Achim Seidlitz erzählt von besonderes Beispiel deutsch-polnischer Aussöhnung

Europa, der Uropa und sein Stein

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Achim Seidlitz (rechts auf dem rechten Foto) reiste mit seinem Cousin jüngst zu dem Gedenkstein.

Bad Wildungen. - Europas Image bröckelt, gerade bei den eigenen Bürgern: Finanz-, Euro-, Wirtschafts-, Arbeitsmarktkrise. Was Europa aber ausmachen kann, welchen Schatz die Einigung darstellt - davon erzählen wohl am besten Geschichten wie die von Achim Seidlitz.

Sie beginnt mit einem Brief oder genauer: Wie der Wildunger in alten Fotoalben seines verstorbenen Vaters auf diesen Brief stieß, der in einem Umschlag steckte. In den 1980er Jahren hatte ein Großcousin des Vaters geschrieben zwecks Austauschs von Familienfotos.

Der 30 Jahre alte Brief enthielt eine Telefonnummer. „Die wählte ich an“, berichtet der Wildunger. Am anderen Ende meldete sich tatsächlich der Verfasser des Schreibens, „und als ich meinen Namen nannte, meinte er sofort: ‚Du bist doch der Sohn vom Hans-Joachim Seidlitz‘ und dass wir denselben Urgroßvater hätten: Egomet Arnold-Hugo Brahtz.“

Das Telefongespräch förderte Faszinierendes zu Tage: „Wusstest du, dass unserem Urgroßvater in Landsberg an der Warthe - im heute polnischen Gorzów Wielkopolski - ein Gedenkstein gewidmet ist? Das fragte er mich, und mir war das neu.“

Der Mann am anderen Ende der Leitung hatte die Information von der „Arbeitsgemeinschaft Landsberg Warthe“, einem von Vertriebenen gegründeten Verein. Herford und das heutige Gorzów sind seit 1995 durch eine Städtepartnerschaft verbunden, an deren Zustandekommen die Arbeitsgemeinschaft maßgeblichen Anteil hatte. Ein Beispiel gelebter Versöhnung in Europa, zumal sich die Kontakte in vielfältiger Weise ausgeprägt haben.

Urgroßvater Egomet Brahtz spielt dabei eine Rolle. Der Verein der Landsberger und Interessierte aus Gorzów beschäftigen sich seit Längerem mit ihm und seinem Gedenkstein. Gorzów ist eine Stadt der Parks. Egomet Brahtz (geboren 1838, gestorben 1918), Bauunternehmer, Gründer des Parks „Zanziner Wäldchen“, Stadtrat und umtriebiges Mitglied des Landsberger Verschönerungsvereins, gilt als einer der Väter des „grünen“ Gorzów/Landsberg.

1923 ehrte seine Heimatstadt ihn durch das Aufstellen eines Gedenksteines, der außer einer Inschrift eine ovale Bronzeplakette mit dem Profil von Brahtz als Relief trug. Mit der Zeit wurde der Stein komplett überwuchert und die Plakette verschwand.

2001 weckten die Gorzówer das Denkmal aus dem Dornröscheschlaf, ließen es gemeinsam mit der Herforder AG Landsberg von einer Künstlerin restaurieren und nach historischen Fotos die Plakette rekonstruieren. Gefunden auf dem Gelände des Wasserwerks, wurde es an eine passendere Stelle versetzt: den Eingang des von ihm einst begründeten, zentralen Parks Slowianski.

„Mir fiel auf, dass 2013 der 175. Geburtstag meines Urgroßvaters ist“, berichtet Achim Seidlitz. Er nahm Kontakt mit der Stadtverwaltung in Gorzów auf und schlug vor, aus diesem Anlass einen Kranz am Gedenkstein niederzulegen. So lernte Seidlitz einen Journalisten und Regionalhistoriker aus der Stadt kennen, der sehr gut Deutsch spricht und sich auch mit der deutschen Vergangenheit Gorzóws beschäftigt: Robert Piotrowski. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung griff Piotrowski den Vorschlag von Seidlitz auf, in dessen Namen er bei der kleinen Feier vor einigen Wochen einen Kranz niederlegte.

Die Zeitschrift der Herforder Landsberger berichtete von der Zeremonie und zitierte die stellvertretende Stadtpräsidentin Alina Nowak, die Brahtz als wichtige Persönlichkeit würdigte, „dessen Werk wir bis heute nutzen. Deswegen wollen wir ihn ehren und ihm unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.“

Seidlitz bedauert, dass er selbst an dem Tag nicht nach Polen reisen konnte. Wenig später holte er das aber mit einem Cousin nach. Sie seien warm und freundlich empfangen worden. Die alte Villa des Urgroßvaters steht ebenso noch wie das Haus, das sein Schwiegersohn Otto-Julius-Friedrich Seidlitz nebenan baute, Großvater von Achim. „Als wir uns die Häuser anschauten, wurden wir von einer alten Frau angesprochen. Sie wusste sofort, worum es ging, als wir unsere Namen nannten“, erzählt Achim Seidlitz.

Gelebte Versöhnung; Deutsche und Polen erweisen gemeinsam einer Gründerpersönlichkeit der Stadt die Ehre. Auch das ist Europa im Jahr 2013.

Finanzkrise, Eurokrise, Wirtschaftskrise, Arbeitsmarktkrise lauten die Herausforderungen für die Bewohner des Kontinents heute.

Gerade einmal 100 Jahre zuvor, 1913, standen sie vor den zwei grausamsten Kapiteln ihrer Geschichte.(su)

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