anderem aus einer Telefonüberwachung. Trotz dessen sind im Prozess mehr Frage- als Ausrufezeichen zu finden. Wer hat den Plan ausgeheckt? Woher kannten die Täter das Opfer und wussten um dessen Geld? Wer sorgte für die „Bewaffnung“ mit Teppichmesser und Kabelbinder? Welche Summe stahlen die Männer? Ein Ahnungsloser ? Ein Blick zurück auf den 26. August 2011: Gegen Mittag holt der 19-jährige Fahrer bei Koblenz zwei Kompagnons ab, die er kurz zuvor kennengelernt hat. „Ich sollte irgendwo hinfahren und Geld dafür bekommen“, versuchte der einzige Autobesitzer der Bande zu versichern, dass er bis zur Ankunft ahnungslos gewesen sei. Das bestritten allerdings die übrigen Kriminellen entschieden. „Jeder wusste, was wir vorhatten“, ließ einer der 19-Jährigen wissen. Auch auf dem Weg nach Wal­deck-Frankenberg soll der Plan zusammen mit dem vermeintlichen Strippenzieher, der inzwischen zugestiegen war, Thema gewesen. Die Männer machen Halt bei McDonald’s in Korbach. In einem nahe gelegenen Baumarkt kaufen sie, nachdem sie sich mit Eistee gestärkt haben, Handschuhe, Kabelbinder und Teppichmesser. Wie es dazu kommt, darüber existieren erneut unterschiedliche Meinungen. Während der Ältere stets darauf gedrungen haben will, die „Sache“ ohne Hilfsmittel durchzuziehen, behaupten die „Jungs“, von ihm zum Baumarkt geradezu befehligt worden zu sein. „Er hatte einen sehr harten Ton“, wollen sie sich erinnern. Ab geht es ins Edertal. Nach Ladenschluss betreten die drei „Jungs“ den Verkaufsraum des Zweiradhändlers, der Vierte im Bunde wartet im Auto. Sie geben vor, einen Motorroller kaufen zu wollen. Als der Händler im Büro verschwindet, um die Unterlagen vorzubereiten, folgen ihm die Täter. „Haben Stimmen verstellt“ Einer der jungen Männer hat sich zuvor eine Fahrradkette aus dem Verkaufsregal geschnappt und schlägt damit dem sich umdrehenden Gegenüber ins Gesicht. Dieser stürzt zu Boden, blutet. Ein Täter bindet ihm die Hände mit Kabelbindern zusammen und hält ihm als Drohung ein Teppichmesser vor das Gesicht. Schließlich übergibt der Edertaler eine Tasche mit Geldscheinbündeln, die in der Wohnung im Obergeschoss liegen. Das Gaunertrio zieht ab, entnimmt der Registrierkasse noch ein wenig Bares sowie ein Euro-Sammelalbum und droht: „Falls ihr die Polizei ruft, kommen unsere Auftraggeber.“ Unentschlossen sind die Gauner bei ihrer vorgetäuschten Identität. Die „Jungs“ tragen keine Masken. „Um trotzdem nicht erkannt zu werden, haben wir unsere Stimmen verstellt“, gibt ein Angeklagter Einblick in die Taktik. „Wir haben so getan, als kämen wir aus Russland“, geben die Deutschen mit Wurzeln in Kasachstan und Afghanistan zu Protokoll. Für eine einheitliche Identität konnten sie sich allerdings nicht entscheiden: Sie treten im Laufe des Überfalls auch als Gangmitglieder der „Bandidos“ und der „Hells Angels“ auf, wie sie selbst zugeben. Simkarten entfernen Der Schilderung der drei jüngeren Angeklagten zufolge tritt der Ältere als eigentlicher Chef auf. „Er hat uns verboten, Handys zu benutzen. Wir mussten die Akkus und die Simkarten entfernen. Außerdem hat er uns genau erklärt, wie wir vorzugehen haben“, sagen sie aus. Die Variante des Beschuldigten klingt da ganz anders: „Einer der drei wollte ein Ding drehen und hat mich gefragt.“ Zunächst sei geplant gewesen, ein Wettbüro zu überfallen. Doch nach einem lockeren Gespräch habe man sich entschieden, ins Edertal aufzubrechen und den Mann, der unter anderem mit Drogenhandel sein Geld verdient haben soll, um bis zu 120 000 Euro zu erleichtern. „Ich kannte das Opfer“ „Ich kannte das Opfer, hatte mit ihm bereits einige Drogengeschäfte abgewickelt“, so der vermeintliche Planer, der jedoch keine Summe in Aussicht gestellt haben will. Inwieweit das Opfer, das als Nebenkläger am Prozess beteiligt ist, vorher Beziehungen zu den Tätern hatte, ist nicht vollends geklärt. Alle vier Angeklagten gaben aber an, dass die Beute aus illegalen Geschäften mit Drogen stammen soll. Als sie in der Wohnung waren, wollen sie mehrere Haufen Drogen, unter anderem Cannabis und Pillen, gesehen haben. Zudem soll sich die Ehefrau des Ausgeraubten beim Eintritt gerade einen Joint angesteckt haben. Mindestens 15 Zeugen sollen bis zum Abschluss des Prozesses Licht ins Dunkel bringen. 15 000 Euro sollen die Diebe haben mitgehen lassen. Einig waren sie sich in ihren Aussagen bisher nur über 9000 Euro. Fortsetzung ist am 29. Juli.

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