Beim geringsten falschen Geräusch gerät das aufgefundene Pferd in Panik und kann durchgehen

Findelstute ist ein traumatisiertes Tier

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Böhne - Sie steht im Stall, die kleine, gescheckte Stute mit der rätselhaften Geschichte. Niemand weiß bislang, wem sie gehört. Die Ermittlungen dauern an. Niemand weiß, woher sie kam; damals, in der zweiten Märzwoche.

„Sie tauchte vor unserem Gatter auf und schaute zu unseren Pferden hinüber“, erinnert sich Cornelia Ostermann. Die Böhnerin öffnete das Tor und ließ das Tier hinein. Als aber das Tor ins Schloss zurückfiel, versetzte das metallische Klicken die zugelaufene Stute in helle Panik, so dass sie über die Zäune hinweg nach allen Regeln der Kunst durchging – „und mit ihr all unserer Pferde“, berichtet die Besitzerin von „Connys Farm“, wie sie ihr Gelände am Ortsrand benannt hat. „Bis Mitternacht waren wir unterwegs, um die Tiere wieder einzufangen, zum Teil im Wald.“ Cornelia Ostermann hatte in den Tagen und Wochen zuvor von Spaziergängern gehört, die im Wald das gescheckte Pferd beobachtet und vergeblich versucht hatten, es einzufangen. Die Scheu, geradezu Angst der Stute vor Menschen kommt nicht von ungefähr, ist die Reiterin überzeugt: „Sie ist ein traumatisiertes Tier. Nicht allein schlecht gepflegt, sondern sie wurde mit Sicherheit misshandelt.“ Um die Hufe des geschätzt zwei Jahre alten Tieres hat sich noch nie jemand gekümmert. Cornelia Ostermann brauchte eine Woche, bevor die Stute zuließ, dass ihr das Fell etwas gebürstet wurde. Eine weitere Woche verging, ehe es der Böhnerin gelang, dem Schecken ein Halfter überzuziehen und eine dritte Woche, bis sie einen Strick am Halfter befestigen konnte. „Beim Klicken des Karabinerhakens geriet sie wieder in Panik und ging beinah über die Stalltür“, beschreibt Cornelia Ostermann den inneren Zustand ihres Schützlings. In die kleine Herde oberhalb von Böhne hat sich die Stute dagegen rasch eingefunden, wird von den anderen akzeptiert. Wie es für sie weitergeht, ist trotzdem ungewiss. Bislang haben die Behörden noch keine Erkenntnisse über den Besitzer, für den Cornelia Ostermann keinerlei Verständnis hegt. Auch dann nicht, wenn der falsche Umgang mit dem Tier aus Überforderung herrührt. Zurück zum ursprünglichen Eigentümer? Das will Cornelia Ostermann darum auf keinen Fall zulassen, „und ich kann mir nicht vorstellen, dass man im Veterinäramt anders denkt“, meint sie. Ein Happy-End bedeutet das für die Stute jedoch noch lange nicht. Cornelia Ostermann gibt ihr die Chance, sich zu entwickeln, ist aber skeptisch, „dass jemals ein dem Menschen zugewandtes Tier aus ihr wird.“ Bleiben die Panikattacken beim geringsten falschen Geräusch bestehen, dürfte es auch all denen schwer fallen, den Schecken dauerhaft aufzunehmen, die das laut Internet-Diskussionen gerne und sofort täten. Wenn ein 500 Kilogramm schweres Tier durchgeht, läuft die Gefahr mit.Selbst als Beistellpferd müsste die Stute ein Mindestmaß an Gelassenheit mitbringen, damit einem etwaigen neuen Besitzer nicht regelmäßig dasselbe passiert wie Cornelia Ostermann am ersten Tag ihrer Begegnung mit dem Findeltier. Wegen ihres Erscheinungsbildes hat Cornelia Ostermann der Stute einen indianischen Namen gegeben: Nayla. Übersetzt bedeutet das „Geschenk“, und was Hoffnung macht: Das Geschenk ist bestechlich. Nayla frisst ein Stück Möhre auch dem vollkommen fremden Besucher aus der Hand. (su)

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