Sieben ältere Erwachsene bedrängen junge Schwerbehinderte wegen in der Sonne angeleinten Hundes

Falscher Tierschutz artet in Nötigung aus

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Bad Wildungen - Die Mischlingshündin „Tumay“ ist für Michaela* mehr als nur ein Hund. Sie vermittelt ihr ein sicheres Gefühl, wenn sie selbstständig in die Stadt geht. Die 21-Jährige ist autistisch veranlagt und neigt überdies zu epileptischen Anfällen, sodass sie Schwerbehindertenstatus hat. Doch seit knapp zwei Wochen traut sich Michaela mit Tumay nicht mehr nach draußen.

Die Ursache liegt in einem traumatischen Erlebnis vor der Wildunger Fürstengalerie an dem heißen Freitag vorletzter Woche. Vier ältere Frauen und drei Männer nahmen ihr den Hund weg, drohten ihr damit, dass sie ihn nie zurückbekommen werde, und gingen mit Vorwürfen in einer Art und Weise auf das Mädchen los, dass es davonlief und verzweifelt seine Mutter an der Arbeit um Hilfe anrief.

So beschreibt die Mutter das Geschehen. Anlass des Tumultes: Um mit ihrer ebenfalls beeinträchtigten Freundin in der Galerie einige Einkäufe zu erledigen, band Michaela ihren Hund vor der Passage fest. „Es ist ja verboten, den Hund mit hineinzunehmen“, sagt die Mutter. Ihre Tochter könne Zeit zwar schlecht einschätzen, aber das Tier habe sicher nicht länger als eine halbe Stunde draußen gewartet.

Darin erkannten mehrere Passantinnen und Passanten Tierquälerei. Sie banden die Hündin los, brachten sie nach innen und stellten ihr eine Schale Wasser hin.

Tochter stand kurz vor einem epileptischen Anfall

Als Michaela zurückkehrte, entbrannte die Auseinandersetzung. „Wer meine Tochter nicht kennt, muss wegen ihrer auch äußerlich verzögerten Entwicklung davon ausgehen, dass er ein Kind vor sich hat“, sagt die Wil­dungerin. Das habe die vier älteren Frauen und drei Männer nicht davon abgehalten, sich in der beschriebenen, aggressiven Weise ihr gegenüber zu benehmen. Die Mutter eilte nach dem Anruf ihres Kindes zur Galerie.

„Die Menschentraube stand um meine Tochter und deren Freundin. Die Leute schrien mich an, dass die Polizei auf dem Weg sei und der Hund mir nicht zurückgegeben werde“, erinnert sie sich. Einige der sieben selbst ernannten Tierschützer kündigten an, den Hund ins Tierheim zu bringen. „Meinem Hund ging es aber sehr gut. Er freute sich, als ich kam, und lag völlig entspannt auf dem Boden. Das Wasser hatte er nicht angerührt“, fährt die Wildungerin fort. Ihre Tochter jedoch habe kurz vor einem epileptischen Anfall gestanden.

Reden sei mit der aufgebrachten Gruppe nicht möglich gewesen. So löste sie ihren Hund vom Halsband, weil eine ältere Frau die Leine nicht losließ, und brachte ihn ins Auto. Selbst jetzt wollte diese eine Seniorin nicht nachgeben, fasste die Autotür und wollte Tumay ihrer Eigentümerin entwinden. „Einer der Männer drohte mir damit, mich ins Internet zu setzen“, berichtet Michaelas Mutter. Sie habe den Leuten ihre Visitenkarte angeboten, kennt ihrerseits die Verantwortlichen der Aktion aber nicht.

Die Polizei bestätigt auf Anfrage, dass sie von den militanten „Hundefreunden“ angerufen worden sei. Allerdings fuhr niemand hinaus, sondern die Beamten versuchten am Telefon, die Situation zu beruhigen. Vom Schwerbehindertenstatus Michaelas erfuhren sie nichts.

Eine zweite Information ist dazu geeignet, Fassungslosigkeit auszulösen. Denn während die sieben Erwachsenen für das vermeintliche Wohl des Hundes stritten, lag laut Polizei wenige Meter weiter eine alkoholisierte, hilflose Person auf der Erde. Um sie kümmerte sich niemand.

Daniela Kotitschke, Hundetrainerin und Leiterin des Wildunger Tierheims, findet deutliche Worte für das Verhalten der selbst ernannten „Tierschützer“ von der Galerie: „Ich hätte Anzeige erstattet.“

Ein Hund, der für begrenzte Zeit in der Sonne angeleint sei, nehme keinen Schaden. Wenn ein Tier in so einer Situation leide, erkenne man das an unruhigem Verhalten und Fiepen. „Hecheln sagt nichts aus, denn das ist der normale Weg, auf dem Hunde ihre Körpertemperatur regeln, weil sie nicht schwitzen können.“

Tierheim hätte Hündin sofort zurückgegeben

Hätte tatsächlich jemand aus der beteiligten Gruppe den Hund ins Tierheim gebracht, „wäre ich stehenden Fußes in die Stadt gefahren, um ihn seiner Besitzerin zurückzugeben“, unterstreicht Daniela Kotitschke.

Weil Menschen heute vielfach falsch gegenüber fremden Tieren reagieren, rät sie allerdings davon ab, den eigenen Hund in der Öffentlichkeit allein zu lassen. „Meinen Hund hätte man nicht mitnehmen können, denn er hätte sich gesträubt - und wenn er dabei jemanden beißt, bekommen Sie als Halter ein Problem“, fügt sie hinzu.

Tumay kam vor fünf Jahren aus Spanien nach Wildungen

Michaelas Mutter überlegte zunächst, Anzeige wegen Nötigung gegen die Beteiligten zu erstatten, doch sie will ihre Tochter nicht zusätzlich belasten. Tumay stammt aus Spanien, lebt seit fünf Jahren in der Familie und befindet sich in der Ausbildung zum Begleithund. Die Mutter hofft, dass Michaela bald halbwegs wieder neues Vertrauen fasst - nicht etwa in ihren Hund, sondern darin, dass fremde Menschen ihn ihr nicht wegnehmen.(*Name geändert)

Von Matthias Schuldt

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