Wildunger Ehrenbürger:Altbürgermeister Dr. Lückhoff feiert 80. Geburtstag

Erster Arbeitsplatz bei Willy Brandt

Wildungen im Wohnzimmer – Altbürgermeister Dr. Albrecht Lückhoff – hier mit einem Bild des unvergessenen „Henner ux d‘r Hingergasse“ (Heinz Rieder) – wird heute 80 Jahre alt.Foto: Höhne

Bad Wildungen - Gemeindegebietsreform, Umgehungsstraßen, Stadtring und Rathaus-Umbau waren Meilensteine in der Amtsperiode von Altbürgermeister Dr. Albrecht Lückhoff. Heute feiert der Ehrenbürger der Stadt Bad Wildungen seinen 80. Geburtstag.

Nach seinem Studium schnuppert der Jurist zunächst Berliner Luft. „Ich wurde vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt in städtischen Dienst übernommen.“ Das ist 1962. Acht Jahre später bewirbt sich der Regierungsdirektor um die überregional ausgeschriebene Bürgermeister­stelle in Bad Wildungen. „Es erschien mir reizvoll, in einer überschaubaren Verwaltungseinheit Verantwortung zu übernehmen.“Er kennt weder die Stadt noch einen einzigen „Wellunger“ und kommt auf Anhieb unter 20 Bewerbern in die engere Wahl. Jürgen Diederich, Lehrer und Stadtverordneter, hat bei einem Schulausflug in Berlin als Erster Kontakte geknüpft.

Lückhoff wird von der FDP nominiert - damals größte Fraktion im Parlament. Die CDU stellt einen, die SPD zwei Kandidaten. Im zweiten Wahlgang wird der promovierte Jurist mit deutlicher Mehrheit gewählt und am 1. September 1970 löst er Bürgermeister Heinrich Rodemer ab, der nach zehn Jahren krankheitsbedingt aus dem Amt scheidet. Der Parteilose setzt auf guten Umgangsstil mit allen politischen Richtungen und auf weitestgehend einvernehmliches Handeln, „was letztlich auch gelungen ist“. Sanierung und Umbau des Rathauses in der eng bebauten Altstadt und schwierige Verhandlungen mit den Eigentümern der Nachbargrundstücke sind besondere Herausforderungen. 1984 wird das erweiterte Verwaltungsdomizil mit Stadtbücherei und Stadtarchiv eingeweiht. Harmonisch verläuft die Eingemeindung der kleinen Gemeinden 1970/71. „Eine außerordentlich angenehme Erfahrung“, sagt Lückhoff heute. Der Braunauer Bürgermeister Fritz Lock habe den Vertrag gleich per Handschlag besiegeln wollen.

Neue Perspektiven für die Innenstadt eröffnet die Ortsumgehung. Denn der Verkehr quält sich bis dahin durch die Altstadt. Die Pläne für eine Nordumgehung liegen bereits bei Amtsantritt fix und fertig in der Schublade. Doch dann gibt es einen Sinneswandel für eine Südtangente, die durch eine Bürgerinitiative unter Leitung von Gertrud Fritsche beflügelt wird und auch Lückhoffs Sympathien genießt. Das Parlament beschließt, und zehn Jahre später - Anfang der 80er-Jahre - rollt der Verkehr auf der Umgehung. Über 800 Parzellen sind vom Bau betroffen, mit mehreren Hundert Eigentümern wird Einvernehmen erzielt. „Wir haben nur einen Prozess geführt, und den gleich in erster Instanz mit einem Vergleich abschließen können.“

Zu Rathaus, Brunnenallee, Heloponte, Kaiserlindenplatz werden Architektenwettbewerbe ausgeschrieben. „Viele kluge Gedanken sind in die Planungen eingeflossen“, bescheinigt Lückhoff. Eine „kleine Sensation“ ist es, dass mit Bernd Gehring ein Wildunger erstprämierter Preisträger beim Rathaus-Umbau wird. Lückhoff legt Wert auf den Rat externer Fachleute. In seiner 24 Jahre dauernden „Ära“ entwickelte sich Wildungen zu einer der größten Kur­städe in Deutschland. Mit seiner verbindlichen Art, einem Schuss Humor und seinem unverwechselbaren Auftreten hat sich der Altbürgermeister viele Sympathien erworben.

Mit Energie und Sachverstand bringt er sich auch ehrenamtlich ein. Über 20 Jahre hat er den Kirchenkreis der Eder in der Landessynode und im Rat der Landeskirche vertreten und arbeitete auf Kirchenkreisebene mit. Er engagierte sich bei der Lebenshilfe und ist Mitbegründer der Gemeinschaft der Freunde von Schloss Friedrichstein. Die einstige Bauruine erstrahlt seit 1980 wieder als Wahrzeichen am Altwildunger Schlossberg.

„Wildungen ins Herz gewachsen“

Mit einem ausgiebigen Frühstück und intensiver Zeitungslektüre startet der aktive Pensionär jeden Morgen in den Tag. „Ich freue mich über Gelingendes in der Stadtentwicklung und stelle Kritisches hintenan.“ Nur bei einem einstigen Vorzeigeprojekt kann er sich Kritik nicht verkneifen. „Es betrübt mich, dass das vom Land erstellte und von der Stadt übernommene Kurhaus so ins Abseits geraten und einem ungewissen Schicksal überlassen worden ist.“

Grund zum Hadern besteht an seinem 80. Geburtstag keineswegs. „Es war eine wunderbare Fügung, dass mich der Weg nach Wildungen geführt hat, in eine Stadt, die mir vor 1970 überhaupt nicht bekannt war, die mir im Nachhinein aber ins Herz gewachsen ist und in der ich bis zu meiner Tage Ende gern leben werde.“ Die Stadt bereitet ihrem Ehrenbürger heute einen Empfang.

Porträt

Dr. Albrecht Lückhoff wurde am 3. Januar 1933 in Pfaffendorf im östlichen Riesengebirge als jüngstes von vier Kindern geboren. Der Vater war Verwalter eines Stifts mit Landwirtschaft und Forsten. Lückhoff erlebte den Einmarsch der russischen Besatzung und die Übernahme durch Polen mit.

Nach Kriegsende wurde die Familie aus ihrer Heimat in Schlesien vertrieben und kam nach Niedersachsen. 1950 folgte der Umzug nach Allensbach am Bodensee. Dort baute Albrecht Lückhoff sein Abitur. In Freiburg und München studierte er Rechts- und Staatswissenschaften. Seine beiden Staatsexamen legte er in Baden-?Württemberg ab, die Dissertation schrieb er am Lehrstuhl für Rechtsphilosophie und evangelisches Kirchenrecht in Freiburg.

1962 ging Lückhoff als Regierungsassessor in die Stadtverwaltung nach Berlin. 1970 bewarb er sich als Bürgermeisterkandidat in Bad Wildungen und wurde im zweiten Wahlgang gewählt. Am 1. September trat er sein Amt an. 1976 wurde der Bürgermeister für zwölf Jahre wiedergewählt und 1988 noch einmal für eine sechsjährige Amtsperiode.

Bei seinem Eintritt in den Ruhestand Ende August 1994 wurde Dr. Lückhoff zum Ehrenbürgermeister der Stadt Bad Wildungen ernannt. Gemeinsam mit seiner aus Halle stammenden Ehefrau Margarete hat er zwei Kinder – der Sohn ist Theologe, die Tochter Juristin. Zum heutigen Ehrentag gratulieren sechs Enkelkinder.(höh)

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