Spektakel mit Rittern, Wikingern und Mongolen

Mit Feuer und Schwert zurück ins Mittelalter - Video

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Edertal - Ja so warn´s, die alten Rittersleut´! Wirklich? Bei aller Show, augenzwinkernd vorgetragen, räumten „Heimdalls Erben“ bei ihrem MIttelalterspektakel am Wochenende mit vielen Vorurteilen von heute über die Zeit von damals auf.

Der Campground des Harleytreffens am Affolderner See bot Platz für eine Zeltstadt ganz anderer Art. Lagerleben wie vor 800 bis 1000 Jahren empfing die vielen Zuschauer von alt bis jung. Ritterschaften aus ganz Deutschland, die sich dem Hobby verschrieben haben, als mittelalterliche Gruppen durch die Lande von Veranstaltung zu Veranstaltung zu ziehen, präsentierten sich mit Rüstungen, Alltagskleidung und allerlei Gerätschaften dem staunenden Publikum.Höhepunkt des Ganzen war das Ritterturnier, bei dem Gräfinnen und Grafen, Wikinger und Mongolen zu Pferde ihre Geschicklichkeit im Umgang mit Lanze, Wurfaxt, Pfeil und Bogen, Feuer und Schwert unter Beweis stellten, angetrieben vom Applaus des Publikums. Zugeschnitten war das Programm auch auf die vielen Kinder, die für geraume Zeit Smartphone und Tablet vergaßen und eintauchten in die farbige, actionreiche Realwelt der Reitershow und des Lagerlebens. Ein O und A ging durch die Reihen, wenn die an ihrer Spitze brennende Lanze – im vollen Galopp auf dem Pferderücken vom Wikinger geführt – ihr Ziel traf und eine Stichflamme vom Helm des Fußsoldaten in den Himmel schoss. Wilhelm Tell ließ hier grüßen, nur dass ein spiritusgefüllter Ballon statt eines Apfels den eisenbewehrten Kopf des tapferen Komparsen zierte. Gewürzt mit einem guten Schuss Slapstick mundete das Spektakel speziell den Jüngsten noch besser: „Neiin, mein Ferd hadd geinen Gopf mehr...“, lallte der eben noch edle, nach vier Bechern Wein nun sturzbetrunkene Ritter, von eher trauriger Gestalt verkehrt herum auf seinem Ross hockend.

Zum Lanzenduell mit „Birte aus der Steppe“ war der Kopf aber wieder klar und „Heimdalls Erben“ fuhren den verdienten Schlussbeifall ein. Mindestens ebenso spannend und unterhaltsam waren für die Besucher die Gespräche mit den Akteuren des Lagerlebens. Dort erfuhren Wissbegierige manch Überraschendes aus dem Dasein eines Ritters, etwa von „Georg Ritter von den Dreher zu Lorche und Borkum“, im bürgerlich-modernen Leben Jörg Dreher genannt: „Vergesst, was Ihr aus Filmen der 50er Jahre kennt: Zwei Ritter, die in vollen Rüstungen mit Bidhändern, zweihändig geführten Schwertern, eine Viertelstunde lang zu Fuß aufeinander einschlagen – das gab´s nie. Die wären an Hitzschlag gestorben.“ Der vom Pferd gefallene Ritter, der wegen der Schwere seiner Rüstung nicht mehr aufstehen kann: auch das eine Mär. Im Kampf mussten die Ritter beweglich sein und so waren trotz eines Gewichts von 40 bis 50 Kilogramm auch ihre Rüstungen gefertigt. Scharniere an den Platten garantierten Flexibilität der Gelenke und auch allein wieder aufs Pferd steigen waren den gepanzerten Reitern möglich. Das war erst anders, als die Ritterturniere im 16. und 17. Jahrhundert zu reinen Schaukämpfen mutiert waren, der Helm am Brustpanzer verschraubt und die Lanze eingelegt wurde. Da waren längst Landsknechte mit Musketen und Kanonen auf den Schlachtfeldern unterwegs.Als die Ritter noch das Rückgrat der Heere bildeten, führten sie die Schwerte einhändig, fünf, sechs Hiebe zu beiden Seiten des Tieres und ein Kampf war vorüber, der nächste Gegner rückte heran. „Aber nicht etwa, weil der Gegner tot oder auch nur kampfunfähig war“, erklärte Ritter Georg seinen Zuhörern. In der Regel erlitten die Kämpfer Verwundungen, die nicht sofort ihr Leben beendeten, sondern sie starben zumeist in der Folge an Tetanus, weil man zu wenig über die richtige Behandlung von Wunden wusste. Pferdemist galt als Heilmittel und erzeugte erst recht lebensbedrohliche Infektionen. Immerhin: Zum Auswaschen pinkelte man häufig auf Wunden. Urin enthält selbst zumeist keine Keime.Bevor er aber die Waffe überhaupt führen durfte, musste ein Knappe eine lange Ausbildungszeit durchlaufen. Erst mit 21 Jahren konnte er Ritter werden. „Der Ritterschlag war eine symbolische letzte Ohrfeige. Eine solche Demütigung beantwortete der Ritter künftig mit dem Schwert“, berichtete „Georg von den Dreher zu Lorche und Borkum“. (su)

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